Nina Kluth in der Galerie Doerrie * Priess

Nina Kluth · Gefionstrasse, 2005, 70 x 80 cm, Öl auf Nessel, © ProLitteris, Zürich

Nina Kluth · Gefionstrasse, 2005, 70 x 80 cm, Öl auf Nessel, © ProLitteris, Zürich

Besprechung

Die Galerie Doerrie * Priess, 1987 in Hamburg gegründet, eröffnet im September eine Dependance in Berlin. Die erste Ausstellung in den neuen Räumen in der Yorckstrasse bestreitet die Malerin Nina Kluth.

Nina Kluth in der Galerie Doerrie * Priess

Die Malerei von Nina Kluth (*1974, lebt in Berlin und Hamburg) ist auf pointierte Weise üppig und hat fast immer etwas wuchernd Überbordendes, das zugleich in spannungsreicher Balance gehalten bleibt. In den meisten der bisherigen Bilder Kluths dominiert der Gestus, die farbige Linie, mit der sie über scheinbar leicht hingeworfene Flecken, flüssig ausufernde Farbfelder oder blasse Leerstellen hinweg charakteristische Rhythmen aufbaut, die sich zu vage naturalistischem Bildeindruck verdichten und aus abstrakten Pattern heraus meist verblüffend starke Raumtiefe entfalten. Landschafts- und Architekturmotive sind deutlicher Bezugspunkt ihrer Malerei; das spiegelt sich auch in sachlich-lapidaren Bildtiteln, in denen Kluth präzise Verortungen vornimmt: «Hein-Köllisch-Platz», 2004, oder «Gefionstrasse», 2005, etwa bezeichnen bekanntes Hamburger Lokalkolorit. Andere Titel wie «Gelbes Bild», 2004, oder «Studie mit hellblauer Fläche», 2005, betonen stärker die rein malerische Seite. Doch ist beides bei Kluth stets gleichermassen präsent und eng verwoben: Sie entwickelt Bildräume dicht an der Grenze zur Abstraktion, formuliert ihr Werk regelrecht an dieser Linie entlang und erprobt immer wieder neue Näherungs- und Mischverhältnisse, in denen sich abstrakte und gegenständliche Lesarten konfrontieren, verschmelzen, ausreizen lassen. Die Bilder bestehen auf einem eigenwilligen Fliessgleichgewicht, changieren zwischen verschiedenen Graden von Abstraktion: Was eine Linie andeutet, wird durch die nächste vielleicht wieder in Frage gestellt und so spielen hier Farbe und Gegenstandbezug, Materialität und suggerierter Raum auf raffinierte und meist nicht weiter aufzulösende Art ineinander. «Mich interessiert die Leinwand als Bildraum, in dem sich Gesten verorten», so Kluth. «Jeder Pinselstrich verhält sich dazu, ist konstruktiv für diesen oder dekonstruktiv. Ich wünsche mir, dass diese Gesten wie Persönlichkeiten im Raum fungieren. (...) Bezüge wie Bäume, Seen, Häuser sind Platzhalter, Einstiegshilfen, angelegt auf eine Betrachtungsweise, die sich im Abstrakten fortsetzt.» Dazu passt, dass Kluth sich motivisch überwiegend auf das Mischgebiet der «Stadtnatur» bezieht. Hier werden keine Idyllen beschworen, vielmehr entziffert man aus dem Farbfluss heraus wirr wachsendes Gebüsch oder verschossenes Unterholz, das, eingegrenzt von Mauern und Fassaden, ganz aus der eigenen Form geraten ist und sich wie amorphes Barock ans steinerne Beharren der Gebäude heftet. Mal wuchernd, mal von diesen klein gehalten. Kluth interessieren solche Motive als Konstellation voller Künstlichkeit ? ein unerschöpflicher Fundus, den sie mit gut artifizieller Grobheit in Malerei übersetzt, facettenreich wie virtuos in Abstraktion hinein verlängert. Neuere Arbeiten fallen dabei tendenziell «malerischer» aus: In Bildern wie «Am Westhafen», «Helle Studie» oder «Dunkler Park», alle 2005, etwa verdichtet sich das nervöse Liniengeflecht zu komplexen, satten Farbballungen. Kluth setzt auch weiterhin die spröde Schönheit einer verfälschten und verpfuschten, darin aber doch auch wieder fremden, verwunschenen und grossartigen Natur ins Bild.

Bis 
28.10.2005
Autor/innen
Jens Asthoff
Künstler/innen
Nina Kluth

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