«Les archipels imaginaires» im Fri-Art Centre d´Art Contemporain

Markus Schwander · Untitled. Chewed, 2000-2006, Mischtechnik, verschiedene Grössen, Courtesy Galerie Tony Wuethrich, Basel

Markus Schwander · Untitled. Chewed, 2000-2006, Mischtechnik, verschiedene Grössen, Courtesy Galerie Tony Wuethrich, Basel

Besprechung

Imaginäre Inseln: Unter dieser poetischen Metapher für das künstlerische Schaffen vereint Kuratorin Sarah Zürcher so gänzlich unterschiedliche Positionen wie die von Reto Boller, Carlos Garaicoa und Markus Schwander mit jeweils einer ganzen Rauminstallation.

«Les archipels imaginaires» im Fri-Art Centre d´Art Contemporain

Die Welt, die Schwander aus Versatzstücken seiner künstlerischen Produktion der letzten Jahre erschafft, stellt in der Tat so etwas wie ein imaginäres Paralleluniversum dar, in dem sich die Dinge selbst klonend fortzupflanzen scheinen. Bevölkert wird die Landschaft hauptsächlich von den seit 1999 entstandenen Kaugummiskulpturen, welche erst im Mund mit Zähnen, Zunge und Speichel geformt und dann als Abdrücke in allen möglichen Grössen und Farben - glänzend, matt oder gescheckt - in Polyurethan oder Beton gegossen wurden. Im Fri-Art quellen sie als monumentale Positivformen sogar aus den weissen Gipswänden und ihre kleinsten Ableger sind auf eine breiig-gespachtelte, von der Decke hängende Kugel aufgepfropft. Auch die obligatorische Bank findet sich auf dem Kiesboden, doch diesmal nicht als Sockel für Kaugummis oder Bananengeschwüre, sondern als integraler Teil der Gesamtinszenierung. Betitelt ist das surreale Archipel mit «Untitled. Chewed (2000-2006)» und es beweist, dass auch mehrfach Durchgekautes zu überraschenden Ergebnissen führen kann.

Durch einen Türspalt leuchtet es türkis-grün, wie das Meer am Horizont. Es handelt sich um eine minimal-konstruktive Installation von Reto Boller, die den schmalen Nebenraum in Besitz nimmt ? oder ist es doch eher Malerei, die sich per Bahnen von farbigem Vinyl vom Boden über die Wand zur Decke erstreckt, und den Raum zum Farbraum werden lässt?

Ein anderer Begriff insularer Wirklichkeit herrscht im Obergeschoss, wo Carlos Garaicoa eine Retrospektive seiner Videoarbeiten in einer mehrteiligen Installation entwickelt hat. Ausgangspunkt und Thema von Garaicoas Werk ist seine Heimat Kuba, welche vom Exilautor Guillermo Cabera Infante auch als «eine Insel der Zweideutigkeiten» beschrieben wurde. Einige der 17 Filme sind auf Flatscreens in eine Wandinstallation mit dem Titel «Der Gast/L´invité/The Guest» integriert, welche aus bunten, aufgespiessten kubanischen Schmetterlingen hinter Glas sowie den gerahmten schriftlichen Einladungen zu all seinen internationalen Ausstellungen besteht. Beim Studium dieser offiziell verfassten Schreiben wird klar, dass diese nicht etwa als Trophäen einer erfolgreichen Künstlerkarriere zu lesen sind, sondern schlichtweg einem Zweck dienten: dem Künstler und seinen Assistenten die Ausreise aus Kuba und den Aufenthalt im jeweiligen Gastland für einen präzise festgelegten Zeitraum zu ermöglichen. Ein weiteres zentrales Thema in Garaicoas Werk ist Architektur als Metapher ? in dem Film «I don´t want to see my neighbours anymore» wird der zunächst konstruktive Akt des Bauens schnell umgedeutet in einen der Isolation und Eingrenzung, wenn nämlich Mauern in Berlin, Tijuana oder der Westbank Menschen von ihresgleichen trennen.

Bis 
14.10.2006

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