Überzeichnete Charaktere

Armen Eloyan, Foto: Oliver Kielmayer

Armen Eloyan, Foto: Oliver Kielmayer

Bend over, 2006, Öl auf Leinwand, 240 x 540 cm, Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

Bend over, 2006, Öl auf Leinwand, 240 x 540 cm, Courtesy Galerie Bob van Orsouw, Zürich

Fokus

Das Komische hat es Armen Eloyan angetan, das Humorvolle ebenso wie das Mysteriöse. Amüsant sind vor allem kleine Markierungen, die der Künstler auf Fotografien anbringt, die er in alten Zeitschriften oder auf Flohmärkten findet. Die Charaktere hingegen, die aus einem malerischen Sampling verschiedener Comicfiguren entstehen, haben mit der Harmlosigkeit ihrer Vorlagen nicht mehr viel gemein.

Überzeichnete Charaktere

Die zwiespältige Komik des Armen Eloyan

Expression und Setzung  Bei der ersten Begegnung mit Armen Eloyans Arbeiten fällt vor allem deren expressiver Charakter ins Auge. Filzmarker oder Bleistifte in den Zeichnungen werden ebenso schnell geführt wie die Pinsel in den Malereien; die Farben sind stellenweise derart pastos aufgetragen, dass sie sich durch das fehlende Abwarten der Trocknung zur abstrakten, autonomen Malerei vermischen. Die Bilder, selbst die grossformatigen Malereien, entstehen a la prima innerhalb eines einzigen Tages; danach wird höchstens an einigen wenigen Stellen korrigiert oder zu Ende gearbeitet. Der erste Eindruck ist jedoch trügerisch, denn es geht nicht um den expressiven Akt allein. Zum einen geht jedem Bild eine längere Vorbereitungszeit voraus, in der es nach und nach in der Vorstellung des Künstlers Gestalt annimmt. Zum anderen erfahren viele Arbeiten eine Art Nachbearbeitung, insbesondere dann, wenn verschiedene, von Eloyan sinnigerweise «Test drawings» genannte Zeichnungen gemeinsam mit Gemälden und Collagen zu einer Wandinstallation zusammengestellt werden. Ein Beispiel einer solchen Zusammenfassung ist die Wandarbeit «Falscher Hase» von 2006; sie ist kein spontanes Arrangement verschiedener Bilder, sondern das Ergebnis aus einem reflektierten Setzungsprozess, der Tage und Wochen in Anspruch nehmen kann.

Monströse Kinderwelt  Die Abfolge, an der sich die Zusammenstellung von Bildgruppen orientiert, folgt laut Eloyan der Logik von Comics. Wie der Film entwickeln sich Comics zwar meistens chronologisch, doch teilen sie die Seite in verschieden grosse Bilder auf und gestalten die Leserichtung mitunter nach ästhetischen Grundsätzen. Dies erlaubt einerseits, einem einzelnen Bild durch Farbe oder Grösse eine besondere Relevanz zu geben, andererseits die in der Sprache gewohnte Leserichtung - von links nach rechts, von oben nach unten - aufzubrechen. Eine noch massgeblichere Rolle spielen die Comics bei Eloyan auf der Ebene der Bildmotivik, denn die meisten Protagonisten in den Gemälden sind von Comicfiguren hergeleitet. Dabei handelt es sich nicht um Zitate von existierenden Figuren, sondern um neue Zusammensetzungen, die sich aus der malerischen Adaption verschiedener Gliedmassen und Gesten der Comicwelt ergeben.

Die Comicfigur wird stets durch Vereinfachung und Verallgemeinerung gewonnen; sie ist sowohl hinsichtlich ihrer charakterlichen als auch äusserlichen Eigenschaften überzeichnet. Interessant sind in Zusammenhang mit solch cinematografischen Strategien auch die 35 kleinformatigen Bleistiftzeichnungen, die kürzlich in der Ausstellung «Villa Jelmini» in der Kunsthalle Bern zu sehen waren. Sie zeigen eine jeweils andere Person mit einer auffälligen schwarzen Sonnenbrille, wobei der Bildausschnitt analog zu Passfotos gewählt ist. Die Art und Weise der Porträts ist jedoch ganz und gar nicht individuell, eher handelt es sich um klischierte Typen, die an Filmcharaktere erinnern. Die Porträtierten sind als real existierende Personen zwar prinzipiell vorstellbar, doch muten sie wie Ausgeburten einer filmisch inszenierten Wirklichkeit an; sie sind Zwitter aus Realität und Comicwelt.

Eine weitere Eigenschaft der Comics ist, dass sie gewöhnlich dem Amusement dienen, doch verhält es sich mit dem Humor in Eloyans Bildern mehr als zwiespältig. Innerhalb der Tradition der Comics gibt es ja gleichfalls eine Gegenbewegung, die jenseits vom Amusement die Vorzüge des Mediums fürs Erzählen von gruseligen und brutalen, bisweilen auch pornographischen oder perversen Geschichten nutzt. Auch bei Eloyan verschmelzen diese Welten: Die malerisch herausgearbeiteten Figuren in den «Comic-related paintings» entspringen von ihrem Aussehen her zwar den gutmütigen Kindercomics ? obwohl man sich bezüglich Gutmütigkeit einmal vor Augen führen müsste, was in einem Tom-&-Jerry-Cartoon genau passiert ? doch tragen die Szenen häufig aggressive Züge. Die gemäss Kindchenschema reduzierten Gesichtsformen werden zu Fratzen, grosse runde Kulleraugen mutieren zu leeren toten Höhlen und Münder werden zu Löchern, die weniger mit Kommunikation zu tun haben als mit einschlägigen Sexspielzeugen. In einem Bild wie «Bend over», 2006, in dem das Geschehen sehr eindeutig von Aggression und Unterwerfung handelt, wird die sexuelle Aufladung nur allzu deutlich. Links im Bild ist eine sich vornüber aufs Bett beugende Figur mit entblösstem Hinterteil zu sehen, rechts dagegen eine Art Domina, die einen Schlagstock in der Hand hält. Die Referenz an Bestrafung ist eindeutig, offen gelassen wird allerdings, ob es sich bei der Bestrafung um ein Spiel handelt und ob die
Domina der anderen Figur lediglich den Hintern versohlen will oder ihren Stock nicht vielleicht doch zur rektalen Penetration einsetzen möchte.

Sex und Gewalt, die sich mit einer scheinbar harmlosen und formal freundlich ausgestalteten Comicwelt paaren, sind Konstanten in Eloyans Werk. Er liebt es, aus dem Amüsanten das Groteske herauszuarbeiten, die unschuldige Kinderwelt ins Monströse zu drehen und sie als Resultat verdrängter Lüste und Triebe erscheinen zu lassen. Paul McCarthy ist hier unschwer als künstlerischer Doyen zu erkennen.

Entwürdigung des Glamourösen  Das Verdrängte kann sich mitunter auch weniger dramatisch offenbaren. Damit sind die Kritzeleien gemeint, die den meisten von uns in Kindheit und Jugend so viel Freude bereitet haben: Ein Klassiker sind schwarz übermalte Zähne, die den Eindruck einer Zahnlücke entstehen lassen, aber auch lustige Ohren, schlaffe Busen und erigierte Penisse, bis hin zu Hinweisen, dass jemand, der vollkommen unschuldig oder gar glamourös in Szene gesetzt wird, in Wahrheit unangenehm am Furzen ist. An einem bestimmten Punkt im Leben des zeitgenössischen Menschen scheint es ein Bedürfnis zu geben, die in Magazinen und Illustrierten repräsentierte Welt zu modifizieren. Und dabei handelt es sich keineswegs um den Versuch einer Nobilitierung des Dargestellten, sondern gerade umgekehrt um dessen Herabsetzung. So beeindruckend die in den Medien abgebildete Realität auch sein mag, so unwiderstehlich scheint das Begehren, diese Welt zu hinterschauen und ihr Defizite zu attestieren, die zunächst nicht sichtbar sind. Genau gleich wie bei den jugendlichen Kritzeleien ist auch in unzähligen Zeichnungen von Eloyan das Hinzugefügte ein humorvoller Makel. Man erinnert sich sogleich an Marcel Duchamp und seine «La Joconde L.H.O:O:Q.», die ebenfalls durch einen lächerlichen Eingriff herabgewürdigt wird. Bei Duchamp geht die Herabwürdigung jedoch mit einer gleichzeitigen Nobilitierung - nämlich der Erhebung einer wertlosen Reproduktion der Mona Lisa zum Kunstwerk - einher, und ist durchaus als Kommentar zum Selbstverständnis von Kunstwerken gemeint. Bei Eloyan ist sehr viel wichtiger, was die Überzeichnung von qua Darstellung überzeichneten Personen leisten kann; eine Wahrheit wird sichtbar, die im Modus der Darstellung zuvor verloren ging.

Künstler/innen
Armen Eloyan
Autor/innen
Oliver Kielmayer

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