Künstler mit kräftigem Atem

Klara Schilliger, Valerian Maly, Foto: Melanie Uerlings

Klara Schilliger, Valerian Maly, Foto: Melanie Uerlings

Seidenschrei, 2006, Videostill: Sabine Groschup

Seidenschrei, 2006, Videostill: Sabine Groschup

Fokus

Der Berner Off-Kunstraum Marks Blond zieht um. Klara Schilliger und Valerian Maly wollen den alten Ausstellungs-Kiosk in einem grossen Finale buchstäblich in die Luft gehen lassen. Im Vorfeld erzählen die beiden Performance-Künstler über Kunst-Aktionen, Kunst-Träume und das Studieren und Lehren an der Hochschule der Künste in Bern.

Künstler mit kräftigem Atem

Klara Schilliger und Valerian Maly im Gespräch

Alice Henkes: Als Performance-Künstler bewegt ihr euch an der Schnittstelle mehrerer Sparten, gilt das auch für eure Lehrtätigkeit?

Valerian Maly: An der Hochschule der Künste in Bern (HKB) bin ich Dozent an der Organisationseinheit Musik. In Zürich unterrichten wir beide als Performance-Gastdozenten an der Hochschule der Künste (ZHdK) in der Klasse Bildende Kunst und in der Szenografie.

AH: Die HKB wurde September 2003 aus der Hochschule für Musik und Theater und der Hochschule für Gestaltung, Kunst und Konservierung zusammengeschlossen. Diese Verbindung fördert interdisziplinäres Lernen. Hat sich auch das Lehren verändert?

VM: Der Studiengang Musik und Medienkunst, in dem ich lehre, ist per se interdisziplinär ausgerichtet. Neu ist das Angebot fächerübergreifender Lehrveranstaltungen wie die Kulturgeschichtsvorlesungen, aber auch transdisziplinärer «Freitagsprojekte», in welchen die
einzelnen Disziplinen zusammengeführt werden. Dabei soll der Musiker aber nicht plötzlich schauspielern, sondern seine musikalische Kompetenz in gemeinsame Projekte einbringen. Der Freitag wird an der ganzen Hochschule für interdisziplinäre Projekte frei gehalten. So toll diese Angebote auch sind, so unterschiedlich werden sie mitunter aufgenommen. Manche Studierende muss man halt zu ihrem Glück zwingen ...

AH: Hättet ihr euch auch interdisziplinäres Studieren gewünscht?

VM: Ich erinnere mich gern an meine Zeit am Konservatorium in Luzern, das nur auf klassische Musik ausgerichtet war. Alles, was Neue Musik betrifft, musste ich mir selbst aneignen. Die spannendensten Konzerte fanden in der Kunsthalle Basel in der Ära Jean Christoph Amman statt, auch in Donaueschingen oder in Darmstadt. Dann haben wir uns beide an Köln orientiert, was Musik, Tanz und Bildende Kunst betrifft.
Klara Schilliger: Kürzlich erzählte ich jungen japanischen Performance-Künstlern, dass ich eine Modern Dance Ausbildung habe. Die fanden das urkomisch, dass ich in nur einer Disziplin ausgebildet wurde. Doch ich bin froh, dass ich eine Sache richtig gelernt habe. Das ist wie eine Festung, zu der man immer wieder zurückkehren kann.

VM: Die Vertiefung in einer Disziplin bringt einen auch in anderen Disziplinen weiter. Wer weiss, wie eine Komposition aufgebaut ist, kann in der Regel auch ein Bild lesen, denn es sind ähnliche Prinzipien von Kontrast, Dynamik, Aufbau.

AH: Wie geschah der Schritt in das offene Feld der Performance?

Klara Schilliger: Als Tänzerin lernt man ein Vokabular und wendet es an. Das hat mir nicht gereicht. Auch das Narrative im Tanz hat mir nicht entsprochen. Interessanter waren da die Ansätze von Merce Cunningham und später die der Tänzerinnen im Umfeld des Judson Dance Theaters New York, wie Trisha Brown, Twila Tharp oder Simone Forti.

VM: Da liegt so etwas wie die Basis unserer frühen Arbeit. Robert Wilsons «Death Destruction & Detroit I», 1979 an der Berliner Schaubühne aufgeführt, war ein prägendes Ereignis für mich, aber auch Installationen von Vito Acconci. Da gab es keine Geschichte mehr, die nachzuvollziehen war, sondern Ereignisketten, die sich nicht auflösten, mich aber gerade deshalb in ihren Bann zogen.

AH: Ihr arbeitet seit 1984 zusammen. Wie hat sich euer Spektrum an Ideen, Themen, Bildern entwickelt?

VM: Die frühen Arbeiten folgten noch dem, was man heute postdramatisches Theater nennt. Später sind wir mehr in Richtung Performance Art gegangen. Ab Mitte der 90er-Jahre wurden Interventionen und Recherchen Thema. Geblieben ist, dass wir meist einmalige, oft situationsspezifische Aufführungen machen.

KS: Das heisst nicht, dass bestimmte Performances nicht auch ein zweites Mal aufgeführt werden können.

VM: Es gibt eine Performance ohne Titel, da sitzen wir im Museum, mit ro-ten Samttüchern verhängt, und pfeifen - einen ganzen Tag, jeder für sich, mal mit-, mal gegeneinander, was sich bei uns auf dem Komposthaufen der Musikgeschichte abgelagert hat. Das kann eine Tatort-Melodie sein oder Johann Sebastian Bach. Diese Performance kann man in längeren Zeitabständen immer wieder machen. Sie überträgt sich stark. Das Pfeifen pflanzt sich durch die Museumsräume fort, oft beginnen die Museumswärter mitzupfeifen. Es schaukelt sich hoch, plötzlich pfeift das ganze Museum, dann wieder Stille. Performance lebt von Raum-Zeit-Phänomenen, bei denen das Publikum eine grosse Rolle spielt. Das Schauspiel ist ein in sich abgeschlossenes Werk, das auch ohne Publikum stattfinden könnte.

AH: Manchmal spielt ihr mit den Mitteln des Theaters?

KS: Im «Seidenschrei», der 2006 in Berlin entstand, haben wir mit einem Ensemble für historischen Tanz gearbeitet. Die Tänzer hörten ihre Musik über Kopfhörer und tanzten, während das Licht zurückgedimmt wurde, bis es dunkel war. Ich wickelte mich mit verbundenen Augen aus siebzig Meter langen Seidenbahnen. Valerian ging, ebenfalls blind, mit einem Richtmikrofon umher und versuchte, die Schritte der Tänzer und das Geräusch der Seide einzufangen. Anders als im Theater war offen, wohin es führt. Seide und Kabel lagen auf der Bühne und störten die strenge Schrittfolge, die Tänzer tapsten im Dunkeln. Es hätte im Chaos enden können.

AH: Es gibt in euren Arbeiten eine Nähe zum Ritual. Die Selbstversenkungs-Performance «Wassern» auf dem Zürichsee war ja auch eine Art «Anrufung». Mit jedem Eimer Wasser, den ihr in euer Boot geleert habt, wurde ein Name aus der Kunstgeschichte ausgerufen.

VM: Performance ist wohl näher am Ritual als am Theater. Im Ritual bildet man einen geschlossenen Raum-Zeit-Körper, der Performer ist mit dem Publikum verbunden. Im Theater ist das in der Regel getrennt. Es gibt Arbeiten, in denen haben wir bewusst mit dem rituellen Aspekt gearbeitet.

KS: So in «Glas Stern» - einer Arbeit, die wir in Essen gezeigt haben. Jeder von uns hat auf einer 7 x 7 Meter grossen Glasfläche ein Dreieck abgeschritten. Das Glas ist unter unseren Schritten zerbrochen.

VM: Nach und nach hat sich in den Glasboden ein Davidstern eingezeichnet, das ist ja eines der stärksten Symbole. Gerade in Deutschland kommt man nicht darum herum, an gewisse Ereignisse zu denken.

KS: Es gab kleine Zwischenhandlungen: Valerian hat ein Dreieck barfuss abgeschritten?

VM: Das war wirklich ein ritueller Aspekt: Das Schreiten über die Scherben wäre am Anfang der Performance nicht möglich gewesen, ohne mich zu verletzen. Hier kommt der Unterschied zwischen Performing Art (Darstellender Kunst) mit dem «so tun als ob» und der Performance Art als «Kunst der Handlung» zum Tragen: Man muss sich das Material richtiggehend einverleiben.

AH: Und jetzt lasst ihr einen Kunstkiosk platzen?

KS: Ich hatte einen Traum, in dem viele Leute in ein Haus hineingingen und plötzlich ist dieses Haus auseinandergeborsten. Steine flogen umher, Leute purzelten heraus.

VM: 100 Mundharmonika spielende Künstler sollen den Kiosk durch ihren Atem bersten lassen. Bei dieser InstallAction allerdings gibt es einen «special effect», einen Trick. Wir verleihen unse-rer Arbeit auch oft eine ironische Wendung.

Die InstallAction «MarksBlond-Blaster» wird aufgeführt am 29.9. während des Sonnenuntergangs von 19:14:59 Uhr bis 19:45:24 Uhr am bisherigen Standort des Kunst-Kiosks, Ecke Freiestrasse/Muesmattstrasse. Danach bezieht Marks Blond neue Räume in der Speichergasse

Werbung