Ragnar Kjartansson

Ragnar Kjartansson · Song, 2011, HD video, Video still. Courtesy i8 Gallery; Luhring Augustine.
Kamera: Tómas Örn Tómasson

Ragnar Kjartansson · Song, 2011, HD video, Video still. Courtesy i8 Gallery; Luhring Augustine.
Kamera: Tómas Örn Tómasson

Ragnar Kjartansson · Feuer!, 2011, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein. Foto: Norbert Miguletz

Ragnar Kjartansson · Feuer!, 2011, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein. Foto: Norbert Miguletz

Besprechung

Er ist einer der erfolgreichsten Künstler aus Island und beklagt sich trotzdem bitterlich. Seinen übergrossen Weltschmerz
verarbeitet er jedoch spielend, indem er stundenlange und dennoch wunderbar unterhaltsame Performances zwischen Theater, Musik und bildender Kunst produziert.

Ragnar Kjartansson

Die Kamera umfährt ein in blaues Tuch gehülltes Podest. Sechs Stunden ohne Schnitt zeichnet sie in hypnotisierendem Gleichmut drei elfenhafte Damen auf, die sich auf dieser blauen Bühne wie auf dem Olymp niedergelassen haben und mit hohen Stimmen immer wieder eine Textzeile von Allen Ginsberg intonieren: «no rest without sleep / no sleep without dreams / of love, of love, of love / drums /
drums / the weight of the world is love». Wie der amerikanische Poet der Beat Generation, so hat auch Ragnar Kjartansson einen deutlichen Hang zur romantischen Geste. In der Dauerperformance mit dem Titel ‹Song›, die Kjartansson im März dieses Jahres in der Skulpturenhalle des Carnegy Museum of Art in Pittsburg aufzeichnete, verschmilzt der himmlische Gesang und die göttliche Ausstrahlung der drei Frauen mit der am Klassizismus orientierten Architektur der Halle. Der Begriff Museum wird hier also an den Ursprung seiner Bedeutung, den Musentempel, zurückgeführt. Anmut, Schönheit und Sehnsucht nach dem Weltenheil gehen in Kjartanssons aktuellstem Werk erneut eine produktive Verbindung mit dem Absurden ein. Das Publikum darf also beides: schwelgen und laut lachen. ‹Song› markiert auch einen Wandel im Werk des Isländers: Sind die früheren Arbeiten viel stärker an der Bühne und am Theater orientiert, wird er durch die bewegte Kamera filmischer. Auch konzentriert sich Kjartansson nicht mehr allein auf sein Alter Ego, sondern arbeitet mit anderen Protagonisten zusammen. Die Sängerinnen beispielsweise sind seine drei Nichten.
Die Einzelschau im Frankfurter Kunstverein ist also ein unterhaltsamer Parcours durch die moderne Empfindsamkeit. Schon im Treppenaufgang lodert eine leuchtend gelbe Flamme über drei Etagen gen Himmel. Das Feuer ist gut gemalt, aber trotzdem Kulisse und auf der Rückseite (grobes Sperrholz und arretierendes Gestänge) klar als solche zu erkennen. Wie die Installation machen auch alle anderen gezeigten Werke immer beide Pole einer auf Emotionen zielenden Arbeit deutlich: Erhabenheit und Trivialität. Wo Kjartansson ehrlich empfindet, wird sein Innerstes förmlich nach aussen gestülpt. Doch die fortdauernde Performanz bewirkt, dass wir die Szenen auch als Stereotype deuten müssen. Einfach herrlich in ihrer Repetition ist die Arbeit ‹God›, in der Kjartansson auf den Glamour der Schlagerkunst aus den Vierzigern setzt, aber stundenlang «sorrow conquers happiness» wiederholt und den Sinn dieser Aussage dennoch immer wieder neu durchleidet.

Bis 
29.10.2011

‹Endlose Sehnsucht, Ewige Wiederkehr›, Frankfurter Kunstverein, bis 16.10.
‹The Garden of Forking Paths›, Gruppenschau, migros museum, bis 30.10.

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Frankfurter Kunstverein Deutschland Frankfurt/M
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Ragnar Kjartansson 19.08.201116.10.2011 Ausstellung Frankfurt/M
Deutschland
DE
Künstler/innen
Ragnar Kjartansson
Autor/innen
Grit Weber

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