Kunstklima - Dresden

Freunde und Quartierbewohner vor dem Zentralwerk-«Späti», der im ehemaligen Pförtnerhäuschen Getränke und gute Musik anbietet.

Fokus

Ich sitze in meinem Atelier, die Tür zu unserem struppigen Gärtchen geöffnet. Die Erde bebt. Hinter dem Gärtchen tut sich eine riesige Baustelle auf. Auf dem ehemaligen Güterbahnhofsgelände werden zwei Schulen für 2000 Schüler/innen gebaut. Das ist ein gutes Sinnbild für die Umbrüche in dieser Stadt.

Kunstklima - Dresden

Dresden oszilliert zwischen Grandezza («Elbflorenz», weltberühmte Museen, Exzellenz-Uni) und Provinzlertum (konservative Kleinstadtmentalität, Selbstbezogenheit, Ressentiments). Dresden behauptet seit Jahren, weltoffen zu sein, doch herrscht viel Argwohn gegenüber Fremdem. Es wirkt reichlich rückwärtsgewandt (Residenzstadt, Mythisierung des «alten Dresden» vor 1945), bewirbt sich aber (zu Recht!) als Kulturhauptstadt Deutschlands 2025. Tatsächlich tragen gerade die Geflüchteten und die engagierte Kulturszene viel dazu bei, Dresden in die Gegenwart zu bugsieren.

Hierhergekommen bin ich vor fünf Jahren, als ich meinen Freund, der eine Stelle an der Uni antrat, begleitete. Ein halbes Jahrzehnt und zwei gemeinsame Kinder später wären wir nun bereit, weiterzuziehen. Aber da sein beruflicher Weg stockt, bleiben wir erst mal hier, denn obwohl Dresden nicht meine Herzensstadt ist, ist das Leben hier doch angenehm und vor allem sehr günstig. Das widerspiegelt gut die Spannung, in der ich mich als Dauerreisende zwischen Dresden und der Schweiz befinde: Meine Kunst entsteht hier, gezeigt wird sie aber mehrheitlich in der Schweiz. Von meinen Atelierkolleg/innen werde ich manchmal gefragt, wie ich mir mein 77 m2 grosses Atelier, das 240 € pro Monat kostet, leisten kann. In der Schweiz hingegen empfinde ich meine finanzielle Lage als so prekär wie eh und je.

Einerseits mag ich den «Auslauf», andererseits ist das viele Reisen anstrengend und schlecht für die Konzentration, und ich bin nirgends wirklich daheim, auch nicht in der Kunstszene. Die ist hier klein, überschaubar und ziemlich hermetisch. Sie speist sich vor allem aus Absolvent/innen der Hochschule für Bildende Kunst Dresden. Was auffällt, ist, dass viele Dresdner Kunstschaffende eine Hassliebe zu ihrer Stadt pflegen, wobei der Hass zu überwiegen scheint. Zitat eines Künstlerfreundes: «In Dresden wird man kleingehalten.» Viele ziehen deswegen weg, vor allem nach Berlin. Bei den Dagebliebenen regiert eine Mischung aus «Dresden-Bashing», Selbstironie und Macher-Willen. Auch in der Kunstszene zeigt sich dieses Spiel zwischen Vorwärtsschreiten und Festhalten an Traditionen: Zum Beispiel ist es an Ausstellungseröffnungen selbst in Offspaces meistens noch so, dass ein/e möglichst renommiert/e Redner/in einen Vortrag hält. Manchmal ist die Rede dann eben eine Computerstimme aus dem Off, geschrieben von einem pfiffigen Freund. Selten geschieht es, dass das hiesige Kunstschaffen in die Weltöffentlichkeit tritt, wie zum Beispiel die Arbeit ‹Monument› des deutsch-syrischen Künstlers Manaf Halbouni im Frühjahr 2017 vor der Frauenkirche, bestehend aus drei hochkant aufgerichteten Schrottbussen, die sehr kontroverse Diskussionen und viel Pegida-Geschrei auslöste. Die ansonsten übliche Unbeachtetheit des Dresdner Kunstgeschehens hat den Vorteil, dass man sich hier ohne grossen Druck ausprobieren kann. Leider aber auch ohne nachhaltiges Echo, wenn man gerade einen Wurf lanciert hat.

Aber: Es gibt viele Orte in Dresden, die mich begeistern! Zwei grossartige Kunsträume sind zum Beispiel die Galerie Ursula Walter oder das C. Rockefeller Center. Das momentan für mich interessanteste Projekt aber heisst Zentralwerk, eine Kultur- und Wohngenossenschaft auf dem Gelände einer ehemaligen Munitions­fabrik, mit Wohnungen, Ateliers, einem Ballsaal, einem Kunstkabinett und neu auch einem «Späti» (einem Abendkiosk). Solche Orte und die spannenden Menschen dazu machen Dresden für mich noch immer zu einer lebenswerten Stadt.
Isabelle Krieg (*1971, Freiburg) lebt in Dresden und Zürich. In der Schweiz war anlässlich der Arte Albigna ihr ‹Salon O› in einer Hirtenschutzhütte zu sehen. kontakt@isabellekrieg.ch

Autor/innen
Isabelle Krieg

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