Alexandra Navratil — Die ultimative Atomisierung des Körpers

The Vanishing Operator, 2018, drei Leuchtkästen, je 80 x 53 cm, Metallstruktur, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich. Foto: Martina Flury Witschi

The Vanishing Operator, 2018, drei Leuchtkästen, je 80 x 53 cm, Metallstruktur, Ausstellungsansicht Kunsthaus Langenthal, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich. Foto: Martina Flury Witschi

Foto: Raymond Taudin Chabot

Foto: Raymond Taudin Chabot

Under Saturn (Act 1), video HD, b&w/sound, 9:52 min, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 1), video HD, b&w/sound, 9:52 min, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 2), 162 slides, 2 carousel slide projectors, synch, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 2), 162 slides, 2 carousel slide projectors, synch, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 2), 162 slides, 2 carousel slide projectors, synch, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 2), 162 slides, 2 carousel slide projectors, synch, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 3), video HD, colour/sound, 5:30 min, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 3), video HD, colour/sound, 5:30 min, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 3), video HD, colour/sound, 5:30 min, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Under Saturn (Act 3), video HD, colour/sound, 5:30 min, 2018, Courtesy Dan Gunn Gallery, London und BolteLang, Zürich

Fokus

Unter dem Titel ‹The Vanishing Operator› zeigt Alexandra Navratil im Kunsthaus Langenthal eine Einzelausstellung mit neuen Arbeiten zur Materialgeschichte von Film und Fotografie. Ein Jahr hat sie als Artist in Residence im niederländischen Filmmuseum EYE verbracht und dort in den Archiven nach Bildmaterial für ihre jüngsten Arbeiten gesucht. Der folgende Text basiert auf einem Gespräch mit der Künstlerin Mitte August. Navratil gab Auskunft über die Entstehung der Arbeiten und die Konzeption der Ausstellung.

Alexandra Navratil — Die ultimative Atomisierung des Körpers

Alles brodelt, dampft und schwimmt. Wir sehen Aufnahmen aus alten Mikroskopie-, Industrie- und Kolonialfilmen: Blutkörperchen und Zellen, Erdöl und Flüssigstahl, Geysirdämpfe und Lavaströme. Bis zu sechs Bildebenen überlagern sich in ‹Under Saturn (Act 1)›, zerfliessen zu einer einzigen bewegten Materie, darüber ein Gitter aus weissen Linien, die entlang der Bildränder vertikal und horizontal gezogen wurden. Hier werden die bestimmenden Prinzipien der künstlerischen Moderne zusammengebracht: das «Formlose», das Georges Bataille gegen den Ordnungssinn rationalen Denkens in Anschlag brachte, als er sagte, dass das Universum wie Spucke sei, und das «Raster», das die gesamte Kunst des 20. Jahrhunderts, von Malewitsch bis Mondrian, durchzieht und Rosalind Krauss so resistent erschien wie etwas, das in einem chemischen Experiment aus einer Flüssigkeit ausfällt und sich dann nicht mehr verändert. Eine weitere Arbeit ist aus den Recherchen am Filmmuseum EYE in Amsterdam hervorgegangen: ‹Under Saturn (Act 2)›, eine Installation aus zwei synchronisierten Diaprojektoren. Links sind stark zersetzte Filmrollen zu sehen, rechts in Versform gebrachte Beschreibungen von Szenen zu lesen. Wir sehen die Filme nur als Objekte, als Brocken aus verklebtem oder pulverisiertem Nitrozellulosefilm, während Bilder, die unserem Blick verborgen bleiben, durch Beschreibungen evoziert werden, die von fern an Zwischentitel im Stummfilm erinnern. Es sind Beschreibungen grausamer Szenarien: von Vögeln, die einer nach dem anderen aus Käfigen geholt werden, um sie mit aufgefächerten Flügeln auf einen Metalltisch zu pressen und ihnen Malariaerreger zu spritzen; vom Herz einer Schildkröte, das körperlos zwischen zwei Glasröhren gespannt ist und von Salzwasser durchströmt wird; von Holzfässern mit Schlangenhäuten, die sortiert und gewaschen, geglättet und gezogen werden, um daraus Hüllen für Feuerzeuge und Zigarettenetuis zu machen. «I see», so beginnt jede der zehn Sequenzen, als wären es die Filmrollen selbst, deren lyrisches Ich in diesen Nekrologen spricht, wie Rimbauds mannloses Schiff, das dem eigenen Tod entgegentreibt, nur nicht trunken, sondern ganz nüchtern. Ihr Interesse, sagt Alexandra Navratil, gilt den «Anfängen der Moderne», insbesondere der ihnen zugrunde liegenden «systematischen Gewalt gegen Körper».

Metabolismus der Bilder
Im Prozess der Selbstzersetzung führen die Filme ein Eigenleben. Sie sind als Reste übrig geblieben, als mitunter toxisches und explosives Material, das in den sogenannten Death Rows der Archive lagert. Im Ökosystem dieses Bilderfriedhofs finden Asseln und andere Parasiten ideale Lebensbedingungen vor. Die mit ihnen übersäten Klebestreifen, die Alexandra Navratil bei ihrer Recherche in den Nitratbunkern von Overveen in Holland fand und für die Posterpublikation zur Ausstellung fotografierte, erinnern an die Filmrollen, die dort, so die bildliche Spekulation, von den Parasiten verzehrt wurden. Organisches und Anorganisches, belebte und unbelebte Materie scheinen ständig ineinander überzugehen, in einem Prozess, den die Künstlerin einen «Metabolismus der Bilder» nennt. Wir schauen den Bildern zu, während sie scheinbar selbsttätig die Arbeit ihres Verschwindens verrichten. Wie sie in alchemistischen Prozessen aufgelöst und pulverisiert, zersetzt und verdaut werden. Wie sie wiederauferstehen und geisterhaft, als Wiedergänger ihrer Materialgeschichte, in den Bildern spuken. Die animistische Kraft, mit der die Geschichte im Film am Werk ist, hat Navratil bereits in früheren Arbeiten thematisiert, etwa in ihrem Video ‹Resurrections›, 2014, das Bilder aus der industriellen Produktion von Gelatine aus dem Knochenschrot von Rindern zu einer Collage fügt. Die Bilder entstammen dem Archiv der von Agfa gegründeten Filmfabrik Wolfen in Bitterfeld, diese handelte das von ihr produzierte Filmmaterial gegen Knochenschrot aus Indien und Brasilien. Gelatine ist der Grund dieser Bilder selbst, der Stoff, aus dem die lichtempfindliche Fotoemulsion besteht. Auf subtile Weise werden die beiden Ebenen der Bilder, ihre Materialität und ihre Repräsentation, in Korrespondenz gesetzt. An den frühen Röntgenaufnahmen, die in den Film eingegangen sind, macht die Künstlerin diesen Aspekt deutlich. Ebenfalls auf der Basis von Gelatine hergestellt, zeigen sie die durchleuchteten Körper der Arbeiter von Agfa, weisse Schatten in den von der chemischen Industrie gezeichneten Organen und Knochen. Die Aufnahmen sind einem Handbuch entnommen, das John Eggert als Physikochemiker bei Agfa 1923 veröffentlicht hatte, damit Röntgentechniker zu beurteilen lernen, ob die «Schwachstelle, die sie sahen, im Körper des Arbeiters von Agfa war oder auf dem Bildträger selbst» (Navratil).

Unter dem Saturn
Was Magie und was Wissenschaft ist, lässt sich in diesen alchemistischen Visionen kaum noch unterscheiden. Wie sehr diese Ununterscheidbarkeit in der Bildgeschichte der Industrie selbst begründet ist, zeigt eine Serie aus drei Fotografien in Leuchtkästen, ‹The Vanishing Operator›, die auch der Ausstellung ihren Titel gegeben hat. Um die automatische Datenverarbeitung durch die Tabulliermaschine zu visualisieren, mit deren Erfindung Herman Hollerith den Weg für den Computer ebnete, griff die Firma Krupp in einem ihrer Lehrfilme mit dem Titel ‹Vom früheren und heutigen Rechnungswesen eines Werkes›, 1928, in die Trickkiste des frühen Kinos und liess den Ingenieur hinter der Maschine wie Méliès die Dame im Theater von Robert-Houdin von Zauberhand verschwinden. Der Film, der seinerzeit in die Zukunft des automatisierten Rechnungswesens blicken liess, wird heute in den historischen Medienbeständen des Firmenarchivs verwahrt. Die Leuchtkästen zeigen die Szene des Verschwindens, abgespielt als Kopie von VHS auf den obsoleten Geräten im Medienraum von Krupp. Nostalgisch ist dies keineswegs, insofern die Dinge mit dem «Kaspar-Hauser-Blick», der Walter Benjamin ihnen zusprach, aus dem Abseits des Ausgesonderten und Ausrangierten auf die Geschichte des technologischen Fortschritts schauen. Das Verschwinden des Körpers, seine «ultimative Atomisierung» (Navratil), wird in der Ausstellung durch die Bildgeschichte der Industrie hindurch von den Anfängen der Kinematographie bis in die Gegenwart der Computeranimation verfolgt. Auf Robotikmessen sammelte die Künstlerin Bilder aus Werbefilmen, die sie in ‹Under Saturn (Act 3)› zu einem lichtweissen und silberblauen Fluidum verbindet, in dem alles körperlos zu gleiten und zu schweben scheint. Wo vormals Stahl und Öl, Knochen und Blut waren, sind hier, im nachindustriellen Zeitalter, nunmehr digitale Datenströme in der Gestalt kristalliner und molekularer, neuronaler und zellulärer Strukturen zu finden. «I feel», so beginnen etliche der Nahtoderfahrungen, die auf der Tonebene dazu gesprochen werden, hallend und celestisch, als würden sie aus einem fernen Jenseits erklingen. Die Bilder bewerben Gefühle ohne Gewicht, ein körperloses Eintauchen in aquatische und spektrale Sphären, in denen alles in endloser Levitation erscheint. Je weniger es zu sehen gibt, weil kybernetische und informatische Prozesse sich dem Blick entziehen, desto mehr glauben wir, alles schon einmal gesehen zu haben. Es sind konfektionierte Bilder von den Schöpfern der Einkaufswelten aus Silicon Valley. Leitend sei die Vorstellung eines Siebs gewesen, das die Bilder im Prozess der Investigation in ihre Materialgeschichte sondiert: «von den Brocken, die man nicht mehr loswird, bis zu den Bildern, von denen nichts hängen bleibt» (Navratil). W. G. Sebald, dessen Schriften die Künstlerin gern liest, beschrieb die Ringe des Saturn in seinem gleichnamigen Roman als «Bruchstücke eines früheren Mondes», der in Eiskristalle und meteoritische Staubpartikel zerbröselte, weil er dem Planeten zu nahe gekommen war und von ihm zerstört wurde. Das Universum der Bilder, in das die Arbeiten aus dem Zyklus ‹Under Saturn› blicken lassen, steht im Zeichen atomistischer Zerstörung. «Vielleicht mache ich irgendwann einmal eine lustige Arbeit», sagt Navratil am Ende des Gesprächs. Und lacht.

Das Gespräch mit Alexandra Navratil fand am 16.8.2018 in Zürich statt.
Fabienne Liptay ist Professorin für Filmwissenschaft an der Universität Zürich. fabienne.liptay@fiwi.uzh.ch

Bis 
11.11.2018

Alexandra Navratil (*1978, Zürich)

Studien bildender Kunst am Central St. Martins College, London (Bachelor) und Goldsmiths College, London (Master)

seit 2014 Dozentin für Kunst am Institut Kunst FHNW Basel
seit 2018 Jurymitglied des Fachausschusses Film und Medienkunst BS/BL
2009 und 2012 Swiss Art Award
2013 Manor Kunstpreis Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹ The Vanishing Operator›, kuratiert von Raffael Dörig, Kunsthaus Langenthal
2017 ‹Alexandra Navratil›, kuratiert von Nadine Wietlisbach, Photoforum Pasquart, Biel
2016 ‹Silbersee›, LCCA Latvian Centre for Contemporary Art, Riga; ‹The Night Side›, Dan Gunn, Berlin
2014 ‹Plunge/Soar›, CCS Centre culturel suisse, Paris; ‹This Formless Thing›, SMBA Stedelijk Museum Bureau Amsterdam
2013 ‹This Formless Thing›, Kunstmuseum Winterthur

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
BolteLang Schweiz Zürich
Dan Gunn Gallery
Kunsthaus Langenthal Schweiz Langenthal
SIK-ISEA Schweiz Zürich
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Villa Bleuler Gespräche: Alexandra Navratil und Uriel Orlow 16.10.2018 Gespräch/Vortrag Zürich
Schweiz
CH
The Vanishing Operator 30.08.201811.11.2018 Ausstellung Langenthal
Schweiz
CH
Autor/innen
Fabienne Liptay
Künstler/innen
Alexandra Navratil

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