Fremde Kulturen — Was erzählen Federn, Trommeln und Gewürze?

Schamanentrommeln, 20. Jh., Peter the Great Museum of Anthropology and Ethnography (Kunstkamera),St. Petersburg, Ausstellungsansicht Kolumba, 2018. Foto: Lothar Schnepf

Schamanentrommeln, 20. Jh., Peter the Great Museum of Anthropology and Ethnography (Kunstkamera),
St. Petersburg, Ausstellungsansicht Kolumba, 2018. Foto: Lothar Schnepf

Michael Oppitz · Bewegliche Mythen, Ausstellungsansicht Kolumba Köln, 2018. Foto: Lothar Schnepf

Michael Oppitz · Bewegliche Mythen, Ausstellungsansicht Kolumba Köln, 2018. Foto: Lothar Schnepf

Michael Oppitz · Schamanen im Blinden Land: Tanz der Schamanen durchs Dorf, 1978/79

Michael Oppitz · Schamanen im Blinden Land: Tanz der Schamanen durchs Dorf, 1978/79

Michael Oppitz · Mythische Landschaften. Das Tal des Uttar Ganga in Westnepal mit Magardorf Taka, 1979, Schwarz-Weiss-Fotografie

Michael Oppitz · Mythische Landschaften. Das Tal des Uttar Ganga in Westnepal mit Magardorf Taka, 1979, Schwarz-Weiss-Fotografie

Fokus

Ethnologisches Material wird immer wieder von Künstlern aufgegriffen oder an Ausstellungen wie der documenta XIV gezeigt. Im Kolumba Museum in Köln ist eine Schau über den Ethnologen Michael Oppitz zu sehen. Im Vergleich mit aktuellen Beispielen künstlerischer Forschung wird der Frage nach der Relevanz solcher Arbeitsweisen nachgegangen. 

Fremde Kulturen — Was erzählen Federn, Trommeln und Gewürze?

Die Ausstellung ‹Bewegliche Mythen› über den Ethnologen Michael Oppitz (*1942) im Kolumba Museum in Köln hat im Vorfeld Diskussionen ausgelöst, inwiefern ethnologisches Material aus den Siebzigerjahren in einem Kunstmuseum gezeigt werden kann. Die von Anja Dreschke und Barbara von Flüe kuratierte Schau fokussiert nun geradezu auf die Verschränkung von Kunst und Ethnologie. In der Mitte des Hauptraums entfalten sich zwar gleich einem ethnologischen Display Ansammlungen von Objekten, Aufzeichnungen und Büchern in Vitrinen sowie Fotografien und projizierte Bilder an den Wänden. Doch linker Hand richtet sich das Augenmerk auf lose nebeneinander an die Wand gepinnte Federn, während sich der Raum rechts auf eine bedeutende Ansammlung von Trommeln hin öffnet. Die Federn und die Trommeln verkörpern die beiden Pole der Ausstellung: die Tier- und Fabelwelt auf der -einen und die Feldforschung bei den Schamanen im Himalaya auf der anderen Seite.Die Adlerfedern sind in Zusammenarbeit mit dem Künstler Lothar Baumgarten 1972–74 als Kunstwerk entstanden, zu dem auch das Künstlerbuch ‹T’e-ne-t’e. Eine mythologische Vorführung› gehört. Dieses Buch bildete als Sammlungsgegenstand des Kolumba den Ausgangspunkt für die vorliegende monografische Ausstellung. Die Adlerfedern – zugleich Referenz an Marcel Broodthaers Adlermuseum – sind mit Namen von indianischen Stämmen bemalt und fungieren so als Stellvertreter für diese Kulturen. Sowohl über den Namen als auch über das Bild der Feder werden Informationen vermittelt und Assoziationen freigesetzt.

Morphologie der Trommeln
Ähnlich wie die Feder als Symbol verwendet wird, verkörpert die Schamanentrommel für Oppitz in ihrem Grundtypus die schamanische Tätigkeit als solche: «In ihr nämlich laufen alle Funktionen zusammen, die das Handeln der Schamanen bestimmen: Anrufung der Ahnen, Rezitation der Ursprungsmythen, Reise in die Ober- und Unterwelt, Kommunikation mit dem Übernatürlichen … An der Trommel konkretisieren sich gedankliche Zusammenhänge – kosmografische Weltbilder, Jenseitsvorstellungen, Personifikationen von Geistwesen und deren Symbole –, festgehalten im Bau und in den verwendeten Materialien des Instrumentes.» Gerade im Vergleich der Form kristallisiert sich ihre morphologische Beschaffenheit heraus. Daneben fällt in der Ausstellung die Omnipräsenz der Landschaft auf, sei es in Fotografien, Videos oder kartografischen Aufzeichnungen. Sie wird in den Gesängen der Schamanen derart im Detail beschrieben, dass Oppitz die Gesänge gar als orale Kartografie bezeichnet. In seinem Film zu den Magar-Schamanen überlagert sich die gesungene Landschaft mit den Bildern der Landschaft im Himalaya und wird zusammen mit Szenen aus dem Alltag sowie der Viehwanderungen vorgeführt. In seiner vollen Länge von über drei Stunden lässt der Film die Zuschauenden einerseits über die Weite der Landschaft wandern und zugleich mit dem Rhythmus der Trommeln in die Tiefen der Ritualreisen der Schamanen eintauchen. Die Enge in den Wohnräumen, die Anstrengung, welche die imaginative Reise den Schamanen abverlangt, ihr Schweiss und ihre Zuckungen, die Auf-, Ab- und Drehbewegungen der Ritualtänze werden in den Nahaufnahmen erlebbar.

Künstlerische Forschung
Die Schönheit von Landschaft, Federschmuck und Trommeln haben eine magische Anziehungskraft. Zudem transportieren diese Motive und Gegenstände in ihnen gespeichertes kulturelles Wissen. Die Unterscheidung von ethnologischem Material und Kunstobjekt wird hinfällig. Dies passt insbesondere zu Kolumba, das als Diözesanmuseum des Erzbistums Köln in einem beeindruckenden Bau des Schweizer Architekten Peter Zumthor neben Kunstwerken auch liturgisches Gerät ausstellt. Dabei wird deutlich, dass die Trennung von Kunst und Religion oder Kunst und Ritual in der westlichen Welt erst ein paar hundert Jahre alt ist. Vermehrt wird auch von Künstlerinnen und Künstlern Feldforschung betrieben, so beispielsweise von Uriel Orlow, der den Auswirkungen des Kolonialismus nachgeht. In der Theaterwelt versucht Milo Rau mit seinem ‹International Institute of Political Murder› die Geschichte Europas zu begreifen oder gar mit dem ‹Kongo Tribunal› direkt in die Politik einzugreifen. Den Werken der genannten Künstler ist gemeinsam, dass sie aus persönlichem Interesse in das Material eintauchen, Feldforschung vor Ort betreiben und damit die Blickwinkel der Thematik öffnen. Ihr Vorteil ist die künstlerische Freiheit, die nicht politischen oder wissenschaftlichen Normen genügen muss. Bilder, Filme, Erzählungen oder Lecture Performances, aber auch Archivmaterial werden Teil von künstlerischen Interventionen. Fakten, Hintergrundwissen und persönliche Erzählungen überlagern sich und gerinnen, so Milo Rau, zu einer «phantasmagorischen Bedeutungsdichte». Es entsteht eine fruchtbare Verknüpfung von Wissenschaft und Kunst. Dieser Schnittstelle von Kunst und Ethnografie widmet sich aktuell die Veranstaltungsreihe ‹Trading Zones› am Institute for Contemporary Art Research der Zürcher Hochschule der Künste.

Feldforschung im Kopf
Eine andere Art der Feldforschung in der bildenden Kunst ist diejenige im Kopf. Dies zeigt das Projekt ‹Santa Lemusa› von Samuel Herzog, das in der Ausstellung ‹Ab auf die Insel!› im Kunstmuseum Luzern zu Gast ist. In Bildern, Geschichten, politischen Aktionen und kulinarischen Leckerbissen ist die Insel schrittweise entstanden und modelliert worden. Angelehnt an die Bewirtschaftung von Google-Karten mit Stecknadeln und Hinweisen zu den einzelnen Orten, zeigt sich auf der zugehörigen Homepage hoio.org eine intakte Inselwelt. Vergleichbar mit der mythischen Landschaft der Magar-Schamanen lässt sich auch Samuel Herzogs Karte als geografische Markierung und Ausgangspunkt für die Legendenbildung lesen. Selbst reale Objekte wie Gewürze und bestimmte Nahrungsmittel werden von dieser Insel importiert. Und wenn die Imagination nicht ganz reicht, so verführt vor allem der Geruchssinn. Bei der Identitätssuche oder beim Aufzeichnen von Gesellschaftsmustern bieten Bilder und Objekte einen unmittelbaren Zugang. Sie verurteilen nicht, sondern decken auf und lenken die Aufmerksamkeit. Im Ansammeln und Ausbreiten vermögen sie eine Dichte zu erzeugen, die komplexe historische oder gesellschaftliche Begebenheiten vermitteln oder auch Ambiguitäten aufzeichnen kann.

Annamira Jochim, Kunsthistorikerin und Kuratorin Benzeholz Raum für zeitgenössische Kunst Meggen, a.jochim@gmx.ch

Bis 
03.12.2018

Michael Oppitz, ‹Bewegliche Mythen›, Kolumba, Köln bis 3.12.; ‹Michael Oppitz. Mythische Landschaften›, Publikation, Köln: Kolumba, 2018
‹Claude Sandoz. Ab auf die Insel!›, mit L. Henke, S. Herzog, A. Kanai, M. Karlberg, M. Pechstein, C. Streuli, R. van de Velde, Kunstmuseum Luzern, bis 28.10.
Milo Rau, ‹Die Wiederholung›, 25./26.10., Gessnerallee Zürich
‹Trading Zones – Arbeiten mit der Kamera im gemeinsamen Feld von Kunst und Ethnografie›, Veranstaltungsreihe, IFCAR, ZHdK (Michael Oppitz, 17.1., 18 Uhr, Raum 4.T09)

Institutionenabsteigend sortieren Land Ort
Gessnerallee Zürich Schweiz Zürich
Kolumba Deutschland Köln
Kunstmuseum Luzern Schweiz Luzern
Zürcher Hochschule der Künste ZHdK Schweiz Zürich
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Claude Sandoz. Ab auf die Insel! 07.07.201828.10.2018 Ausstellung Luzern
Schweiz
CH
Michael Oppitz. Bewegliche Mythen 21.06.201803.12.2018 Ausstellung Köln
Deutschland
DE
Autor/innen
Annamira Jochim

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