Gauri Gill — Traces

Gauri Gill · Untitled from: Traces, 1999 – ongoing

Gauri Gill · Untitled from: Traces, 1999 – ongoing

Besprechung

Das Museum Tinguely setzt zwei Werkgruppen der indischen Fotografin Gauri Gill in Dialog zu Tinguelys ‹Totentanz›. Die eindrücklichen Aufnahmen entstammen den ‹Notes of the Desert›, dem seit 1999 angelegten Fotoarchiv der Künstlerin, das über 40’000 Bilder aus der Wüste von West-Rajasthan umfasst.

Gauri Gill — Traces

Basel — Gauri Gill (*1970, Chandigarh) zeigt mit einer Auswahl aus ‹Traces› grossformatige Schwarzweissaufnahmen von Grabstätten, die sie in der Wüste Thar aufgenommen hat. Seit 1999 verbringt die in Delhi lebende Fotografin viel Zeit bei ländlichen Bevölkerungsgruppen in der Grossen Indischen Wüste. Aus der Begegnung mit nomadischen Yogis, muslimischen Migranten oder Bishnoi-Kleinbauern gehen sowohl kollaborative Projekte (‹Balika Mela›) als auch Reportagen wie diese hervor. Die porträtierten Grabstätten sind aus am Ort vorgefundenen Steinen, Tonscherben, Porzellan, handgravierten Grabsteinen oder persönlichen Gegenständen arrangiert. Mit einfachsten Mitteln kennzeichnen die Angehörigen der Hindus und Moslems das Grab und pflegen so das Andenken an den dort bestatteten Verstorbenen. Auf den respektvollen fotografischen Darstellungen dieser Grab-mäler mit dem Titel ‹Untitled› entdecken wir nicht viel mehr als einige auf dem Sand scheinbar zufällig verteilte Zweige, die filigranen Schatten verdorrter Gräser oder -eine Handvoll grosser Steine mit ihren dunklen Schlagschatten. Das grelle Sonnenlicht leuchtet jede Unebenheit scharf aus. Die Grabmäler wirken ephemer und führen uns unsere eigene Vergänglichkeit vor Augen. Gewisse befinden sich schon in Auflösung, so zeigt ein Bild bloss Spuren im Sand vor trockenem Buschwerk oder ein vogelnest-artiges Gebilde aus Ästchen, das fast schwerelos das Grab eines Yogi bezeichnet – ein Windstoss nur, und die Äste verfliegen im Sand. Die archaischen Gesten werden als sichtbare Zeichen wohl allmählich spurlos in der Wüstenlandschaft aufgehen. Im gleichen Saal stossen wir auf die achtteilige ‹Birth Series› von 2005. Die albumblattgrossen Aufnahmen dokumentieren die Geburt der Enkelin der Hebamme Kasumbi Dai. Sie hatte Gill eingeladen, das Ereignis im entlegenen Dorf Ghafan festzuhalten. Im Schutz einer einfachen Hütte wird das Kind geboren, liebevoll betreut von der Schwester der Mutter und der erfahrenen, vom Leben gezeichneten Kasumbi Dai. Die komplementären Fotoserien stellen Leben und Tod in radikaler Einfachheit dar und treten mit Tinguelys ‹Mengele-Totentanz›, 1986, in einen sprechenden Dialog. Im angrenzenden kapellenartigen Raum wirft die vierzehnteilige Maschinenskulptur gespenstische Schatten an die Wände und lässt drehende Eisenteile quietschen und ächzen. Der Totentanz hat in Basel eine jahrhundertealte Tradition und erinnert an die Vergänglichkeit und die Gleichheit aller im Tod. Dies ist die zweite Schau, die sich mit Tinguelys ‹Totentanz› auseinandersetzt. 

Bis 
01.11.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Gauri Gill. Traces 13.06.201801.11.2018 Ausstellung Basel
Schweiz
CH
Künstler/innen
Gauri Gill
Autor/innen
Madeleine Panchaud de Bottens

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