Georgischer Modernismus — Die Fantastische Taverne

Georgischer Modernismus, Die Fantastische Taverne, Installationsansicht, Kunsthalle Zürich, 2018

Georgischer Modernismus, Die Fantastische Taverne, Installationsansicht, Kunsthalle Zürich, 2018

Irakli Gamrekeli · Intervention von I. Slavin, Rustaveli Theatre 1934, Tbilisi Museum of Cinema, Theatre and Music

Irakli Gamrekeli · Intervention von I. Slavin, Rustaveli Theatre 1934, Tbilisi Museum of Cinema, Theatre and Music

Besprechung

Georgien gewinnt an Beachtung im Westen. Die diesjährige Frankfurter Buchmesse ist Georgien gewidmet; 2014 fand im Ausstellungsraum Binz 39 eine Gruppenausstellung mit Künstlern aus der Schweiz und Georgien statt. Nun wirft die Kunsthalle Zürich einen Blick auf den georgischen Modernismus.

Georgischer Modernismus — Die Fantastische Taverne

Zürich — Die georgische Kunst soll endlich Eingang in die europäische Kunstgeschichtsschreibung erhalten. Dies ist das Ziel der von Daniel Baumann, Direktor der Kunsthalle, und der Kunsthistorikerin Nana Kipiani mit weiteren Fachleuten erarbeiteten Schau zum georgischen Modernismus – der Blütezeit der Kunst in der kurzen Periode der georgischen Unabhängigkeit von 1918 bis zur Sowjetisierung 1921. Damals trafen internationale, auch aus Russland geflüchtete Kunstschaffende auf eine lokale Avantgarde, die mit dem westeuropäischen Kunstschaffen in regem Austausch stand. Eine ungeheuer dynamische Kunstszene entwickelte sich, die sich durch interdisziplinäres, multimediales Schaffen und Kooperationen auszeichnete. Unter dem Titel ‹Die Fantastische Taverne›, der Name eines Künstlercafés, entstand nun eine Ausstellung mit kaum bekannten, doch wegweisenden Werken. Dazu gehören beispielsweise die eindrücklichen Dokumentarfilme von Noutsa Gogoberidze (1902–1966), der ersten georgischen Filmregisseurin, die bei den letztjährigen Filmtagen ‹Female Gazes from Georgia› in diversen deutschen Stätdten vertreten war. Sie steht stellvertretend für die Opfer der stalinistischen Repression. Ihr Film ‹Der Sumpf›, der erste von einer Frau gedrehte, georgische und sowjetische Spielfilm, kam 1934 trotz grossen Widerstands auf die Leinwand. Als ihr Mann, der Parteifunktionär Levan Gogoberidze, in Ungnade fiel und erschossen wurde, wurde Nutsa als «Frau eines Volksfeindes» für zehn Jahre in einen Gulag verbannt. Neben Irakli Gamrekelis (1894–1943) Erneuerung des georgischen Bühnenbilds – von der malerischen Gestaltung hin zu einer Multiperspektiven-Bühne – zeichnen sich die Werke von Kaka Kakabadze (1889–1952) durch eine innovative Interpretation der europäischen Avantgarde in Kombination mit georgischen Traditionen aus. Der berühmteste Vertreter der georgischen Avantgarde und Mitbegründer des russischen Futurismus war Ilia Zdanevich (1894–1975). Als Autor, Typograf und Verleger war er an der Verbreitung der experimentellen Zaoum-Poesie beteiligt, die sich «jenseits» (za) «des Geistes» (oum) weder an grammatikalischen Regeln noch an semantischen Konventionen orientiert. Die textlastige, dokumentarisch angelegte Ausstellung macht bewusst, dass die Avantgarde-Projekte oft als kollektive Leistung von Künstlergruppen und interdisziplinären Teams realisiert wurden. 

Bis 
04.11.2018

Werbung