Olaf Nicolai — Glauben oder Sehen

How to fancy the light of a candle after it is blown out, 2018, Installationsansicht Lokremise St. Gallen © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

How to fancy the light of a candle after it is blown out, 2018, Installationsansicht Lokremise St. Gallen © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it?, 2018, Installationsansicht Lokremise St. Gallen © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

That’s a God-forsaken place; but it’s beautiful, isn’t it?, 2018, Installationsansicht Lokremise St. Gallen © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

Echo, 2013, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Courtesy Galerie Eigen + Art, Leipzig/Berlin © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

Echo, 2013, Installationsansicht Kunstmuseum St. Gallen, Courtesy Galerie Eigen + Art, Leipzig/Berlin © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

Visitor be my guest, 2015, Installationsansicht Lokremise St. Gallen © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

Visitor be my guest, 2015, Installationsansicht Lokremise St. Gallen © ProLitteris. Foto: Sebastian Stadler

Olaf Nicolai © ProLitteris. Foto: Hans-Guenther Kaufmann

Olaf Nicolai © ProLitteris. Foto: Hans-Guenther Kaufmann

Fokus

«Landschaft ist nicht etwas Äusserliches, sondern entsteht kulturell. Jeder assoziiert etwas anderes.» Olaf Nicolai begreift Landschaft nicht als begrenztes Gebiet mit bestimmten festen Merkmalen, sondern als subjektive Erfahrung. Mit seiner Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen konstruiert er einen eigenen landschaftlichen Assoziationsraum. 

Olaf Nicolai — Glauben oder Sehen

36° 25’ 12’’ N 116° 48’ 40’’ W: An diesem Ort fotografieren die einen eine markante geologische Formation. Die anderen wandeln auf Michelangelo Antonionis Spuren, und manche denken wohl auch an Michel Foucault, der hier mit Simeon Wade zwei Tage mit Musik und LSD verbrachte. Zabriskie Point. Der Ort beinhaltet das alles und bietet doch nicht viel: Als Olaf Nicolai im Jahr 2008 dorthin reiste, war er überrascht, dass Zabriskie Point wenig mehr ist als ein Aussichtspunkt mit Parkplatz und mit einem Verbot, den Nationalpark an dieser Stelle zu betreten. Der Künstler kehrte also nachts zurück. Ohne Taschenlampe, aber mit Fotoapparat. Er blitzte sich Schritt für Schritt mit der Kamera voran und sah dort, wo tagsüber unzählige Aufnahmen der spektakulären Naturkulisse entstehen, für Sekundenbruchteile immer wieder nur Sand, Steinchen, Gestrüpp: «Es war ein merkwürdiger Moment, so zwischen Raum und Zeit unterwegs zu sein. Es war ein wenig so wie unter Wasser» – und vielleicht auch ein wenig so, wie sich Wade und Foucault gefühlt haben werden.

Sehgewohnheiten sehen
Die Fotografien entstanden zunächst nur als Nebeneffekt des einstündigen Spaziergangs. Erst später stellte Olaf Nicolai sie als Serie zusammen. Obwohl jede Aufnahme nur Quadratzentimeter des kargen Bodens unter nächtlichem Schwarz zeigt, mutet jede von ihnen wie ein vollständiges Landschaftsbild an. Damit vedeutlicht die Serie ein bekanntes Phänomen: Die Wahrnehmung einer Landschaft gleicht sich mit der Zeit und mit der steigenden Zahl von Abbildungen den Bildern dieser Landschaft an. Solche Prozesse interessieren Olaf Nicolai, aber er arbeitet nicht daran, sie zu kritisieren, sondern sie bewusst zu machen: «Es geht darum, zu sehen, und nicht darum, zu glauben zu sehen. Es geht darum, präzise zu beschreiben, was zu sehen ist. Ich breche keine Sehgewohnheiten, ich will, dass man die Sehgewohnheiten sieht.» Die Nachtaufnahmen von Zabriskie Point bilden den inhaltlich und formal passend gesetzten Auftakt zu Nicolais Ausstellung in St. Gallen. Der Künstler fasst in ihr wichtige Aspekte seiner Arbeit zusammen, und fast wie nebenbei gelingt es ihm, das sperrige Kreissegment der Lokremise in ein grossartiges Raumkontinuum zu verwandeln dank seines persönlichen Interesses und seiner konzeptuellen Herangehensweise: «Ich brauchte etwas, das mich bewegt und beschäftigt. Lange schon wollte ich eine Wanderdüne installieren» – ein Gebilde also, das in sich homogen und in Bewegung, aber doch langlebig ist und das Spuren speichern kann; der Spezial-typus einer Landschaft. Sand ist geduldig. Sand ist anziehend. Wie sonst ist es zu erklären, dass in Grossstädten sogenannte City Beaches aufgeschüttet werden, um die Illusion eines Strands am Meer zu vermitteln? Mit ein paar Lastwagenladungen Sand wird das Bild einer Landschaft und ihrer Konnotationen konstruiert, angefangen bei Exotik und Abenteuer des Reisens bis hin zu irdischen Paradiesen. Die Vorstellungskraft, genährt durch die tausendfach präsenten Bilder, lässt den künstlichen Strand plausibel erscheinen. Sie wirkt auch in der Lokremise, wenngleich die dort aufgeschütteten 200 Tonnen Sand weniger an einen Stadtstrand als an eine Mondlandschaft erinnern. Erinnern? Einmal mehr formen Bilder die Erinnerungen. Den Mond muss niemand selbst gesehen haben, um sich das Aussehen seiner Oberfläche ins Gedächtnis rufen zu können. Die omnipräsenten Bilder sorgen aber nicht nur für vermeintliches Wissen, sondern auch für Zweifel, können doch Fakten inszeniert und Bilder manipuliert werden: «Verschwörungstheorien zeigen den Stand der Medienentwicklung an, weil sie einen medialen Standard voraussetzen. Sie sind ein Indikator für das Potenzial medialer Imagination: 1969 war es bereits möglich, eine Mondlandung im Studio zu inszenieren. Ausserdem zeigen Verschwörungstheorien, was für möglich gehalten wird. Sie geben sich den Anschein der Wissenschaftlichkeit.»

Schwebezustand im Sand
Wie so eine Inszenierung funktioniert, wie sie zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung schwebt und wissensunabhängig auf die Sinne einwirkt, ist in der Installation sehr anschaulich. Der Sand bedeckt den Boden von Wand zu Wand. An manchen Stellen ist er zu kleinen Kratern aufgeschichtet, an anderen führen Trampelpfade durch die Erhebungen. Die Fenster sind verdunkelt, UV-Licht ist auf Wände mit fluoreszierender Farbe gerichtet. Diese Farbe speichert das Licht, aber auch die Subtraktion von Licht: Schattenwürfe halten sich für einige Sekunden. Die Lichtsituation verunklärt den Raum und verschleiert die Zeitlichkeit. Unwillkürlich greift die Hand in den Sand. Immerhin, er ist haptisch und intellektuell zu fassen. Aber Nicolai bietet noch einen zweiten Anker: Am Eingang zur Ausstellung liegt ein Bruchstück eines Eisenmeteoriten aus dem Asteroidengürtel in einer Schatulle bereit. Es darf in die Ausstellungen mitgenommen werden und sorgt für einen handfesten Sinneseindruck – ausgerechnet dieses ausserirdische Detail.

Dreimal eins
Starke und immer wieder auch überraschende Bezüge gibt es bei Nicolai nicht nur zwischen All und Erde, sondern auch zwischen Lokremise, Kunstmuseum und den drei gleichzeitig stattfindenden Ausstellungen in St. Gallen, Wien und Bielefeld. Der Künstler muss sie nicht einmal suchen, sondern nur auf die Dinge selbst vertrauen: «Formen sind intelligenter als du. Wenn du formal präzise bist, entstehen diese Beziehungen. Die Logik der Form ist nicht zu hintergehen.» In Bielefeld sind Werke aus 23 Jahren zu sehen, die vieles gemeinsam haben: «Ich arbeite mit Fassaden, Vitrinen, Glas, Spiegeln. Sie alle markieren Grenzen.» Das Glas wiederum findet sich in St. Gallen im Kunstmuseum in der Arbeit ‹Echo›. In Tropfenform und mit einem dem Körper von Nicolai entsprechenden Gesamtvolumen bedeckt es den Boden des historischen Ausstellungssaals. Die Tropfen verbinden sich nicht nur mit Märtyrertränen und Wasserfällen in Altmeistergemälden, sondern bilden den Kontrast zur Wüste in der Lok-remise wie auch den Verweis nach Wien, wo in der Kunsthalle eine in sich geschlossene Kette von Glasperlen der Raumkante folgt. Ansonsten ist die Ausstellung in der Kunsthalle Wien performativ und als offene Struktur angelegt. Bielefeld, St. Gallen, Wien – jede der drei Ausstellungen funktioniert eigenständig, aber gemeinsam formen sie ein grosses Ganzes: «Wer alle drei Ausstellungen gesehen hat, weiss mehr über meine Arbeit als ich selbst.»

Die Zitate stammen aus einem Gespräch mit dem Künstler vom 5. Juli 2018. Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen, post@kristinschmidt.de

Bis 
11.11.2018

Olaf Nicolai (*1962, Halle an der Saale) lebt in Berlin

Seit 2011 Professor an der Akademie der Bildenden Künste München

1983 –1988 Studium der Germanistik mit anschliessender Promotion an der Universität Leipzig

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Sensory Spaces 10, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, Niederlande
2012 The peacock with his long train appears more like a dandy than a warrior, but he sometimes engages in fierce contests, Kunsthalle Münster, Münster
2011 Escalier du Chant, Pinakothek der Moderne, München
2010 Innere Stimme, De Vleeshal, Middelburg, Niederlande; faites le travail qu’accomplit le soleil, Kestnergesellschaft, Hannover
2009 Mirador, Kunstmusem Thurgau, Kartause Ittingen, Schweiz
2001 Enjoy Survive Enjoy, Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 documenta 14, Athen
2015 56. Venedig Biennale, Venedig
2014 8. Berlin Biennale
2008 Manifesta 7, Rovereto
2005 51. Venedig Biennale, Venedig
2001 49. Venedig Biennale, Venedig
1998 1. Berlin Biennale
1997 documenta X, Kassel

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Olaf Nicolai 13.07.201807.10.2018 Ausstellung Wien
Österreich
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Olaf Nicolai 07.07.201811.11.2018 Ausstellung St. Gallen
Schweiz
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Olaf Nicolai, Michel Majerus 15.06.201809.09.2018 Ausstellung Bielefeld
Deutschland
DE
Künstler/innen
Olaf Nicolai
Autor/innen
Kristin Schmidt

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