Peter Aerschmann — Bümpliz ist überall

Peter Aerschmann · Constellation / Loop Street, 2011–2013, Lambda Print, ed. 3 + 1 AP

Peter Aerschmann · Constellation / Loop Street, 2011–2013, Lambda Print, ed. 3 + 1 AP

Besprechung

Peter Aerschmann fotografiert und filmt Menschen, Gebäude, Tiere oder Absperrgitter: Er sammelt mit der Kamera, was die urbane Lebensumwelt ausmacht, isoliert die einzelnen Elemente und setzt sie zu universalen Szenerien zusammen. Das Kunstmuseum Appenzell zeigt einen gross angelegten Werküberblick.

Peter Aerschmann — Bümpliz ist überall

Appenzell — Die Bürgersteige sind betoniert und gewischt, die Strassen breit und asphaltiert, die Bauten sind funktional und austauschbar, die Natur ist zum Accessoire degradiert. Der Strassenwischer fegt und fegt – und ist damit das perfekte Gegenstück zu jenem, der in Jacques Tatis ‹Mon Oncle› nie den Besen schwingt, weil er stets einen Schwatz vorzieht. In Bümpliz nämlich steht die Pflichterfüllung an oberster Stelle, obgleich die Strasse längst sauber ist. Peter Aerschmann (*1969, Freiburg) hat die sterile Neubauwelt zu einer geloopten Sequenz verdichtet, die obendrein interaktiv ist. Der Druck auf den roten Knopf lässt jedoch nicht alles in die Luft fliegen, sondern eliminiert – so geordnet, wie der Strassenfeger seinem Tagwerk nachgeht – ein Stockwerk des Wohnblocks. ‹Varia-ble 9 Bümpliz›, 2003, ist Teil von Peter Aerschmanns monografischer Ausstellung im Kunstmuseum Appenzell. Gezeigt wird eine exemplarische Auswahl seiner mehr als 75 Videoarbeiten, Digitalfilme und Fotoarbeiten von 1999 bis heute. Das klingt retrospektiv, funktioniert aber vor allen Dingen additiv. Die Präsentation folgt keiner Chronologie, versucht nicht, inhaltliche Schwerpunkte zu setzen, sondern vereint möglichst viele Arbeiten in elf Räumen und zusätzlich in einer nächtlichen Projektion. Schnell kristallisieren sich die beiden grossen Themen heraus: die Natur und der Mensch in seiner Lebenswelt. In der Natur sind es der Formenreichtum und das Wechselspiel zwischen belebt und unbelebt, die Aerschmann in seine versatzstückhaften Videoloops übersetzt. Er montiert und arrangiert die ausgewählten Objekte vor neutralem Hintergrund, bringt sie in repetitive Bewegung und streift so auch noch die ganz grossen Themen wie Werden und Vergänglichkeit. Selbstverständlich durchdringen sich beide Themenwelten auch, wenn etwa der Zivilisationsmüll im Rasenstück landet oder Möwen sich beharrlich in den Stadtlandschaften aufhalten. Überhaupt, die Möwen: Sie zeigen exemplarisch Aerschmanns Methodik. Er verwendet sie ausschnitthaft, als Prototypen. Sie tauchen in verschiedenen Werken auf, werden an einen monochrom blauen Himmel gepinnt oder flattern einen Kiosk an. Auf diese Weise setzt der Künstler auch Menschen ein. Ob auf Velos, bei der Arbeit oder in stiller Pose verharrend: Umgeben von isolierten, austauschbaren Elementen agieren sie auf einer global funktionierenden Bühne.

Bis 
25.11.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Souvenirs - Peter Aerschmann 19.08.201825.11.2018 Ausstellung Appenzell
Schweiz
CH
Künstler/innen
Peter Aerschmann
Autor/innen
Kristin Schmidt

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