RELAX — was wollen wir behalten?

William Hogarth · Wanderkomödiantinnen beim Ankleiden in einer Scheune, 1738, Radierung und Kupferstich auf Papier vergé, Graphische Sammlung ETH Zürich

William Hogarth · Wanderkomödiantinnen beim Ankleiden in einer Scheune, 1738, Radierung und Kupferstich auf Papier vergé, Graphische Sammlung ETH Zürich

RELAX (chiarenza & hauser & co) · what do we want to keep?, 2018, Ausstellungsansicht, Vitrine, Courtesy Graphische Sammlung ETH Zürich. Foto: Livio Baumgartner

RELAX (chiarenza & hauser & co) · what do we want to keep?, 2018, Ausstellungsansicht, Vitrine, Courtesy Graphische Sammlung ETH Zürich. Foto: Livio Baumgartner

Besprechung

Rankings als Motor der modernen Leistungsgesellschaft sind heute allgegenwärtig. Das Ranking von Personen, Dingen, Hochschulen und Ereignissen scheint Ordnung und Orientierung in die chaotische Welt zu bringen. Dieses Phänomen befragt RELAX (chiarenza & hauser & co) im Hinblick auf das Kunstsystem.

RELAX — was wollen wir behalten?

Zürich — Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser interessieren sich brennend für die Umstände, die besonders weibliche Kunstschaffende in die Rankings der Top Ten katapultieren. Ausgehend von der Frage, wie die Sammlungs- und Ausstellungstätigkeit die Herausbildung eines Kanons beeinflusst und umgekehrt, sichteten sie in einem langen Prozess die Bestände der Graphischen Sammlung der ETH und setzten sich mit ihrer Entwicklung seit der Gründung 1867, ihrer Struktur und dem Ort auseinander. Sie fokussierten auf den krassen Mangel an Künstlerinnen, pickten aufgrund ihres Interesses für Repräsentationsformen Bildnisse oder Selbstbildnisse vor allem von Berufsfrauen heraus. So stiessen sie auf Hogarts köstliche Radierung ‹Wanderkomödiantinnen beim Ankleiden in einer Scheune›, 1738, auf Anna Maria van Schurmans Selbstporträt, 1633, oder auf Francesco Bartolozzis Porträt von Angelika Kauffmann, und sie weisen auf Le Corbusiers Mitarbeiterin, die Architektin und Designerin Charlotte Perriand (1903–1999), hin. Dass sich diese prekäre Situation mittlerweile verbessert hat, bestätigt RELAX’ amüsanter Print der «Guerrilla Girls» in Plakatformat. Dass die geringe Beachtung von Frauen in der Kunstgeschichte auch einen ökonomischen Einfluss zeitigt, thematisierten sie mit «Frauen bei der Ausübung von bezahlter Arbeit». RELAX machten ihre Recherche mittels Listen und Abbildungen von ausgeschiedenen oder auch beibehaltenen Werken in der Ausstellung sichtbar. Sie transformierten den Ausstellungssaal in eine Art Studiensaal und setzten Werke aus der Graphischen Sammlung mit ihrer eigenen Installation in Bezug. Diese umfasst Bilder, Texte und eine Video-arbeit, in der die gezeigten Werke erklärt werden. Das Publikum wird explizit eingeladen, sich zu setzen, selbst zu recherchieren, Texte zu lesen und Kunst anzuschauen. Damit wird die ursprüngliche Funktion der Graphischen Sammlung als Studien- und Lehrsammlung revitalisiert, mit dem Unterschied, dass die künstlerische Recherche auf den heutigen Kontext ausgerichtet und als Tätigkeit vor Augen geführt wird. RELAX beziehen sich mit ihren eigensinnigen Recherchen immer wieder auf Standortfragen und sozioökonomische Themen. Diese Fakten durchleuchten sie kritisch und stossen oft auf Missstände im Kunstbetrieb, die sie in ihren Werken offenlegen. So auch hier mit der in den repräsentativen Räumen der Graphischen Sammlung gestellten provokativen Frage ‹was wollen wir behalten?›

Bis 
28.10.2018

Werbung