République Géniale — Die Ausrufung einer neuen Republik

Alison Knowles · Make a Salad, 1962/2018, Courtesy Kunstmuseum Bern

Alison Knowles · Make a Salad, 1962/2018, Courtesy Kunstmuseum Bern

Superflex · Copy Light/Factory, 2008, Workshop, Courtesy Moma NY © ProLitteris. Foto: John Wronn

Superflex · Copy Light/Factory, 2008, Workshop, Courtesy Moma NY © ProLitteris. Foto: John Wronn

Besprechung

Im Kunstmuseum Bern folgt die ‹République Géniale› Robert Filliou, dessen interdisziplinäres Gemeinschaftsmodell 1968 neue Wege für Kunst und deren Ausbildung andachte. Mit Werken von fünf Kollektiven, Live Art, Teaching & Learning und Eat Art wird die Aktualität solch alternativer Modelle befragt.

République Géniale — Die Ausrufung einer neuen Republik

Bern — Ein Staat im Staate – Fahnenschwinger, das Oberkreuzberger Nasenflötenorchester bläst eine Hymne und Frieder Butzmann hält die Ansprache: eine ‹République Géniale›! Wann sonst schnippelte die Direktorin mit Team persönlich Salat und Gemüse, um ihr «Volk» zu verköstigen, wann werden Zutaten von der Galerie im Anbau auf eine Blache geworfen und mit Laubrechen gemischt? Bei der Wiederaufführung von ‹Make a Salad› von 1962 der Fluxus-Künstlerin Alison Knowles stieg die Direktorin zwar nicht wie jene barfuss in die Blache, gab aber das Rezept ihrer gelobten Salatsauce preis. Dampfzentrale und Kunstmuseum orientieren ihr Programm von Kunst, Musik, Performance, Tanz und vielfältigem Austausch am französischen Künstler Robert Filliou (1926–1987), der ein ‹Territorium der Genialen Republik›, wo «création permanente» herrsche, propagierte. «Bien fait – mal fait – pas fait»: Die exemplarische Möglichkeit, das produktive Scheitern sowie das im Ergebnis offene Kunstwerk bilden das Credo. Das Kollektiv sah Filliou dabei als Form, mit veränderten Arbeits- und Ausstellungsbedingungen umzugehen. Das eingeladene Kollektiv U5 zeigt eine komplexe interaktive Videoinstallation, die dem Verhältnis von Architektur und Emotion nachgeht und prüft, wie weit wir in einer vernetzten Welt noch eigene Deutungsmacht besitzen. Das Kollektiv Superflex (seit 1993) beleuchtet im buchstäblichen Sinne die Frage nach Original und Kopie, indem es das Publikum Leuchten bauen lässt, die das Abbild einer Designerlampe tragen. RELAX tilgt in ‹a word a day to be wiped away› aus gesammelten, als problematisch erachteten Begriffen jeden Tag einen: Asylant schon weg, Folter noch da, Abbau nur partiell. Forensic Architecture visualisiert dagegen, was Staaten verschweigen, als «Gegenforensik» etwa den bedrückenden Schauplatz eines Drohnenangriffs. Das Louise Guerra Archive blickt hintergründig mittels Kunstwerken und Archivalien auf die 2017 «verstorbene», gleichnamige und fiktive Künstlerin. Arnold Dreyblatts ‹Protocols of the Future›, eine szenische Lesung der Sitzungsprotokolle der von Joseph Beuys und anderen angedachten, aber nie verwirklichten ‹Free International University›, gehen Mitte Oktober einem Symposium von PANCH, dem Performance Art Netzwerk Schweiz, voraus, das im November das Thema «Archive des Ephemeren» wissenschaftlich aufgreift. Es ist dem Experiment zu wünschen, dass viele Interessierte die Studioli 1 bis 4 bevölkern und dass sich diese noch etwas kargen Räume, ebenso wie die Homepage, über die Zeit regelmässig wandeln.

Bis 
11.11.2018

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