Robert Delaunay — Ein bewegtes Universum

Robert Delaunay · Rythme, Joie de vivre, 1930, Öl auf Leinwand, 146 x 130 cm, Privatsammlung

Robert Delaunay · Rythme, Joie de vivre, 1930, Öl auf Leinwand, 146 x 130 cm, Privatsammlung

Besprechung

So viele Werke von diesem prägenden Avantgardekünstler aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gab es in der Schweiz noch nie zu sehen. Das Kunsthaus Zürich widmet ihm die mit zahlreichen Meisterwerken und hochkarätigen Leihgaben bestückte Ausstellung ‹Robert Delaunay und Paris›.

Robert Delaunay — Ein bewegtes Universum

Zürich — Paris, die grosse Stadt. Und mittendrin, alles überragend, der Turm, von dem Blaise Cendrars weiss: für den «Simultané/Delaunay, à qui je dédie ce poème,/Tu es le pinceau qu’il trempe dans la lumière». Der Turm, ein Pinsel, den der Maler ins Licht taucht. Der Dichter und Freund hatte recht: Robert Delaunay (1885–1941) sah im Eiffelturm nicht nur das Barometer seiner Kunst; seine Frau Sonia Delaunay erinnert sich: «Der Eiffelturm und das Universum waren für ihn ein und dasselbe.» Kein Wunder, dass das Pariser Wahrzeichen auf rund dreissig der achtzig Werke Delaunays, die in der Zürcher Schau zu sehen sind, in Erscheinung tritt – spektakulär, heldenhaft, auch zart und verheissungsvoll. Immer bewegt. Bevor man aber den ersten Eiffelturm-Bildern in der grosszügig gehängten, chronologisch geordneten Schau begegnet, bekommt man es mit einigen Porträts und einer ersten Serie zu tun – und sieht auch schon im Durchblick aus der Entfernung, was einen am Ende erwartet: die «leuchtende Sprache» der von Delaunay angestrebten «reinen Malerei». Mit welcher Unbekümmertheit und Kühnheit der Künstler die Farbkontraste setzt, zeigt sich bereits im Selbstporträt von 1909; pfeilspitz ist das Gelb an seinem Hals! Dann die erste Überraschung: ein Raum voller Ansichten aus dem Innern von Saint-Séverin, einer spätgotischen Kirche im Quartier Latin. Das sind lauter explosive Gemälde, die für die an sich schon bewegte Architektur eine licht- und farbbewegte Bildsprache finden. Nach den Kircheninnenansichten öffnet sich der Blick auf den Du-bist-alles-Turm, den «Turm der Welt, Turm in Bewegung», den Cendrars, angeregt von Delaunays Eiffelturm-Bildern, 1913 besungen hat, darunter die beiden berühmten Gemälde von 1911 und 1911/1923, in denen der Turm – fliegendes Denkmal – wie eine Heldengestalt aus dem Häusermeer himmelwärts drängt. In den nun folgenden zauberhaften Fenster-Bildern löst sich die fragmentierte Wirklichkeit immer mehr in Harmonie und Rhythmus auf. Delaunay ist eben auch ein musikalisch-klangvoller Bewegungskünstler, in den abstrakten Bildern – vom ersten Scheiben-Bild über die Rhythmus-Bilder bis zum riesigen ‹Formes circulaires› von 1930 – wird es besonders deutlich. Der Aufforderung von Gastkuratorin Simonetta Fraquelli, Robert Delaunay mit frischen Augen zu betrachten, kommt man gerne nach, auch dank der erzählerischen Momente dieser exquisiten Schau, die unter anderem mit Filmausschnitten und fotografischen Blicken auf den Turm der Türme aufwartet.

Bis 
18.11.2018
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Robert Delaunay und Paris 31.08.201818.11.2018 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Künstler/innen
Robert Delaunay
Autor/innen
Angelika Maass

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