Albert Oehlen — Unfertig, unangepasst, unverzagt

Hairdresser Underground, 1985, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (links);  Ohne Titel, 2019, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (rechts), alle Aufnahmen Courtesy Galerien Max Hetzler und Gagosian © ProLitteris. Fotos: Stefan Rohner

Hairdresser Underground, 1985, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (links);  Ohne Titel, 2019, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (rechts), alle Aufnahmen Courtesy Galerien Max Hetzler und Gagosian © ProLitteris. Fotos: Stefan Rohner

Hairdresser Underground, 1985, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (links);  Ohne Titel, 2019, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (rechts), alle Aufnahmen Courtesy Galerien Max Hetzler und Gagosian © ProLitteris. Fotos: Stefan Rohner

Hairdresser Underground, 1985, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (links);  Ohne Titel, 2019, Öl und Lack auf Leinwand, 190 x 190 cm (rechts), alle Aufnahmen Courtesy Galerien Max Hetzler und Gagosian © ProLitteris. Fotos: Stefan Rohner

Ohne Titel, 2018, Öl, Lack auf Papier, 220 x 160 cm © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Ohne Titel, 2018, Öl, Lack auf Papier, 220 x 160 cm © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Ohne Titel (Baum 76), 2016, Öl auf Dibond, 375 x 250 cm © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Ohne Titel (Baum 76), 2016, Öl auf Dibond, 375 x 250 cm © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Ohne Titel (Baum 69), 2016, Öl auf Dibond, 375 x 250 cm © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Ohne Titel (Baum 69), 2016, Öl auf Dibond, 375 x 250 cm © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Foto: Esther Freund

Foto: Esther Freund

Fokus

«Ich habe mir Verfahren verordnet, um Bilder zu malen, die ich sonst nicht malen könnte. Ich bin nicht intuitiv vorgegangen, sondern habe mir ein Programm ausgedacht und zum Schluss gestaunt.» Albert Oehlen malt nach eigenen Regeln, malt ­Werke nochmals, mit unangepasster Geste und unbeeindruckt von akademischen Weisheiten oder Marktdiktaten. 

Albert Oehlen — Unfertig, unangepasst, unverzagt

Das Kunstmuseum St. Gallen wäre auch eine Option gewesen. Aber Albert Oehlen, der im vergangenen Jahr eine umfangreiche Werkauswahl im Palazzo Grassi in Venedig zeigte, zog die Lokremise den klassischen Räumen vor. Da, wo es keine rechteckigen Grundrisse gibt und damit auch keine einander parallel gegenüberliegenden Wände, hat der Künstler Werke aus knapp vierzig Jahren zu einem vielfältigen Bezugssystem arrangiert. Und so, wie das ehemalige Lokomotivdepot als Ausstellungsort nie ganz den Charakter des Provisorischen, Variablen verlieren wird, sind auch Oehlens Werke – der Ausstellungstitel ‹unfertig› deutet es an – keine malerischen ­Manifeste, sondern fluide Auseinandersetzungen mit dem künstlerischen Medium. Sie fallen mal schludrig, schnell, fleckig und krude aus, mal akkurat, präzise und geometrisch, wobei die erstgenannten Beispiele in der Ausstellung dominieren. Die Präsentation beginnt mit drei Bildern aus dem Jahr 1985, je eines in Gelb, Rot und Blau. «Ich habe damals in Grundfarben gemalt. Die Serie besteht aus sechs Bildern. Das ist es im Wesentlichen.» So lapidar schildert Albert Oehlen seine Arbeit formal und fügt zum Inhalt an: «Die Motive müssen nicht gedeutet werden. Wie das so ist: Es waren damals Motive aus der Werbung»; Motive, die als Anregung, als Impuls dienten und nicht als Vorlage. Sie bleiben so im Vagen, dass sie jenseits von Aktualitäten den Aufbruch in den Achtzigerjahren immer noch gültig dokumentieren: den Boykott der Geschmacksideale, die Absage an Tiefsinn, Stilreinheit und gutes Handwerk. So berichtet Oehlen am Beispiel der ausgestellten ‹Kerze› von 1981, wie er im Atelier Immendorfs dazu jemanden sagen hörte, schlechter könne man nicht malen, und dies mit einer Kaufempfehlung verband. Die Stimme gehörte Martin Kippenberger, der bald darauf im Trio mit Werner Büttner und Albert Oehlen für das «bad painting» stand.

Konstellationen statt Retrospektionen
Oehlens Malerei aus den Achtzigerjahren hat nichts von ihrer Dynamik und Frische eingebüsst. Dass aber die beiden gelben Bilder der Primärfarbenserie sogar noch nach Terpentin und Lack riechen, verwundert zunächst. Ein Blick auf die Werkliste löst das Rätsel teilweise: Als Entstehungsjahr ist 2019 angegeben. Aber es sind die Motive von 1985. Die Erklärung ist einfach: Die ursprünglichen Bilder sind nicht mehr im Besitz des Künstlers. Statt langwieriger Recherchen und aufwendiger Ausleihprozesse hat Albert Oehlen sie neu gemalt – im Stil der Achtziger, sozusagen als spätere Version der früheren Bilder. Diskussionen um Original oder Unikat lässt er nicht aufkommen und reflektiert stattdessen seine künstlerische Arbeit: «Ein Bildnochmals zu machen, fühlt sich nicht gut an. Schöner ist es, etwas Neues zu machen. Ich habe einen Widerwillen gegen die alten Bilder. Manchmal lockert sich das auch und ich kann zu alten Bildern wieder ein freundliches Gefühl bekommen.» Dieser Annäherungsprozess an längst abgeschlossene Arbeitsphasen mag zunächst unbequem sein und herausfordernd: «Wie gut kann ich mich erinnern? Wie gut kann ich das nochmal machen?» Aber Oehlen zieht ein positives Fazit: «Das war dann doch ein Spass.» So bleibt die Kunst durchlässig in alle Richtungen: in die Vergangenheit, in die Zukunft und stark in der Gegenwart verankert. Die Ausstellung ist damit weder eine Retrospektive noch eine aktuelle Werkschau, sie ist ein Netz aus Konstellationen. So wie Oehlen nie dem Banalen, Hässlichen oder Populären auswich, liess er sich auch auf das Digitale ein: «Es fängt 1990 an: Ich habe mit den Mitteln gearbeitet, die es damals gab. Deshalb waren alle Bilder stark pixelig. Ich habe mich damit auseinandergesetzt: Warum soll ich damit arbeiten? Was ist meine Haltung dazu?» Einige Jahre später entstanden zwei grossformatige Wandpaneele, die für eine Präsenta­tion im Aussenraum gänzlich am Rechner entworfen und auf halbdurchlässiges Trägermaterial gedruckt wurden. Sie sind ebenfalls in der Lokremise zu sehen und verlangten dem Künstler ganz andere als nur malerische Entscheidungen ab. Für Oehlen stellte sich die Frage, wie das Angebot des PC das Denken beeinflusst, und er schildert die Unterschiede im Arbeitsprozess: «Ich entscheide, ob ich etwas ­lasierend ­haben will. Im Studio nehme ich dünne Farbe und muss nicht viel denken. Am PC muss ich definieren, wie deckend ich arbeiten will, und muss eine neue Ebene anlegen, den Deckungsgrad bestimmen, muss die Kontur definieren: ob die Ränder flauschig sein oder eine Kante haben sollen. Und ich bin die ganze Zeit damit konfrontiert, dass die Bezeichnung vor der Nase steht, weil die angebotenen Werkzeuge einen Namen haben.»

Das Programm der Bäume
Das Resultat der Verfügbarkeit unendlich vieler Farben, Formen und Strukturen, des Angebots von Musterstempeln, Linienarten und Verzerrungsmöglichkeiten sind Bilder von gewisser Beliebigkeit. Albert Oehlen verlor bald das Interesse und wandte sich wieder der Malerei zu, legt ihr aber erneut ein Programm zugrunde, so beispielsweise in der Serie der baumartigen Strukturen: «Der Grundgedanke der Bäume ist das Wachstumsprinzip: Wenn man an einen Winterbaum näher herangeht, sieht man, dass die Bewegung, die der Ast machen kann, sehr vielfältig ist. Es gibt keinen Unfug, den er nicht machen kann, und es gibt nur zwei Regeln: dünner werden, von der Mitte ausgehend. Wenn ich dieses Programm in der Malerei anwende, entstehen gute Formen. Ich bin nicht von einer visuellen Vorstellung ausgegangen, sondern einem Programm gefolgt.» Und Oehlen hat ein weiteres Element hinzugefügt: Die schwarzen Strukturen auf weissem Grund kontrastieren mit magentafarbenen Flächen, aber auch sie verweigern sich einer Interpretation: «Die Farbe hat keine Bedeutung und macht in der Funktion das, was ich will. Es gibt keine Unterhaltungseffekte durch Farbwechsel.» Unterhaltsam ist Oehlens Kunst trotzdem, denn sie bildet nicht das zu Erwartende ab und bleibt im gegenwärtigen Boom der Malerei, in dem vieles seinen Marktwert erprobt, eigenständig und unangepasst.

Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen, post@kristinschmidt.de

Bis 
10.11.2019

Albert Oehlen (*1954, Krefeld), lebt seit 2002 in Gais AR
1978 –1981 Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg
2000–2009 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf

Einzelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Cows by the Water›, Palazzo Grassi, Venedig
2017 ‹Ö›, Museo Nacional de Bellas Artes, Havanna
2016 ‹Recent Works›, Guggenheim Bilbao
2015 ‹An Old Painting in Spirit›, Kunsthalle Zürich
2014 ‹Die 5000 Finger von Dr. Ö›, Museum Wiesbaden
2013 ‹Malerei›, Museum Moderner Kunst, Wien

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2014 ‹Variations: Conversations in and around Abstract Painting›, Los Angeles County Museum of Art
2013 55. Biennale Venedig
2012 ‹Deftig Barock›, Kunsthaus Zürich
2004 Biennale São Paulo
2003 ‹Berlin–Moskau/Moskau–Berlin 1950–2000›, Martin-Gropius-Bau, Berlin, und Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau (2004)
2002 ‹Painting on the Move›, Museum für Gegenwartskunst Basel und Kunsthalle Basel
 

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Autor/innen
Kristin Schmidt

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