Albrecht Schnider — Von der Zeichnung zur Malerei

Albrecht Schnider · Ohne Titel, 2019, Acryllack auf Leinwand, 170,5 x 120,5 x 4 cm

Albrecht Schnider · Ohne Titel, 2019, Acryllack auf Leinwand, 170,5 x 120,5 x 4 cm

Besprechung

Nach vielen Jahren, die er in Rom, Brüssel und Berlin verbrachte, lebt Albrecht Schnider seit kurzem wieder in der Schweiz. In der Galerie Mai 36 in Zürich gibt er – erstmals seit dem Umzug an den Thunersee – Einblick in sein neues Schaffen. Er öffnet auch, überraschend, ein Fenster zu den mittleren Achtzigern.

Albrecht Schnider — Von der Zeichnung zur Malerei

Zürich — Das grosse Hochformat zeigt auf grauem Grund geschwungene Formen in Dunkel- und Hellgrün, Rosa, Schwarz und Weiss. Sie steigen von links unten über die Bildmitte hoch zum oberen Rand. Das Hauptgeschehen spielt sich in der Mitte ab und ist, im Gegensatz zu den Formen an den Rändern, arabeskenhaft komplex. Die Elemente scheinen Nähe zu suchen und sich doch haarscharf zu verfehlen. Die weisse Ringform irritiert, weil sie an einer Stelle in sich zusammenzusinken droht. Die neue Arbeit von Albrecht Schnider (*1958, Luzern) hat keinen Titel, doch unwillkürlich suchen wir nach Inhalten: Zeigt das Bild einen mysteriösen Vogel? Ein Auge? Sind die grünen Formen und jene in Rosa Flügel? Oder Segel? Oder hatte der Künstler keinerlei inhaltliche Absicht und überlässt uns unseren freien Assoziationen? Albrecht Schnider zeichnet täglich. Die Linien fliessen aus seinen Hand- und Armbewegungen. Es sind meist kleine Zeichnungen, viele sind Ausschuss, hin und wieder lässt er eine zur Malerei werden wie in der hier abgebildeten Arbeit. Wir nehmen sie als ungegenständlich wahr. Doch ist sie das wirklich – oder ist sie das ganz präzise gefasste Bild einer spontanen, vom Unbewussten gesteuerten und zugleich von langer Routine geprägten Zeichnung? Der Künstler lässt uns darüber im Unklaren, und vielleicht liegt just darin das Geheimnis dieser Werke. Entsprechend ist auch die Farbigkeit der von einer technisch versierten Mitarbeiterin nach Vorgaben Schniders ausgeführten Malereien irritierend. Die Entscheide für diesen oder jenen Kontrast fallen so spontan, wie Schnider den Bleistift über das Papier führt, und doch sind sie ausbalanciert und finden hier zu einem harmonischen Gleichgewicht, dort zu Reibungen oder Aggression. Diese Sorgfalt der Farbwahl kennzeichnet auch jene drei Blöcke von Arbeiten im A5-Format, in denen Schnider zwei monochrome Formen ­(Acryl-Sprayfarbe auf Papier) gegen- oder miteinander spielen lässt. Merkwürdig ist: Nie sind die Formen als Ganze zu sehen, immer reichen sie über den Bildrand hinaus, als sei damit eine grössere und nicht als konkret zu fassende Räumlichkeit angedeutet. Der Akzent der von Beat Wismer kuratierten und sich über zwei Stockwerke hinziehenden Ausstellung liegt beim aktuellen Schaffen. Eingestreut sind einige frühere Arbeiten – etwa die grosse und extrem querformatige Zeichnung einer Lilie aus den Neunzigern oder einige zwischen Figuration und Abstraktion pendelnde, bisher nie gezeigte Zeichnungen des damals gut Fünfundzwanzigjährigen. 

Bis 
26.10.2019
Ausstellungen/Newstickerabsteigend sortieren Datum Typ Ort Land
Albrecht Schnider 06.09.201926.10.2019 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Niklaus Oberholzer
Künstler/innen
Albrecht Schnider

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