Das Grosse Rätsel - Das Kapital

Lake Murray, Opovia, Papua-Neuguinea. 23.7.2019. Foto: SH

Lake Murray, Opovia, Papua-Neuguinea. 23.7.2019. Foto: SH

Hinweis

Das Grosse Rätsel - Das Kapital

Ein Schwein ist Kapital, das wächst, wenn es gefüttert und gehätschelt wird. Deshalb zeigt die Frau ihr Ferkel gerne her. Mit sehnigen Fingern, die wohl schon viele ­kleine Körper umschlossen haben, streckt sie das Tier den Besuchern des Dorfs durchs Fenster hin. Die Dunkelheit im Innern der Hütte hinterfängt die Gesichter, lässt sie leuchten, wie die ... in den Stillleben von ... . Im Speisesaal meiner Herberge hängt das schwarz-weisse Foto einer Frau im Lendenschurz, die an der linken Brust einen kleinen Jungen säugt und an der rechten ein Ferkel. Beide sind sichtlich vergnügt. Wäre ich wohl ein anderer, hätte ich die Brüste meiner Mutter mit einem Schwein geteilt? Wäre ich grosszügiger? Gieriger? Vegetarier? Ich weiss nicht, was für einen Stellenwert Hunde in einem Dorf wie Opovia haben. Sicher sind sie kein Kapital. Kaum hundert Schritte von hier habe ich eine Hündin gesehen, die eben ein Junges aus ihrem mageren Leib gepresst hatte. Das Kleine lag am Boden, eine altmodische, schlecht gefüllte Puppe. Die Mutter stupste es mit der Nase an, fuhr mit der Zunge über das Fell, das erstaunlich trocken wirkte. Doch das Körperchen rührte sich nicht, die Äuglein blieben zu für das Licht der Welt. Jetzt zupft mich ein Bub am Hosenbein, dem der Rotz aus der Nase läuft. «Pig», sagt er stolz, deutet auf das Ferkel und macht sich mit dem Handrücken sauber. «How much», frage ich und reibe Daumen und Zeigefinger aneinander. Da schaut er mich böse an, zieht einen Pfeil auf seinen kleinen Bogen und schiesst auf eine ­Mango, die ein paar Meter vor uns am Boden liegt. Zitternd gräbt sich das Bambusröhrchen in die Erde, fünf Zentimeter neben der Frucht. Samuel Herzog

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

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