Julia Mensch — Utopie des Kommunismus

Julia Mensch · La vida en rojo, 2013, Videoessay

Julia Mensch · La vida en rojo, 2013, Videoessay

Besprechung

Rafael Mensch wanderte einst aus Polen aus und fand in Argentinien eine geografische und im Kommunismus seine geistige Heimat. Wie die Hingabe des späteren Druckereiarbeiters an die sozialistische Idee seine Enkelin Julia Mensch prägte, zeigt Letztere in einer packenden Recherche im Kunstraum Baden.

Julia Mensch — Utopie des Kommunismus

Baden — Vor über hundert Jahren reiste bereits der jüdische Urgrossvater, Jacobo Mensch, nach Übersee, um seine in Salashi (damals Polen, heute Ukraine) zurückgebliebenen vier Buben – unter ihnen der elfjährige Rafael und spätere Grossvater von Julia – und deren Mutter durchzubringen. 1935 folgte die Familie nach und fand in Argentinien ihre neue Heimat.
«Es interessierte mich, unter welchen Bedingungen meine Vorfahren im damaligen Polen lebten, wie die sozialistische Idee meine Grosseltern beseelte und wie bestimmend sie für unsere Sippe war», erzählt Julia Mensch (*1980). Das Hauptwerk ‹La vida en rojo› bildet den Einstieg in die Migrationsgeschichte, in der Julia anhand von Postkarten, Fotos, Briefzitaten und einem atemlos gesprochenen Text «die Suche dreier Generationen nach dem Glück, das niemals gefunden wurde» nachzeichnet. Man taucht ins grosselterliche Wohnzimmer ein, erfährt von Dias, die Julia mit ihrer Cousine heimlich anschaute und die sie so wenig zu deuten wusste. So etwa die nächtliche Aufnahme vom Roten Platz in Moskau, die nun im Grossformat das Publikum in Baden ebenfalls empfängt. Eine mit Buchcovern tapezierte Wand – keck durchkomponiert von Rot bis Pink – erinnert an Grossvaters kleine Hausbibliothek linker Erbauungslektüre. Und ebenso ironisch wirken in den Videos die rot lackierten Fingernägel der Künstlerin, wenn sie in hübschen Propagandabüchlein blättert. Auf Fotos aus den Sechziger- und Siebzigerjahren wiederum finden die Reisen der Grosseltern in die DDR nach Moskau, Berlin und Kuba ihren Niederschlag, von Julia mit der originalen Kamera des Grossvaters nachgestellt. Die Grossmutter, die 1961 als junge Genossin nach Havanna reist, schreibt einen enthusiastischen Brief an die Daheimgebliebenen. «Glück», sagt sie fünfzig Jahre später in einem berührenden Beitrag, «bedeutet, Freunde und Familie zu haben. Revolution ist, wenn alle gleiche Rechte haben.» Dass es damit in dem von Machismo geprägten Land nicht zum Besten bestellt ist, zeigt Mensch in ihrer jüngsten Arbeit ‹Balada tropical›: Sie begibt sich in Kuba auf Spurensuche nach den linken Aktivistinnen Celia Sánchez und Haydée Santamaría, von denen auf der ganzen Insel kein einziges Bild existiert. «Die Revolution hat die Frauen emanzipiert, aber die Männer haben nichts gelernt», sagt Mensch. Sie notiert in ihr rotes Tagebuch: «Der Sozialismus erdrückt, betört und verwandelt den Traum einer besseren Gesellschaft in einen Alptraum aus Kontrolle, die keine Brüche und keine Kritik zulässt.» Julia hat ihr «Miniaturuniversum aus Grosseltern, Onkeln, Tanten und Cousinen» verlassen und lebt heute in Berlin. 

Bis 
17.11.2019
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Julia Mensch 01.09.201917.11.2019 Ausstellung Baden
Schweiz
CH
Künstler/innen
Julia Mensch
Autor/innen
Feli Schindler

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