Ragnar Kjartansson

Ragnar Kjartansson · Me and My Mother, 2010, Ein-Kanal-Videos, 20’, Courtesy Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík

Ragnar Kjartansson · Me and My Mother, 2010, Ein-Kanal-Videos, 20’, Courtesy Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík

Ragnar Kjartansson · Tod einer Dame, 2019, Performance, Erstaufführung im Kunstmuseum Stuttgart, Courtesy Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík. Foto: Gerald Ulmann

Ragnar Kjartansson · Tod einer Dame, 2019, Performance, Erstaufführung im Kunstmuseum Stuttgart, Courtesy Luhring Augustine, New York und i8 Gallery, Reykjavík. Foto: Gerald Ulmann

Hinweis

Ragnar Kjartansson

Stuttgart — Wie schreibt man als Isländer, zu dessen Schulfächern Deutsch zählte, das schöne deutsche Wörtchen Scheiße? In Ermangelung des scharfen S auf isländischen Tastaturen vielleicht so: Scheize. In riesigen Grossbuchstaben ziert der Begriff in dieser isländischen Variante jetzt den Glaskubus des Kunstmuseums Stuttgart. ‹Scheize – Liebe – Sehnsucht›: Ragnar Kjartanssons deutsche Lieblingswörter, versammelt im Titel seiner umfangreichen Retrospektive, stecken zugleich so etwas wie ein Spannungsfeld der Condition humaine ab. Das Schöne kontrastiert darin mit dem Traurigen und Grotesken – oder dem animalischen Aspekt menschlicher Existenz. Der Parcours beginnt mit einer Spuck-Orgie – in der Videoserie ‹Me and My Mother›. Seit zwanzig Jahren, seit er in Reykjavík Kunst studierte, lässt sich Kjartansson im fünfjährigen Turnus in stoischem Gleichmut von seiner Mutter konzeptuell bespucken; wobei die vier am Beginn platzierten Screens zugleich den Alterungsprozess der beiden Darsteller sichtbar werden lassen. Schon hier legt Kjartansson das Instrumentenbesteck seiner Kunst auf den Tisch: Persiflage und Schauspielerpose, Wiederholung und (Selbst-)Ironie. In ‹God›, 2007, singt er, begleitet von einem Jazz­orchester, als Crooner im Smoking in einer Dauerschleife über eine halbe Stunde lang nichts als die Zeile «Sorrow conquers happiness». In ‹A Lot of Sorrow› lässt er eine US-Rockband bis zu völliger Erschöpfung einen Song über Kummer spielen. Ist das ernst gemeint – oder Klamauk und Attitüde? Vielleicht ist es: Weltschmerz mit Narrenkappe. Als Poesie mit rieselndem Kunstschnee zitiert die Dauerperformance ‹Tod einer Dame› ein Klischee der abendländischen Kultur: die Frau als Opfer. Das Unglück ist (Scheize!) bereits geschehen, die Dame im weissen Kleid unterm offenen Mantel liegt mit Bauchschuss am Boden. Und dennoch liegt über der Szene auch ein Schimmer des Märchenhaften – Zwischendurch erleben wir einen malenden oder zeichnenden Ragnar Kjartansson: experimentell, konzeptuell und fast nie ohne ein beiläufiges Augenzwinkern.

Bis 
20.10.2019
Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Ragnar Kjartansson 20.07.201920.10.2019 Ausstellung Stuttgart
Deutschland
DE
Autor/innen
Hans-Dieter Fronz
Künstler/innen
Ragnar Kjartansson

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