Gabriela Gerber & Lukas Bardill — Fragmente der Bergwelt

Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Stock, 2019, Zeichenanimation und Holzobjekt, Ausstellungs­ansicht Galerie Luciano Fasciati, Chur © ProLitteris

Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Stock, 2019, Zeichenanimation und Holzobjekt, Ausstellungs­ansicht Galerie Luciano Fasciati, Chur © ProLitteris

Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Laerche, 2006, Video, Installationsansicht, Aux Losanges, ­Tschiertschen 2020 © ProLitteris

Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Laerche, 2006, Video, Installationsansicht, Aux Losanges, ­Tschiertschen 2020 © ProLitteris

Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Vogelschreck, 2009, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur, 2009, Videostill © ProLitteris

Gabriela Gerber und Lukas Bardill · Vogelschreck, 2009, Ausstellungsansicht Bündner Kunstmuseum Chur, 2009, Videostill © ProLitteris

Foto: Ralph Feiner

Foto: Ralph Feiner

Fokus

Seit 1997 beschäftigen sich Gabriela Gerber und Lukas Bardill mit dem voralpinen Raum, diesem Landschafts- und Siedlungsraum, der gerne als «alpine Brache» zwischen den Metropolitan­räumen bezeichnet wird. Anlässlich des SAC-­Kunstpreises sind sie im Alpinen Museum Bern zu Gast. Dort nutzen sie die ­Gelegenheit, kulturelle und landwirtschaftliche Gepflogenheiten im alpinen Raum zu untersuchen und diese auf ihre Gültigkeit und ihren Sinn angesichts des rasanten Wandels zur Freizeitlandschaft zu untersuchen. Mit sensiblem Gespür und Sinn für Humor verweisen sie auf absurde Konstellationen oder ­obsolete historische Strukturen, die gleichwohl im Alltag nachwirken. 

Gabriela Gerber & Lukas Bardill — Fragmente der Bergwelt

Der voralpine Raum, wo Gabriela Gerber und Lukas Bardill geboren und aufgewachsen sind, ist in besonderem Masse von Abwanderung, Strukturwandel, Globalisierung und Klimawandel bedroht. Er markiert zugleich das Tummelfeld des Künstlerpaars und seiner Auseinandersetzung mit politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen, die – und das deutet der Titel ihrer aktuellen Schau im Alpinen Museum Bern an – zwangsläufig fragmentarisch bleiben muss.
In ihren Videos, Zeichnungen, Fotografien und Installationen pflegen Gabriela Gerber (*1970, Schiers) und Lukas Bardill (*1968, Chur) eine minimale Ästhetik voll feinem Humor und konzeptueller Strenge. Denn das Gebirge mit seiner Flora und Fauna bietet zwar attraktive Motive, ist aber zugleich tief im schweizerischen Identitätsdiskurs verwurzelt. In der Landschaftsmalerei des 19. Jahrhunderts wurde «das Schweizerische» mit der wildwüchsigen Landschaft gleichgesetzt. Heute scheinen Widersprüche auf zwischen unserem Wunsch, Natur zu bewahren, und unserer Gier, sie für wirtschaftliche Zwecke – nicht zuletzt den Tourismus – auszubeuten. Gabriela Gerber und Lukas Bardill suchen diese Spannungsfelder auf und erweisen sich als gültige Erben des Spaziergangwissenschaftlers Lucius Burckhardt, der schlüssig aufzeigte, wie die Schönheit und die Definition von «Landschaft» kulturell konstruiert werden. Wie sehr sich solche Vorstellungen wandeln, verkörpert im buchstäblichen wie im übertragenen Sinn eine Wand mit 27 Videoarbeiten im Biwak-Ausstellungsraum, die quasi eine Mini-Retrospektive des Künstlerpaars darstellen.

Zwischen den Räumen
Im Hoch- oder Querformat zeigen die Videos historische oder zeitgenössische Landschaftsaufnahmen sowie darin befindliche Akteure – Tiere wie Menschen –, die mit animierten Zeichnungen oder Videoüberblendungen visuell kommentiert werden. Zu den frühesten Videoarbeiten gehört ‹Forum›, 2000, in der zahlreiche Clips von vorbeiknatternden Helikoptern am Himmel zu einem Gesamtbild kombiniert werden und sich die teuren Lufttaxis wie ein verärgerter Wespenschwarm gebärden. Das Künstlerpaar schafft durch den kleinen Kunstgriff ein einprägsames Sinnbild, wie das WEF die idyllische Winterlandschaft zur wirtschaftlichen Kampfzone umwertet. Mit Witz nutzen sie Assoziationen und «denken» damit visuell über wirtschaftliche Zusammenhänge und kulturelle Bestimmungen nach.
Auch in der sechsteiligen Videoinstallation ‹Partnun›, 2008, von der zwei Teile gezeigt werden, prägen wirtschaftliche Interessen die Landschaft. Der gleichnamige Berghang im Prättigau wird im Sommer intensiv bearbeitet. Zahlreiche Heuwagen ziehen ihre Linien über den Wiesengrund und bilden ein grafisches Muster, so, als ob sich die landwirtschaftliche Nutzung zeichnerisch verewigen würde. Indem das Künstlerpaar sechzig Videospuren zu sechs Videofilmen montiert, verdichtet es die Linearität von Zeit und Raum zu einem netzartigen, lebendigen Gefüge der Gleichzeitigkeit. Die durch zeitliche und strukturelle Schichtung erzielte Abstraktion verweist auf übergeordnete Zusammenhänge zwischen Ökologie, Wirtschaft und Politik der Landbearbeitung. Doch bestehen ihre Werke nicht nur im bildnerischen Raum, sondern schaffen auch den Spagat zum realen Raum. So etwa im 2019 entstandenen Werk ‹Stock›, das aus einem wirklichen Wurzelstock und einer Videoprojektion besteht. Der Videofilm spielt sich innerhalb der Silhouette des Wurzelballens ab und denkt dessen Leben quasi weiter. Die Baumwurzel schlägt (zeichnerisch) neue Triebe und spriesst über die Wand hinaus. Zwischen handfester Körperlichkeit und schwerelosem spielerischem Liniengespinst verwandelt sich der vermeintlich tote Wurzelballen in ein unheimlich animiertes Gebilde. Es ist geradezu ein Weckruf, die natürlichen Kräfte zur Regeneration nicht zu unterschätzen.

Vögel und Drachen
Dass das Landschaftsbild ein Spielfeld von Wunsch- und Sehnsuchtsbildern ist, vermittelt schliesslich die Videoprojektion ‹Vogelschreck›, 2009/10. Auf ein schräg an der Decke hängendes Panel projiziert, erscheint ein jagender Falke am Himmel, der gekonnt im Wind balanciert. Erst genaues Hinschauen entlarvt einen Kunststoff-Luftdrachen, der im Weinbaugebiet der Bündner Herrschaft während der Reifezeit zum Abschrecken von Vögeln eingesetzt wird. Nicht mehr der majestätische Raubvogel, sondern seine billige Attrappe prägt nun die Kulturlandschaft. Es ist ein Mahnmal zur fortschreitenden Übernutzung der Natur, obwohl das Plastikding überzeugt und die anderen Vögel abschreckt. Wie viel vom Echten braucht es also, damit unser Wunschbild funktioniert? Augenzwinkernd werfen die beiden Künstler uns der eigenen Sehnsucht in den Rachen – dieser sentimentalen und leicht mit billigen Trugbildern zu nährenden Hoffnung, dass es in den Bergen doch bitte immer noch so zugehen soll wie vor hunderten von Jahren. Oder wie es Gabriela Gerber in einem Gespräch mit der Autorin anlässlich der Weiertal Biennale 2017 formulierte: «Den Landschaftsraum verstehen auch wir als kulturelle Leistung. Sie gründet auf der Voraussetzung, die Umgebung ästhetisch wahrzunehmen. Für die ästhetische Betrachtung des alpinen Raums ist daher der aufkommende Tourismus im 19. Jahrhundert ein wichtiger Wegbereiter. Denn es sind die Feriengäste, die in Kontemplation und zweckfreier Hingabe die Umgebung wahrnehmen. So etwas will einem Hirten, der seinen Schafen hinterherrennt, nicht gelingen. Landschaft ist ein Bild, in das hineinzutreten uns bis jetzt noch nicht gelungen ist. Unser Versuch, an den Ort hinzukommen, der mitten in der Landschaft liegt, ist bis anhin gescheitert. Landschaft hat etwas Entrücktes an sich. Auch wenn sie real vor uns liegt, werden wir sie wohl nie erreichen.»
Kathleen Bühler, Kuratorin und Leiterin der Abteilung Gegenwartskunst, Kunstmuseum Bern.

Kathleen.Buehler@kunstmuseumbern.ch

→ ‹Fragmentarium Alpinum› von Gabriela Gerber und Lukas Bardill anlässlich des SAC-Kunstpreises 2020, Alpines Museum Bern, bis 18.10. ↗ www.alpinesmuseum.ch
→ ‹Beaux_Losanges›, kuratiert von Luciano Fasciati, Aux Losanges, Tschiertschen, 2.–4.10.
www.aux-losanges.ch
→ Kunstwege Pontresina, bis 15.10. ↗ www.cultura-pontresina.ch

Bis 
18.10.2020

Gerber/Bardill, Zusammenarbeit seit 1997
Gabriela Gerber (*1970, Schiers), 1999–2003 Fine Arts Studium ZHdK;
2018–2021 MA Fachdidaktik Künste, Pädagogische Hochschule Zürich PHZH und ZHdK

Lukas Bardill (*1968, Chur), 1993–2000 Mitglied Performancegruppe CPX Zürich;
1993–97 Kunststudium, Schule für Kunst und Mediendesign F+F Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Fragmentarium Alpinum› SAC Kunstpreis, Alpines Museum Bern
2019 ‹Fuchsenwinkel›, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2016 ‹Transkantonales Tauschgeschäft›, Haus zur Glocke, Steckborn
2014 ‹Am Hang›, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2013 ‹Dornröschen›, Kunstraum Dornbirn
2011 ‹Avenue›, Galerie Paul Hafner, St. Gallen
2010 ‹Avenue›, Installation auf dem Talboden des Prättigaus; Galerie Luciano Fasciati, Chur
2009 ‹Wildbahn›, Kunstraum Kreuzlingen
2008 ‹Heu & Dung›, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2007 ‹Sometimes It Snows In April›, Galerie staubkohler, Zürich
2006 ‹See How The Land Lies›, Bündner Kunstmuseum Chur
2005 ‹Maschinenpark›, Galerie Luciano Fasciati, Chur
2004 ‹Schnee, Staub›, Galerie für zeitgenössische Kunst Zürich

Institutionen Landabsteigend sortieren Ort
Aux Losanges Schweiz Tschiertschen
Pontresina Cultura Schweiz Pontresina
Alpines Museum der Schweiz Schweiz Bern
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
BEAUX_LOSANGES Ausstellung 02.10.202004.10.2020 Ausstellung Tschiertschen
Schweiz
CH
Kunstwege | Vias d'art Pontresina 2020 27.06.202015.10.2020 Event Pontresina
Schweiz
CH

Werbung