Jochen Lempert — Lichtwerte und Nachbilder

Jochen Lempert · Zitronenfalter, 2020, Installationsansicht Atelier Amden © ProLitteris. Foto: David Aebi

Jochen Lempert · Zitronenfalter, 2020, Installationsansicht Atelier Amden © ProLitteris. Foto: David Aebi

Besprechung

Im Museum gelten Ansprüche der Konservierung. Temperatur, Licht und Feuchtigkeit prägen kuratorische Konzepte mit. Die Schau von Jochen Lemperts Fotografien im Atelier Amden ist in dieser Hinsicht ein starkes Experiment – parallel zur standardkonformen Präsentation im Kunstmuseum Liechtenstein.

Jochen Lempert — Lichtwerte und Nachbilder

Amden — Der einfache Stall steht in einem vorwiegend landwirtschaftlich genutzten Naturraum mit reicher Fauna und Flora. Das Sonnenlicht dringt mit unterschiedlicher Intensität durch Ritzen zwischen den Brettern in den Innenraum ein. Tages- und Jahreszeiten sowie Regen, Wind und Kälte bleiben hier nicht aussen vor – sie sind im Atelier Amden Teil einer körperlichen Erfahrung mit allen Sinnen.
Hier sind aktuell zwölf Fotoarbeiten von Jochen Lempert zu sehen. Sie zeigen ­eine Fliege, einen Zitronenfalter, Distelsamen oder eine Seite aus einem Kräuterbuch von 1534 – Motive, denen er zwischen 2016 und 2020 begegnet ist. Schlichte Handabzüge in Schwarz-Weiss und reichen Grauwerten, die Lempert darauf geprüft hat, ob sie als Einzelbild oder Gruppe dem entsprechen, wie er Pflanzen, Menschen und Tiere als «Co-Existenten» deutlich machen möchte. Mit wiederablösbarem Tape hat er sie an den Orten fixiert, die er ausgewählt hat, nachdem er die Lichtwechsel in der Hütte einen Tag lang beobachtet hat. Dazu gehören Gesimse, die Innenseite einer Tür sowie ein Strohballen. Beim Eintritt fällt der Blick im Gegenlicht auf Lemperts Ausschnitt von Botticellis ‹Primavera›, wo die gemalte Nymphe Chloris im Begriff ist, den blumenübersäten Boden zu berühren, bevor sie hier, im neuen Ambiente, in die Heubühne hinübergleitet, die mit Resten von Stroh und Gras bedeckt ist. Der Gaden wird zur begehbaren Camera obscura mit der Besonderheit, dass die Sensibilisierung für die Lichtwerte Nachbilder hervorruft, die bis ins eigene Innere, ins Psychologische reichen. Einiges, was hier zu erleben ist, lässt sich nicht fotografisch abbilden.
Dieses unverbrauchte Zeigen von Bildern auf lichtempfindlichem Papier in witterungsabhängigem Umfeld läuft parallel zur Gruppenschau ‹Parlament der Pflanzen› im Kunstmuseum Liechtenstein, wo eine leicht andere Auswahl von Lemperts Fotografien unter musealen Bedingungen zu sehen ist. Die Präsentation im Atelier Amden ist ein Kontrapunkt, der deswegen so stark ist, weil sich Lempert dem Museum als Institution nicht verweigert. Vielmehr reflektiert er den institutionellen Rahmen auch in der Zeit der stärkeren Sensibilisierung für ökologische Fragen sowie der Herausforderungen des Anthropozäns als Ort der Auseinandersetzung. Die Handabzüge werden am Ende der Ausstellung im Atelier Amden anders aussehen. 

Bis 
25.10.2020
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Parlament der Pflanzen 06.09.202017.01.2021 Ausstellung Vaduz
Liechtenstein
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Projektraum «Parlament der Pflanzen» 17.07.202017.01.2021 Andere Vaduz
Liechtenstein
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Künstler/innen
Jochen Lempert
Autor/innen
Stefanie Manthey

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