Marc Bauer — Zeichnend aus der Spur springen

Trauma I and II, Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Wandzeichnung, 2020, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Trauma I and II, Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Wandzeichnung, 2020, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Exhaustion, 2020, Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Exhaustion, 2020, Öl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Prologue, Last days of February, 2019, Wandzeichnung, Set von 6 Zeichnungen, Bleistift, Lithostift auf Papier, je 30 x 42 cm, Ausstellungsansicht Athen, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Prologue, Last days of February, 2019, Wandzeichnung, Set von 6 Zeichnungen, Bleistift, Lithostift auf Papier, je 30 x 42 cm, Ausstellungsansicht Athen, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

The Blow-Up Regime, Parade, 2020, Farbstift und Bleistift auf Papier, 42 x 30 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

The Blow-Up Regime, Parade, 2020, Farbstift und Bleistift auf Papier, 42 x 30 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann

Marc Bauer, 2020, Courtesy BAK. Foto: Mehdi Benkler

Marc Bauer, 2020, Courtesy BAK. Foto: Mehdi Benkler

Fokus

Der Meret-Oppenheim-Preis geht dieses Jahr an den Genfer Künstler Marc Bauer. Seit zwanzig Jahren zeichnet er ab, was Bilder in die Welt bringen, verleibt sich ein, was ihm die Hand lenkt. Installativ ausformuliert wird sichtbar, wie «clichés» ­Realität formen, laden die von ihm verwandelten Bilder zum Spurwechsel der Wahrnehmung ein. 

Marc Bauer — Zeichnend aus der Spur springen

Das erste Mal traf ich auf die Zeichenkunst des gebürtigen Genfers mit Schweizer und italienischem Pass in Beirut. Mit neun anderen Kunstschaffenden nahmen wir im November 2010 an einer von Jean-Paul Felley und Olivier Kaeser organisierten Studienreise teil, die 2011 in einer Ausstellung mündete: ‹The Beirut Experience›. Bauer kam später dazu, wirkte gruppenfern mit Dreitagebart, Muskelshirt und Village-­People-Sonnenbrille, «ein Möchtegern-Star», dachte ich spontan und wurde überrascht: Ich entdeckte den heute 45-Jährigen als präzisen, sensiblen Beobachter. Fast schüchtern, ist er ein zurückhaltender Diskussionspartner, konfrontiert mit seinen Zeichnungen rücksichtsvoll mutig Geschichte und Gegenwart. Ohne dass er sich auf detaillierte Diskussionen einliess oder viel Einblick in seine Werkstatt gab – schon damals war er sehr gefragt, viel unterwegs –, baute er am für ihn wichtigsten Zustand seiner Zeichnungen: der Ausstellung.
«Die Zeichnungen entstehen in einem Flow, es gibt keine Entwürfe», erklärt er zehn Jahre später beim Atelierbesuch per Videofonie. Oft stelle sich ein Ganzes erst in der Ausstellung her: «Dann arbeite ich nach, erhöhe Kontraste, tausche Bilder aus, damit alles kohärent ist, beginne zu sehen, zu verstehen, was die Bilder sagen und bedeuten», erklärt er. Seine Zeichnungen nach fotografischen Bildern gehen weiter als gedacht, springen aus vorgespurten Linien. Das hat etwas mit seiner Arbeitsweise zu tun: «Ich zeichne nicht täglich. Es gibt intensive Forschungs- und Produktionsphasen von zwei bis drei Monaten, in denen etwa drei bis fünf Zeichnungen pro Tag entstehen.» Dabei höre er Musik oder lasse sogar Netflix-Serien laufen. Hintergrundgeräusche, die eine gespannte Empfindsamkeit für die Bilder erzeugten. So entstanden in zwanzig Jahren über 600 Zeichnungen, sechs Bücher, Filme, Walldrawings, Installa­tionen und immer wieder auch Schriftarbeiten. Jetzt krönen Meret-Oppenheim-Preis und GASAG Kunstpreis der Berlinischen Galerie 2020 seine Karriere.

Die eigene Geschichte
Hat er den Überblick? «Sobald ich eine Arbeit beende, vergesse ich sie», sagt er lachend, «ich bin nicht retrospektiv.» Gleichwohl sei eine Logik in seinen Arbeiten zu erkennen. «Es geht oft um Identität, darum, die Autorität der Bilder zu zeigen, ihre Dominanz zu unterlaufen», erklärt er mit Verweis auf die 2004 bis 2007 entstandene Serie ‹History of Masculinity›, für die er Bilder aus dem Fotoalbum des Grossvaters mit historischen vom Faschismus und neueren von Skinheads verwob. Entstanden ist ein Porträt des Stoffs, der Männer macht: Virilität, Gewalt, Angst, ein brenzliger Mix aus Unsicherheit und Grössenwahn. Bauer denunziert nicht aus der Distanz, versucht zeichnend seine Bildvorlagen zu durchdringen. Zyklisch arbeitet er sich zeichnend aus den Spurrillen von Erinnerungen, Prägungen, Traumata, kommt oft auf Themen zurück, entwickelt sie spiralförmig weiter: «Anfangs war ich sehr an historischen Themen interessiert, jetzt wird es gegenwärtiger. Geschichte, auch die eigene, das sind Schichten, die sich übereinanderlegen und sich gegenseitig beeinflussen.» Manchmal geschieht das, ohne dass er sich bewusst erinnert: «Man muss annehmen, was die Zeichnungen machen.»

Geschichte aktivieren
Dieser am Werkprozess orientierte Ansatz könnte verwundern bei so viel Bezug zur Geschichte. Die lässt dem freien Strich gewöhnlich wenig Raum. Doch genau diesen nutzt der Künstler. In Beirut fiel ihm bei seinen Rundgängen auf, dass die libanesischen Jugendlichen in den Internetcafés ‹Call of Duty› spielen. Ein «Ego-Shooter», der zur Programmierung seiner Kriegsszenarien Bilder realer Schauplätze verwendet. Auch solche des libanesischen Bürgerkriegs. Die nach 1990 Geborenen waren sich teils gar nicht bewusst, dass sie in der Kulisse ihrer eigenen Stadt über den digitalen Gewehrlauf «den Feind» erschossen. Bauer griff die One-Person-Shooter-Perspektive in seinen Zeichnungen auf – für einige Besucherinnen und Besucher war das zu viel: «Wir müssen uns nicht von einem Schweizer zeigen lassen, wie unsere Stadt vom Krieg zerstört wurde», sagte eine Dame mittleren Alters. «Diese Bilder sitzen noch tief, viele haben das erlebt», versuchte ein anderer die Reaktion zu erklären. Marc Bauer betont immer wieder, seine Zeichnungen bildeten nicht Realität ab, sondern was durch Bilder aus ihr wird.

Zeichnung als politische Aktion
Ist er ein engagierter Künstler? «Mein Feld ist das Bild. Wer sich damit beschäftigt, befasst sich auch mit der Gesellschaft, ihren Funktionsweisen, ihrer Erinnerung. Ich beziehe Position, bekehren will ich niemanden.» Bisweilen ist sein Auftritt gewagt, wie in Mailand, eine Woche vor dem Lockdown. Da eröffnete das Istituto Svizzero die Soloshow ‹Mi piace Commenta Condividi, A Rhetorical Figure›. Bauer zeichnete norditalienische «Schand-Gemälde» aus der Renaissance ab, mit denen Vogelfreie öffentlich gemacht wurden, kombinierte sie mit Zeichnungen nach Twitter-Posts des Lega-Nord-Populisten Matteo Salvini oder einer Wandzeichnung des Wolfs, mit dem das Online-Nachrichtenmagazin ‹Il Populista› nationalistische Urinstinkte ansprechen will. «Obwohl 2 x 3 Meter gross, machte der gezeichnete Wolf keine Angst, er wirkte eher zerbrechlich», erzählt Bauer schmunzelnd von dem nun übermalten Werk. «Mir ging es um ein Statement gegen diese Vorstellung einer fest gefügten Identität. Für mich ist sie etwas Bewegliches, Sich-Entwickelndes: Ich bin Italiener, aber ich mag keine Pizza», sagt er lachend.

Bilder einverleiben
Durch das Abzeichnen verleibt sich der Künstler «clichés» (französisch für «Foto­abzug») ein. «Aufzeichnung ist ein körperlicher Prozess, der die Bilder durch mich hindurch verändert. Als Kind habe ich Meisterwerke kopiert: Matisse, Léger, Balthus, Picasso, Tanguy …», erinnert er sich. Vorher beeindruckende Autoritäten der Kunstgeschichte, wurden sie unter seiner Hand zum Teil seines Repertoires, die Bilder wurden «verdaut». Das erklärt den oft unzeitgemässen Stil seiner Zeichnungen, seine Porträts erinnern an David Hockney, einen Künstler, den er «lange Zeit verabscheute». Er interessiere sich nicht speziell für die Ästhetik der Moderne, sagt Bauer, aber es gebe bei ihm bis in den Strich hinein eine gewisse Weigerung gegenüber dem Zeitgenössischen, das sich vermeintlich selbst erfinden könne.

Verführung Zeichnung
Könnten bei gefundenen Fotos nostalgische Züge verführen, unterläuft Marc Bauer sie, macht auf den Hang zur Macht der Ästhetik aufmerksam, indem er nicht besonders «schön» zeichnet: «Ich bin eigentlich kein guter Zeichner», sagt er vorsichtig, «also in dem Sinne technischer Finesse eines Victor Man oder der anderen Künstler aus dem rumänischen Cluj, die so perfekt sind.» Auch spiele er nicht mit technischem Können. «Perfektionismus interessiert mich nicht. Vielmehr bin ich oft selbst überrascht, wie gut manche Zeichnungen geworden sind.» Dann trete er zwischen die Bilder, wie ein Kind, das die Autonomie des Gemachten entdeckt. Hier liegt vielleicht das Geheimnis des Erfolgs von Marc Bauers Zeichenkunst: Sie belehrt nicht, sie verführt nicht – sie begleitet zwischen die Fäden des Bildergewebes. Und während wir noch über dessen magische Kraft staunen, wird uns deutlich, wie sehr wir an ihm mitwirken. Nicht den Bildern untertan, ihnen aber auch nicht enthoben zu sein, ist Marc Bauers Absicht. Dafür lässt er zeichnend Bilder aus der Spur springen – und die Betrachtenden mit. Auf dem so eröffneten Terrain Fuss zu fassen, Stand und Haltung zu finden, ist die Aufgabe, die seine Zeichenkunst uns mitgibt.

«Die rohe, unvermittelte Wirklichkeit interessiert mich nicht. Ehrlich gesagt, glaube ich gar nicht, dass es da einen direkten Zugang gibt. Realität ist für mich das Lesen von Zeichen und als bildender Künstler bewege ich mich im Universum der Bilder. Wie Bilder Wirklichkeit, deren Wahrnehmung, unser Handeln gestalten, be­einflussen, verändern – das ist mein Arbeitsfeld.» Marc Bauer, Berlin, 17.8.2020

J. Emil Sennewald arbeitet als Kritiker in Paris und unterrichtet Philosophie an der ÉSACM, Clermont-­Ferrand, sowie der F+F Schule für Kunst und Medien, Zürich. www.weiswald.com

Bis 
17.10.2020

Marc Bauer (*1975, Genf), lebt und arbeitet in Berlin und Zürich
1995–1999 École Supérieure d’Art Visuel de Genève (heute HEAD)
2002–2004 Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterdam
2005–2006 Istituto Svizzero, Rom

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹The Blow-Up Regime – GASAG Kunstpreis 2020›, Berlinische Galerie
2019 ‹Mal-Être / Performance›, Drawing Room, London
2015 ‹Cinerama›, FRAC Provence-Alpes-Côte-d’Azur, Marseille
2014 ‹Der Sammler›, Museum Folkwang, Essen
2013 ‹Le Collectionneur›, Centre Culturel Suisse, Paris
2011 ‹Todtstell-Reflexe›, Kunstmuseum St. Gallen
2008 ‹History of Masculinity, Epilogue›, attitudes, espace d’arts contemporains, Genf

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Smoke and Mirrors – The Roaring Twenties›, Guggenheim Bilbao und Kunsthaus Zürich
2019 ‹United by AIDS›, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich
2018 ‹Superposition – Equilibrium & Engagement›, 21st Biennale of Sidney
2016 ‹Il y a de l’autre›, Rencontres d’Arles
2014 ‹A Needle Walks into a Haystack›, Liverpool Biennial

→ ‹Marc Bauer, anlässlich des Prix Meret Oppenheim›, Galerie Peter Kilchmann, Zürich, bis 17.10.
www.peterkilchmann.com
→ Prix Meret Oppenheim, Preisverleihung (auf Einladung): 9.11., Musée des Beaux-Arts, Lausanne
www.swissartawards.ch/prix-meret-oppenheim www.bak.admin.ch
→ ‹The Blow-Up Regime – GASAG Kunstpreis 2020›, Berlinische Galerie, bis 5.4.2021
www.berlinischegalerie.de
→ ‹L’Etat de la Mer, Lame de Fond, 2011–2020›, FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand, 23.1.–2.5.2021
www.frac-auvergne.fr

Institutionen Land Ort
Berlinische Galerie Deutschland Berlin
FRAC Auvergne Frankreich Clermont-Ferrand
Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne Schweiz Lausanne
Peter Kilchmann Schweiz Zürich
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Marc Bauer 12.09.202017.10.2020 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
The Blow-Up Regime 09.09.202005.04.2021 Ausstellung Berlin
Deutschland
DE
L’Etat de la Mer, Lame de Fond, 2011-2020 23.01.202002.05.2021 Ausstellung Clermont-Ferrand
Frankreich
FR
Künstler/innen
Marc Bauer
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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