Schall und Rauch — Ein Stimmungsbild der Zwanzigerjahre

Hannah Höch · Dompteuse, um 1930, Collage und Fotomontage, Klebebänder, Papier auf Karton, Künstlerrahmen mit Wildlederüberzug, Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung © ProLitteris

Hannah Höch · Dompteuse, um 1930, Collage und Fotomontage, Klebebänder, Papier auf Karton, Künstlerrahmen mit Wildlederüberzug, Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung © ProLitteris

Besprechung

Rund 100 Jahre sind sie her, die Goldenen Zwanziger. Die Ausstellung ‹Schall und Rauch› im Kunsthaus Zürich vermittelt ein Gefühl für die Traumata des Krieges, für die Sehnsucht nach Aufbruch. Ein Spannungsfeld, das anhand 80 künstlerischer ­Positionen ausgebreitet wird.

Schall und Rauch — Ein Stimmungsbild der Zwanzigerjahre

Zürich — Runter hoch, runter hoch pumpen die Kolben der Industriemaschine. Die Szene wiederholt sich, beschleunigt, einzelne Elemente werden wie in einem Kaleidoskop mehrfach gespiegelt. Dann ein lachender Mund. Dieser Experimentalfilm steht am Eingang der Ausstellung. In ‹Ballet mécanique› von Fernand Léger und Murphey Dudley wird die Aufbruchstimmung der damaligen Zeit spürbar; fast meint man, die tosenden Maschinen und das schallende Lachen in den Räumen des Kunsthauses widerhallen zu hören. «C’est le premier film sans scénario», schrieb Léger 1924 in der Eröffnungssequenz und lässt sprunghaft eine Szene auf die nächste folgen. Experimentierfreude prägte das künstlerische Schaffen der Zwanzigerjahre, was in den unterschiedlichsten Genres sichtbar wird. Man denke an die Fotogramme von ­László Moholy-Nagy oder an die raumgreifenden Bühnen und mechanischen Kulissen des Architekten Friedrich Kiesler. Das künstlerische Experiment sollte nicht zuletzt neue Perspektiven auf die Alltagsrealität ermöglichen, auf Geschlecht und Identität. Letzteres vergegenwärtigen etwa die dadaistischen Collagen von Hannah Höch oder ­Johannes Baargeld, in denen sie den menschlichen Körper neu konstruierten.
Diese und weitere Themen werden in den insgesamt sechs Sektionen der Ausstellung aufgegriffen. Dabei wird ein formaler Dialog zwischen zeitgenössischen und historischen Positionen geschaffen, der inhaltlich aber oft an der Oberfläche hängen bleibt. In der Sektion ‹Neue Sehgewohnheiten› wird anhand der Werke von Alexandra Navratil oder Raphael Hefti aufgezeigt, dass noch immer in der Fotografie experimentiert wird. Doch wie diese Experimente heute durchgeführt werden, wird nicht thematisiert. Hefti beispielsweise nutzte in seiner Serie ‹Lycopodium› entflammbare Pflanzensporen, die er auf dem Fotopapier zerstäubte. Auch in ‹Neue Körperempfindungen› fehlt die zeitgenössische Kontextualisierung. Ein Beispiel dafür ist die fotografische Serie ‹1929› von Man Ray, in der er sich beim Geschlechtsverkehr mit seiner damaligen Partnerin Kiki de Montparnasse inszeniert. Welche Rolle die Französin dabei spielte oder wie die Darstellung der weiblichen und männlichen Lust heute rezipiert werden würde, wird auch im Katalog nicht kommentiert.
‹Schall und Rauch› schafft ein Stimmungsbild der «Roaring Twenties» mit vielen bekannten Künstlern, aber wenigen unbekannten Künstlerinnen. Die Ausstellung wirkt umfassend, doch auch sehr historisierend – trotz des im Saaltext erwähnten Bezugs zur aktuellen Corona-Krise. 

Bis 
11.10.2020
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
Schall und Rauch 03.07.202011.10.2020 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH

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