Jürgen Partenheimer

Jürgen Partenheimer · Strömung, 2016, Tusche, Aquarell, Bleistift auf Papier, 27 x 33 cm © ProLitteris

Jürgen Partenheimer · Strömung, 2016, Tusche, Aquarell, Bleistift auf Papier, 27 x 33 cm © ProLitteris

Jürgen Partenheimer · The Earth’s Eye, 2019, Bleistift, Tusche, Aquarell, 50 x 68 cm © ProLitteris

Jürgen Partenheimer · The Earth’s Eye, 2019, Bleistift, Tusche, Aquarell, 50 x 68 cm © ProLitteris

Hinweis

Jürgen Partenheimer

Zürich — Vor schwarzem Grund tritt horizontal eine weisse bikonvexe Figur antagonistisch ins Bild. Ist es der mitten ins Herz des stillen Ozeans getriebene Keil im Gedicht von Ingeborg Bachmann, der sich in Jürgen Partenheimers (*1947) Aquarell ‹Strömung›, 2016, in eine weis­se zugespitzte Kante verwandelt hat?
Die abstrakte Komposition ist eine Arbeit aus der zwischen 2015 und 2020 entstandenen Werkserie ‹One Hundred Poets›. Vom Impuls der Sprache geleitet, hat Partenheimer ausgehend von einhundert Gedichten ebenso vieler internationaler Autorinnen und Autoren 201 Zeichnungen und 54 Gemälde realisiert. In der Galerie Häusler Contemporary ist derzeit eine Auswahl von 16 querformatigen Arbeiten auf Papier zu sehen, die zeitgleich in einer Gedichtanthologie des Mainzer Golden Luft Verlag erscheinen. Die ausgewählten Gedichte stammen von 16 Lyrikerinnen, darunter bekannte Namen, wie Emily Dickinson oder Sappho.
Reduziert in der Formensprache konvergieren die abstrakten Bilder nicht nur in ihrer materiellen Zusammensetzung – Bleistift, Tusche und Aquarell –, sondern auch in ihrer Ästhetik: Oszillierend zwischen Zeichnung und Malerei verbinden sich fein ziselierte, fragile Bleistiftlinien mit tektonischen, teils amorphen Strukturen zu Arrangements von schwebendem Charakter. So auch in der Arbeit ‹The Earth’s Eye›, 2019. In diesem Aquarell schlängelt eine verspielte Bleistiftlinie über ein transparent azures Oval, das von einem weissen Fünfeck unterbrochen, eine Öffnung suggeriert. Den Hintergrund bilden vertikal und horizontal gezogene Striche, die sich mit ihrer geometrischen Geradlinigkeit von der eher geschwungenen Komposition absetzen.
Das Gegenständliche vermeidend, hält uns Partenheimer zu seinen Bildern auf Distanz. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Flächigkeit der minimalistischen Kompositionen, aber auch durch den lasierenden Pinselduktus und die zurückhaltende Palette. Zugleich verleitet die abstrakte Formensprache zu einer höchst sinnlichen Lesart. Der Blick folgt scheinbar unnahbaren Formen und Farben, die das Unaussprechliche der Gedichte visualisieren. Die unbemalten Stellen auf dem Bildträger selbst kreieren buchstäblich Zwischenräume, die metaphorisch gelesen zum Ausgangspunkt der Werkserie zurückführen: zur Poesie, in der das Wesentliche zwischen den Zeilen passiert.
Partenheimers Werkserie ist nicht als illustrierte Lyrik zu verstehen. Trotz Dialog bewahren Dichtung und Kunst ihre Eigenständigkeit. Entsprechend sind die ausgestellten Arbeiten das Resultat eines subjektiven Transforma­tionsprozesses, bei dem die wahrgenommene sprachliche Empfindung der Poesie vom Künstler in eine visuelle Form transferiert wird. Auf diese Weise lassen sich die gezeigten Aquarelle als seismografische Psychogramme über die Befindlichkeit des Künstlers lesen. 

Bis 
23.10.2021
Ausstellungen/Newsticker Datum Typ Ort Land
16 von One Hundred Poets — Jürgen Partenheimer 09.09.202123.10.2021 Ausstellung Zürich
Schweiz
CH
Autor/innen
Tiziana Bonetti
Künstler/innen
Jürgen Partenheimer

Werbung