Barbara Ellmerer in der Galerie Haldemann

Barbara Ellmerer ? Blue girl, 1998, Öl/Baumwolle, 180 x 115 cm; Foto: P. Hunkeler, Zürich

Barbara Ellmerer ? Blue girl, 1998, Öl/Baumwolle, 180 x 115 cm; Foto: P. Hunkeler, Zürich

Besprechung

Für die aufstrebende Schweizer Künstlerin Barbara Ellmerer ist die weisse Leinwand nicht bloss ein Gegenstand, sondern, im Gegenteil, das «reine Gemälde» schlechthin. «Die weiss grundierte Leinwand ist die Perfektion per se», sagt die Malerin, «da auf ihr alles möglich ist - in der Imagination.» Selbstkritisch fragt sie sich: «Warum also überhaupt noch eingreifen?» – und antwortet sogleich: «Weil es eine Lust ist, den Sehfrieden zu stören.» Neuerdings wirbeln «Blue Girls» darauf coole Kreise.

Barbara Ellmerer in der Galerie Haldemann

Barbara Ellmerer (*1956) malt Bilder ihrer Lust, es sind Bilder einer visuellen Reflexion über die Lust am Bild, übers Verführen. Es erlaubt ihr, sich besser in einem hedonistischen Raum einzurichten, in einem zugleich auch erotischen Raum des Bildes, des Malens und des Seins. Wenn Paul Klee gesagt hat: «Die Farbe hat mich. Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler», dann könnte Ellmerer wie folgt kontern: «Das Bild hat mich. Ich und das Bild sind eins. Ich bin Malerin.»In ihrer letzten grossen Ausstellung (Kunstmuseum Neuenburg 1997) dominierten die weissen Bildnisse, die zwischen dem Weiss der blutleeren Haut eines Toten und dem Weiss von Sperma oszillierten. Das entwickelte eine verführerische Fremdheit, einmal durch die Abwesenheit aller Farben und handkehrum durch die Anwesenheit der «Farbe» Weiss, dieser Summe aller Farben. Jetzt hat Ellmerer die Höhleneingänge der Blauen Grotte entdeckt: ihre «Blue Girl»-Serie passt zu Capri. Da gibt es im Wechsel der Jahreszeiten rötliche, grüne und bläuliche Frauen. Das bläuliche Girlbild erinnert an ein Polaroid von einem vollen Kühlschrank. Was wollen uns die «Blue Girls» sagen: Wollen sie reden, und dann, wie alle Frauen, auch noch über Gefühle? Leiden sie an Kunstschmerzen wie andere an Zahnschmerzen?Ihre Heldinen stattet Ellmerer nicht mit grossmäuliger Geste aus, eher souffliert sie ihnen ein Lebensgefühl ein, das sich von aussen füchterlich cool und von innen furchtbar frostig anfühlt. Die «Blue Girls» haben weder mit unserem kindlich-heiteren Himmelblau noch mit der Vorstellung von Ruhe, Kühle und Entspannung das mindeste zu tun. Es geht vielmehr um eine Ästhetik des Lebens. Tarantino muss man gesehen haben. Und Tricky gehört.Wenn in den Werken von Ellmerer «BlueGirls» als Zeichen auftauchen, dann sind das keine Codes. «Es gibt nichts zu deuten», sagt die Künstlerin lakonisch. Ellmerer lässt, paradox formuliert, Zeichen entstehen, ohne dass dabei Zeichen für etwas geschaffen werden. Barthes schreibt: «Die Blume ist hingeschrieben worden, dann weggeschrieben, entschrieben, aber die beiden Eindrücke bleiben vage übereinandergelegt...» Allerhöchste Malereikunst.


Bis 
20.11.1998
Autor/innen
Paolo Bianchi
Künstler/innen
Barbara Ellmerer

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