Daniel Richter in der Galerie Contemporary Fine Arts

Daniel Richter ? Zwiesprache mit der Natur (beim Baden), 1996, Öl auf Leinwand, 185 x 200 cm; Foto: J. Littkemann, Berlin; Courtesy Contemporary Fine rts, Berlin

Daniel Richter ? Zwiesprache mit der Natur (beim Baden), 1996, Öl auf Leinwand, 185 x 200 cm; Foto: J. Littkemann, Berlin; Courtesy Contemporary Fine rts, Berlin

Besprechung

Seit 1995 hat der Hamburger Maler Daniel Richter (*1962) jährlich eine Einzelschau bestritten und letztes Jahr alle Interpreten in Begeisterung erstarrt hinter sich gelassen; nun ist er vorn und Malerei für zeitgenössische Kunstkritiker wieder eine Herausforderung.

Daniel Richter in der Galerie Contemporary Fine Arts

Parallel zur zweiten Einzelausstellung bei Contemporary Fine Arts gab Richter im März 1997 ein Interview für die Zeitschrift Spex, in dem er seine Malerei paradox als Massnahme gegen Privateigentum deklarierte und sein ästhetisches Ideal formulierte: «... es muss alles mit rein (ins Bild). Erst dann kommt es zu sich selbst, zu seinem Spiegelbild. Und damit auch erst zu einer Haltung, die interessant ist. Ein zu sich gekommenes Bild, in dem alle Möglichkeiten aufgerufen sind.» Ulrike Rüdiger, welche die Laudatio für den Dix-Preis ?98 hielt, attestiert ihm denn auch: «Heiss gelaufene Farbmaschinen, die recyceln, was die disparate Geschichte der abstrakten Malerei in den letzten Jahrzehnten produziert hat. (...) Richter erweist sich ganz auf der chaos- und informationsgestählten Höhe der Zeit, der neunziger Jahre – in ureigenster Weise fragmentierend und synthetisierend.»Zu seiner letztjährigen Schau hat Richter einen aufschlussreichen Katalog unter dem Titel «17 Jahre Nasenbluten» erstellt. Alle Reproduktionen seiner Bilder und alle Textseiten sind am oberen Rand aufgeklebt. Klappt man die Textseiten auf, verbergen sich Textauszüge dahinter, während es hinter den Bildern Cartoons, Dokumentarfotos oder Zeichnungen sind. Hinter jedem Text liegt ein anderer, hinter jedem Bild ein weiteres.Mehr ist mehr. Kunsthochschulen lehren die Studenten, sich auf das Wesentliche zu beschränken, so weit wie irgend möglich zu reduzieren und Redundanzen zu meiden. Doch man weiss nicht mehr recht, was wesentlich ist. Alles kann zählen, das Beiläufigste den Fortgang der Geschichte umlenken. Weniger zu erfassen ist weniger. Dieser Überzeugung sind gerade jene, die abseits oder gegen die Akademien ihr Werk entwickelt haben: Thomas Hirschhorn, Jonathan Meese, Sub-Real und Daniel Richter, der bei Werner Büttner lernte. Das Bildgeviert hält die Fülle im Zaum. Doch Richter, der bislang in Mittelformaten arbeitete, hat nun neue Bilder monumental angelegt, im vollen Bewusstsein des Risikos, die Fülle nicht mehr zu meistern.Marc Augé hatte in «Lieu et Non-Lieu» den Begriff «Surmodernité» durch den Exzess an Gleichzeitigkeit von Informationen, Orten und Zeiten dargelegt. Dies Übermass zeichne die Menschen der industrialisierten Länder. Dafür stehen Richters Bilder ein – wohl weniger als Darstellung denn als Symptom, doch erkennbar genug, um sich an der farbigen Pracht zu erfreuen: Affirmation als authentische Zeitgenossenschaft der Hochmoderne.


Bis 
27.11.1998
Autor/innen
Peter Herbstreuth
Künstler/innen
Daniel Richter

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