«I live in the same body as my assassin.»

Siehe Legende nach dem Artikel: Zitate von Henry Rollins aus den Tagebüchern und aus dem Interview im Film

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Fokus

Judith Ammann ist Grafikdesignerin. «Henry Rollins (sort of) a portrait ’83-’89» – ein Videoporträt über eine der wichtigsten und extremsten Persönlichkeiten der amerikanischen Punkbewegung – ist ihre erste Filmarbeit. Nach mehreren Vorführungen in Frankfurt/M und Köln war der Film im vergangenen September während des Berlin Beta-Filmfestes zu sehen und wird nun in der Galerie Wohnmaschine in Berlin gezeigt.

«I live in the same body as my assassin.»

Ein Videoporträt des Punkmusikers Henry Rollins von Judith Ammann

Die Schrift (das Symbolische) Der Körper ist markierte Fläche – eine filmische Konstellation aus Lichtpunkten und Schwarz. So wird er ein lesbarer Text. Am Anfang von Judith Ammanns Film «Henry Rollins (sort of) a portrait» herrscht eisige Stille im Kinosaal, zwölfminutenlang. Über die Leinwand huschen in schneller Folge Gedichtzitate und stumme Bilder eines Konzertmitschnitts. Der Vorspann gerät zur Konzentrationsprobe: Terror der Aufmerksamkeit. Wenn Rollins’ Stimme dann zum ersten Mal ertönt, ist es wie ein Schock, der auf den Filmbildern seine Spuren hinterlassen hat. Die Filmemacherin macht die Leinwand zur Schreibfläche, arrangiert Typografie zu Textkörpern und montiert Partikel aus Rollins’ Statements. Biografie und Bildkörper verschmelzen zu einem rhythmischen Datenfluss, aus dem Textsegmente undKörperfragmente wie Eisberge aus dem Polarmeer ragen. Worte tauchen aus dem Nichts auf, rasen auf den Zuschauer zu wie Geschosse und zerbersten direkt vor seinem Auge. Das typografische Maschinengewehrfeuer macht optisch erfahrbar, was Rollins’ Songs herausschreien. Seine Tagebuchnotizen lässt Judith Ammann in separaten Fenstern durchs Bild laufen – kontrapunktisch zu Grossaufnahmen des Musikers in Zeitlupe. Sie achtet auf Timing und Rhythmuswechsel der Sequenzen: Selten sind Rollins Körper und Stimme synchron. Nur stille Schwarzpausen, in denen die Leinwand zum provozierenden Nicht-Bild wird, unterbrechen die Bild/Textfolge, werfen den Betrachter auf sich selbst zurück – Sensory Depravation: der Totalaufprall des aufnahmebereiten Sensoriums. Auch Rollins kennt diesen Zustand, seine Worte treffen unerwartet ins Schwarze: «The sound of silence disturbs me».

Der Körper (das Imaginäre) Der Körper zerfällt in ein Rasterbild: ein glattrasierter Schädel, Stiernacken, Athletenschultern lösen sich in unendlicher Langsamkeit aus dem Dunkel des Zelluloids. Auf der Leinwand erscheinen grobkörnige Aufnahmen von Henry Rollins, Konzertmitschnitte, wenige ähnliche Sequenzen, in Zeitlupe und Verdoppelung und immer von einer gefilterten körperlichen Präsenz: Nur die Silhouette des sich verausgabenden Punkathleten ist in ekstatischen Posen zu sehen, das Mikro vor dem zum Schrei geöffneten Mund. Der allerdings bleibt stumm, denn den Bildern fehlt das Kreischen der Instrumente und der übertönende Sprechgesang von Rollins – statt akustischer Brachialgewalt Stille und fragmentierte Körperbilder. Und das ist für ein Filmporträt über einen Punkmusiker mehr als überraschend – es provoziert. Denn Judith Ammanns Film ist vor allem eine optische Sensation. Sie fordert die Kapazität der Augen statt der Ohren heraus. Die Rollins-Fans im Kinosaal verübeln das und verziehen sich. Als Sänger der legendären Punk-Band «Black Flag» stand Rollins jahrelang an vorderster Bühnenfront, gab den Fans, was sie wollten – ein Leitbild: The lonely fighter. Sein Auftritt war und ist Revolte, seine Stimme Provokation pur – ein martialischer Aufschrei gegen die degenerierte Welt. Entsprechend messianisch fallen Rollins’ Wortkaskaden aus: «I kill myself everyday», behauptet er im Interview und «life kills». Immer lebt er im Kampf, Feindbilder lauern überall; sogar im eigenen Körper, der – «part animal part machine» – sowohl Vehikel von Menpower als auch Schutzschild im Überlebenskampf ist. Rollins’ Haltung wirkt autosuggestiv: Allein der Wille zum Phantasma stählt! Auf seinem Rücken prangt unübersehbar das tätowierte Motto amerikanischer GI’s im Vietnamkrieg – monströses Sonnenantlitz und der Schriftzug «SEARCH & DESTROY». Tattoos sind für Rollins Spuren einer gewollten Verletzung – die Devise «looking for pain» bedeutet für ihn, Schmerz zu fühlen und zu kontrollieren. Judith Ammanns Porträt zerlegt den abweisenden Muskelpanzer filmisch, zieht Schnitte durch seine stählerne Oberfläche – ohne Sarkasmus und ohne Idolatrie. Stattdessen schafft sie ein doppeltes Interface: Phantom und sein Double. Die Schizophrenie des imaginären Körpers zwischen Selbstermächtigung und Selbstvernichtung – Rollins wird nicht müde, sie herauszuschreien: «I live in the same body as my assassin.» Die Schnitte, Stills und Fragmentierungen nehmen dem Körper seine vermeintliche Authentizität. Sie heben hervor, was künstlich an ihm ist: Bodybuilding und tätowierte Haut als Oberflächenornamente. Im Schwarz-Weiss-Raster wird er Bild des Bildes, zweifaches Abbild.

Die Stimme (das Reale) Der Körper ist der Schatten der Stimme. Im Plauderton («You know...») offenbart Rollins hinter den gewollten Bekenntnissen ungewollte. In diesem letzten Teil des Porträts lauscht Judith Ammann dem agent provocateur leisere Töne ab. Allein durch die Fragestichworte, die als Schriftband auf die schwarze Leinwand projiziert sind, dirigiert sie das 45-minütige Gespräch. Nach dem Stakkato von Typografie und Akustik, nach Bühnenperformanz und Körperkult verrät der Film, worauf es ihm ankommt: auf die Konstruktion einer Art von Porträt jenseits des sich aufdringenden optischen Scheins.

– Too much truth leads to too much lonelyness.– And too much lonelyness leads to too much onelyness. Onelyness is the graduation class of the school of lonely. When you drop the «L» in lonely and just get to the only part, everything is cool. I don’t hardly get lonely anymore. I used to! ... I stoped beeing lonly after I just really came to the conclusion that there’s really no one to be lonely for. ?Cause every-time I’m with someone it’s always the same thing.[...]– I have dehumanized myself to the point of no return.– Well, I believe that when you put yourself through enough stuff, you become dehumanized, you drop a lot of the morals and values associated with being a human being ... in society ... I just don’t feel very human very much. Maybe it’s just being burned out, overworked, tired or something, ... when you put yourself through things, you burn out certain elements of yourself and I don’t believe they ever grow back.[...]– For a while I thought I was turning to wood, for a while I thought I was turning to ice, for a while I thought I was turning to stone. I know better now, I’m turning to steel.– When I think of something being wooden, I think it just being very unfeeling. And the image of ice is very cold and intolerant. The image of steel is strong, yet pliant: it can bend, it is somewhat malleable, it can be made into shapes, yet it’s very strong. When you melt ice, it just turns into water, turns into steam and goes away. When you burn wood, it just burns up, turns into ash. What can you do with steel? You melt it, still steel, freeze it, still steel, pound it into a nail, still a steel nail ... Like, these people can do to me whatever they want, it’s still me.[...]– Hot Animal Machine (Song) – It’s the way I think the modern human must be: part animal, part machine, to be able to deal with the most obscene circumstances, to be able to deal with these things, to be able to endure them. Sometimes it’s better to approach them in the machine mode fashion. When someone is coming up and obviously tryin’ to srew you, you know, tryin’ to do you in, you can’t relate to it very emotionally, you can’t go: «oh well, I can’t really...» When dealing with these people who are so mechanized, you have to deal with them in a mechanized way to get through them...


Autor/innen
Petra Löffler

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