Das «Fast Nichts» der Malerei

Aetna I (28.1.1984), 1984, Wasserfarben und Fettkreide auf Papier, 29,6x41,8 cm

Aetna I (28.1.1984), 1984, Wasserfarben und Fettkreide auf Papier, 29,6x41,8 cm

Fokus

Zeichnung spielte lange Zeit im Werk von Gerhard Richter kaum eine eigene Rolle. Das hängt eng mit einem grundlegenden Misstrauen gegenüber der Zeichnung zusammen, das Gerhard Richter immer wieder formuliert hat. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur lädt zur Überprüfung dieser Werkgruppe ein.

Das «Fast Nichts» der Malerei

Zu den Zeichnungen von Gerhard Richter

Zeichnungen waren für Gerhard Richter nie Vorstudien für die in Öl gemalten Fotografien, sondern im Gegenteil: Richter zeichnete Fotos ab, die ihm für Ölgemälde nicht geeignet schienen. Dabei ging er davon aus, dass Zeichnen dem Trug der ästhetischen Illusion von vornherein näher steht als Malerei. Zeichnung ermöglicht keine Arbeit des Löschens oder Überdeckens, Zeichnung bleibt in der unvermeidbaren Positivität der einzelnen Setzungen der Hand stecken. Es gibt wenig, was Richter so verabscheut wie die virtuose oder expressive Linie, den schnellen und genialen Selbstausdruck der Hand: das ist eine Frage der künstlerischen Moral, eines strengen Geschmacks, der in einer artistischen Ethik fundiert ist. Erst mit dem Übergang zu den «Abstrakten Bildern» begann die Zeichnung einen anderen Status anzunehmen und eine selbstständige Gattung im Werk zu werden. Eine entscheidende Rolle für diesen Übergang spielt die Gruppe der Arbeiten aus Halifax, 1978. In ihnen nutzte Richter erstmals und noch deutlich rudimentär die eigenständigen Möglichkeiten, die eine Zeichnung lieferte, die nicht mehr vom einzelnen, bedeutungsvollen Umriss oder der expressiven Linie aus gedacht wurde. Denn Zeichnung erwies sich als brauchbar nur in dem Masse, wie die anderen Bedingungen des Materials andere Verfahrensweisen der Auslöschung, Destruktion und Dekonstruktion von positiven Sichtbarkeiten, von identischen Elementen und Wahrnehmungsobjekten hervorbrachten. Denn Zeichnung verführt den Blick viel zu leicht dazu, Bedeutung zu finden: fast jeder Einsatz der Hand artikuliert schon die Fläche, kann sinnvoll gedeutet und identifiziert werden. «Was die Zeichnung noch deutlicher als die Malerei kennzeichnet, ist die Verwirrung, das Fehlen eines Ausweges. Und zugleich ist es so einfach. Man beginnt, und sofort ist es so gefällig: Es sieht aus wie Beuys, Oldenburg oder Polke, und in all diesen Richtungen könnte man leicht fortfahren, doch ist dies völlig uninteressant. Das Schwierige bei der Zeichnung ist das Vermeiden, das «dem allem Entgehen». Die Zeichnung ist lediglich ein Umgehen all dieser Gefahren, eine Auslöschung, ein «Fast Nichts», bis hin zum äussersten Rand, wo alles zerbräche. Kurz davor hält man ein.» Die Schnelligkeit der Zeichnung und die Tatsache, dass sie sich fast nicht korrigieren oder übermalen lässt, musste von einem Hindernis oder einem Mangel in eine Stärke transformiert werden. Das «Fast Nichts» ist so ganz wörtlich zu nehmen: wo in der Malerei Richters viele und sehr deutlich unterschiedliche, einander optisch widersprechende Einsätze und visuelle Ordnungen gleichzeitig anwesend sind, einander überlagern und durchdringen, treten in vielen Zeichnungen sehr wenige Einsätze auf, deren visuelle Widersprüchlichkeit lange nicht so deutlich ist, die aber viel näher an einem «Nullpunkt» der Hand liegen: an einem Punkt, an dem der Strich jede Bedeutung verloren hat, wo er keinen Ausdruck und keinen ästhetischen, kompositionellen oder gegenständlichen Sinn mehr hat. Dieser «Nullpunkt» wird in den Zeichnungen umkreist: durch Störungen der Einsätze und Ebenen, die kaum noch über einen visuellen Hinweis hinausgehen und die dem Blick die Aufgabe überlassen, die Aporien von Totalität des Bildes und Vielheit von Einsätzen, von einzelnem Blatt und Gruppe, von sichtbarem Träger und Schichtung erst zu entfalten.


Die Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur ist noch bis zum 17.11. zu sehen. Als Begleitpublikation ist erschienen: Gerhard Richter: Zeichnungen 1964–1999, Werkverzeichnis, Hrsg: Dieter Schwarz, Kunstmuseum Winterthur/Richter Verlag Düsseldorf 1999

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Gerhard Richter 04.09.199921.11.1999 Ausstellung
Autor/innen
Johannes Meinhardt
Künstler/innen
Gerhard Richter

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