Kein Tag ohne Kunst

Thomas Struth · Louvre II, 1989, C-Print, 219x180 cm, Courtesy Monica De Cardenas, Milano

Thomas Struth · Louvre II, 1989, C-Print, 219x180 cm, Courtesy Monica De Cardenas, Milano

Fokus

Für das Symposium «Museumsland Schweiz: Wachstum ohne Grenzen?», das am 25. September in Winterthur stattfand, hat der Schweizerische Kunstverein eine Umfrage unter 106 Kunstinstitutionen durchgeführt. Der nachstehende Bericht ist eine gekürzte, leicht veränderte Fassung der Auswertung dieser Umfrage.

Kein Tag ohne Kunst

Museumsland Schweiz: Eine Standortbestimmung

Zwei grundlegende Phänomene kennzeichnen die Schweizer Museumslandschaft am Ende dieses Jahrhunderts: Zum einen hat sich die Zahl der Museen in den letzten 25 Jahren mehr als verdoppelt, allein in den 90er Jahren sind rund zwanzig neue Ausstellungshäuser enstanden. Dieser unerhörte Zuwachs lässt eigentlich nur eine Interpretation zu: Die Schweizer Museumslandschaft boomt! Heute finden sich pro Kanton im Durchschnitt vier Kunsthäuser, oder – auf die Bevölkerungszahlen umgerechnet – je ein Kunsthaus auf 65000 Einwohner! Trotzdem ist immer wieder von der Krise der Institution (Kunst-)Museum die Rede und das nicht ohne Grund. Tatsächlich zeitigt die beeindruckende Museumsdichte in der Schweiz auch negative Folgen: Stagnierende Budgets, drastisch anwachsende Ausstellungskosten und rückläufige Besucherzahlen machen vielen Häusern zu schaffen.

Starke Zunahme der privaten Sammler- und Künstlermuseen Bis um die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Museumslandschaft Schweiz mit rund 15 Kunsthäusern in grossen und mittleren Städten noch gut überblickbar. Erst nach 1950 beginnt sich das Museumsnetz zu verdichten, auch kleinere Städte wie Aarau, Lugano und Zug nahmen nun Museumsprojekte an die Hand. Seit in den 80er Jahren das Interesse für zeitgenössische Kunst zu wachsen begann, hat auch die Zahl der Kunsthallen schlagartig zugenommen. In jüngster Zeit hat sich die Tendenz in Richtung privater Sammler- und Künstlermuseen verlagert: Nicht weniger als acht neue Museen dieses Typs sind allein in den letzten zehn Jahren enstanden. Vielfach in attraktiven Bauten untergebracht und mit grosszügigen Mitteln ausgestattet, stellen diese Privatmuseen eine ernsthafte Konkurrenz für die öffentlichen Kunstmuseen dar, die als Folge dieser Entwicklung natürlich auch auf bedeutende Sammlungszugänge in Form von Schenkungen und Legaten verzichten müssen.

Die Stadt Basel als Beispiel Die Situation in Basel ist für diese Entwicklung exemplarisch. Mit der 1997 eröffneten Fondation Beyeler in Riehen ist dem Kunstmuseum Basel ein Konkurrent entstanden, der annähernd über die gleichen finanziellen Mittel verfügt, aber ungleich mehr Besucher anzieht. Nicht zuletzt dank Christos spektakulärer Baumaktion haben 1998 über 608000 Menschen den Weg in das vergleichsweise abgelegene Sammlermuseum gefunden – eine Zahl, die von keinem der grossen klassischen Kunstmuseen der Schweiz auch nur annähernd erreicht wird. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Besucherzahl des Kunstmuseums Basel bewegte sich in den 90er Jahren um 150000. Doch damit nicht genug: Das 1996 eröffnete Museum Jean Tinguely, ebenfalls in Basel angesiedelt, übt mit seinen fast 200000 Besuchern pro Jahr einen zusätzlichen gehörigen Druck auf das öffentliche Kunstmuseum aus. Bereits 1996 sah sich die Stadt Basel genötigt, beim Kulturbudget den Rotstift anzusetzen, und schloss das Museum für Gestaltung – ein drastischer Akt, der glücklicherweise ein Einzelfall geblieben ist, aber auch ein untrügliches Zeichen dafür, dass der öffentlichen Finanzierung von Kunstinstitutionen Grenzen gesetzt sind.

Besucherzahlen – fragwürdige Gradmesser der öffentlichen Resonanz Zwar darf die Zahl der Besucherinnen und Besucher nicht überbewertet werden; da sich aber qualitative Massstäbe ungleich schwerer definieren lassen, stellen sie die einzige objektive Grösse für die öffentliche Resonanz einer Kunstinstitution dar. Wie eine kürzlich veröffentlichte Studie der Stiftung Schweizer Museumspass zeigt, gehen 55 Prozent der Schweizer Bevölkerung nie ins Museum, 36 Prozent ein bis drei Mal pro Jahr. Hier liegt offenbar ein riesiges Wachstumspotential brach, das jedoch in jüngster Zeit vor allem von den neu gegründeten Privatmuseen abgeschöpft wird. So gehört zum Beispiel die Fondation Pierre Gianadda in Martigny bekanntlich zu den absoluten Publikumsfavoriten. Die Besucherfrequenz in den öffentlichen Kunstmuseen hingegen ist in den letzten Jahren oft rückläufig oder stagniert zumindest. Immer lauter wird angesichts dieser Tatsache der Ruf nach erfolgreichen Marketingmethoden, wie Caesar Menz, Direktor des Musée d’art et d’histoire in Genf, in seinem Winterthurer Vortrag festhielt:«Museen sind heute Teil einer Freizeit- und Unterhaltungsindustrie geworden, an die immer stärker auch die Forderung herangetragen wird, einen Teil ihrer Aufwendungen selber zu erwirtschaften, sei es über Sponsorenmittel, Erlöse aus Eintritten, den Verkauf von Produkten in Boutique und Bookshop. Museumsdirektoren sind, ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, zu Unternehmern geworden, ihre Ausbildung als Kunsthistoriker, Archäologen oder Historiker reicht nicht mehr aus, diese komplexen Aufgaben zu erfüllen.»

Die Eigenfinanzierung der Museen variiert beträchtlich Aufschlussreicher als die absoluten Budgetzahlen ist die Finanzierungsstruktur eines Museums und hier lassen sich in der Tat grosse Unterschiede ausmachen. Das Kunsthaus Zürich, das Kunstmuseum Winterthur sowie das Kunsthaus Aarau finanzieren alle annähernd die Hälfte ihres Jahresbudgets selber, sei es über Beiträge von privater Seite oder Eintritte und Katalogverkäufe. In der französischen Schweiz hingegen liegen die Zahlen deutlich unter dem Durchschnitt; sowohl das Musée d’art et d’histoire in Genf als auch das Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne werden zu 90 Prozent von der öffentlichen Hand alimentiert. Verallgemeinernd kann man hier feststellen, dass die ökonomische Struktur der Region eine Rolle spielt. Ganz offensichtlich ist es einfacher, in einem wirtschaftlich potenten Umfeld finanzkräftige Privatpersonen oder Firmen für die Unterstützung künstlerischer Aktivitäten zu gewinnen.

Wachstum ohne Grenzen? Die Frage scheint nach Massnahmen zu rufen, die der Zunahme von Kunstinstitutionen Einhalt gebieten. Soll für die Museen ein Numerus Clausus eingeführt werden? Davon kann natürlich nicht die Rede sein. Viele der in den letzten Jahrzehnten neu entstandenen Kunsthäuser stellen für die Schweizer Kunstlandschaft eine echte Bereicherung dar. Gleichzeitig aber geraten viele etablierte Kunstmuseen immer mehr unter Druck und sehen sich gezwungen, vordergründig Sensationelles in die Welt zu setzen, um öffentliche Aufmerksamkeit, Sponsorengelder und Subventionen auf sich zu lenken, wie es Dieter Schwarz, Direktor des Kunstmuseums Winterthur und Initiant des Symposiums «Museumsland Schweiz: Wachstum ohne Grenzen?» formuliert hat. Gibt es für das Museum der Zukunft nur die Alternative zwischen Elfenbeinturm und Disneyland?

Kein Tag ohne Kunst! Am Winterthurer Symposium hielt Christoph Vitali, Direktor des Münchner Haus der Kunst, ein engagiertes Plädoyer für die Öffnung des Kunstmuseums: «Auch in seiner Struktur ist das Kunsthaus reformbedürftig, wenn es seine Funktion erfüllen und nicht zum Kunstgrab verkommen will. Eine privatrechtliche Verfassung der Institute bei unverminderter öffentlicher Finanzierung scheint eine der Voraussetzungen für ihre Öffnung zum Publikum zu sein. Die Lösung von kameralistischen Zwängen und Fesseln schafft Freiräume zur Entfaltung unternehmerischer Initiativen und gewährleistet eine Öffnung der Häuser, die auf die legitimen Bedürfnisse der Besucher besser und flexibler reagieren kann. ... Einen Schliesstag, einen Tag ohne Kunst, darf es so wenig geben wie einen Tag ohne Bücher oder ohne Musik. Zum Abbau oder zur Überwindung der Schranken, die immer noch zu viele Menschen vom regelmässigen Besuch abhalten, sind – fast – alle Verführungsstrategien erlaubt, sehr wohl auch interdisziplinäre, mit den gezeigten Inhalten Bezüge aufweisende Veranstaltungen im Museum bis hin zum Museumsfest. Dem Event rede ich dennoch nicht das Wort. Das Ereignis ist die Kunst selber, muss und wird sie immer bleiben.»


Der Bericht sowie die vollumfängliche Auswertung der Umfrage zum Symposium «Museumsland Schweiz: Wachstum ohne Grenzen?» mit detailliertem Zahlenmaterial können gegen eine Schutzgebühr von Fr. 20.– beim Schweizerischen Kunstverein angefordert werden. Ein Teil der Referate, die am Symposium in Winterthur gehalten wurden, sind über die Internet-Adresse www.kunstverein.ch abrufbar.

Autor/innen
Edith Krebs Nduakasa

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