Jetzt, da alles zerzaust ist

Marion Suter (*1975) und Hans Stalder (*1957), Bern, 2002

Marion Suter (*1975) und Hans Stalder (*1957), Bern, 2002

Stalders Zeichnungen sind Teil einer grösseren Serie von Zeichnungen durch Blaupausenpapiere, DIN A4 Format, teilweise mit gefärbtem Weissleim koloriert, alle 2002, die für das Projekt «Paarläufe» entstanden sind.

Stalders Zeichnungen sind Teil einer grösseren Serie von Zeichnungen durch Blaupausenpapiere, DIN A4 Format, teilweise mit gefärbtem Weissleim koloriert, alle 2002, die für das Projekt «Paarläufe» entstanden sind.

Fokus

Die im März 2002 vorgestellte Reihe «Paarläufe – zwischen Kunst und Literatur» startet in die dritte Runde. Das Projekt war Anlass für eine erste produktive Zusammenarbeit zwischen der Autorin Marion Suter und dem Maler hans stalder. Ihr künstlerischer Auftritt findet als Insert im Kunst-Bulletin sowie als Ausstellung und Lesung im Kunstmuseum Thun und im Literaturhaus Zürich statt.

Jetzt, da alles zerzaust ist

Set-Safari Soap/Slipper-pantoufle-leopard   Die Kundin ist eine bekannte Schauspielerin. Spielt Putzfrauen von Bundesräten, übers Ohr gehauene Rentnerinnen oder Zicken. In der Sendung eines berühmten Showmasters. Beidseitig des Mundes graben sich Hängematten in die Haut, ihr Gesicht ist eine ausgewrungene Stoffwindel. Die Verkäuferin nimmt der Dame die Kreditkarte aus der Hand, mit einem Bedauern, das ihre Bewegungen verlangsamt.

Schon hüpft das köterbraune Pferdeschwänzchen dem Szenario scheel entgegen. Hebt sich der hellblaue Bogen über der Vorgesetzten Lid. Der zeugt von einer feinen Marke. Das ihrem Gesicht eine Billigkeit verleiht. Weil es von Unlust verknöpft wird, von prüder Scheinheiligkeit. Weil dem Bodyspray der Vorgesetzten ein Insektizid innewohnt. Wenn sie ihn anpreist, mit ihm droht, zerbröselt die Konstanz des Lippenstifts auf ihrem Mund, entwickeln sich unappetitliche Bröckchen.

Die Vorgesetzte scheucht die Verkäuferin in die Putzecke. Klatscht in die Hände. Winkt die x-beinige Blondine heran. «Das ist ein Fall für unsere Make-Up-Perfektionistin!»

Die Make-Up-Perfektionistin hat den Führerschein dreimal verpatzt. Sie ist dick gewesen und hat gelitten. Ihr Bauch, von einem Magenband zusammengehalten, ist bereits zweimal wie ein Ballon geschrumpft. Das hat sie der Verkäuferin beim Polieren erzählt. Die Make-Up-Perfektionistin hat vor längerer Zeit im Fachgebiet der Hautcremen abgeschlossen. In der Zwischenzeit auch schon Tabletten eingenommen und sterben wollen. Das sagt die Chefin hinter vorgehaltener Hand. Weil sie von Neid geplagt ist. Weil
niemand so viel weiss, wie die Make-Up-Perfektionistin. Von der Schönheitspflege, den Essenzen, der Beratung der Kundinnen. Wenn die Make-Up-Perfektionistin sekundenschnell eine perfekte Creme auf den Tisch zaubert, erläutert sie den Beipackzettel. In ihrer schnoddrig-resoluten Stimme liegt Verachtung. Mit modellierten weissen Fingern zerrt sie den Kassenzettel aus dem Gerät, so dass er reisst.

Die Verkäuferin steigt auf die Leiter. Stülpt den Waschlappen wie einen Kasperle über die Hand. Ihre Augen wandern vorsichtig hinunter, streicheln den Scheitel, packen das Kinn. Heben das Gesicht der Vorgesetzten in mag-netisch zitternde Lüfte. Jenseits des sündhaften Scheins gibt es keinen alternativen Genuss, dafür Selbstbestrafung und Geranienbeete, sagt ihr dieses Gesicht. Sie fährt mit dem Waschlappen über ein goldverziertes Parfümhäubchen. Fühlt sich in der Schwebe, als hinge sie in der warmen Krone eines Baums.

Plötzlich fährt ihr eine warme Atemböe unter den Hosensaum, direkt an ihrem Lederstiefelchen blähen sich ein paar Nasenlöcher, die Dame schliesst ihre Augen wie bei einer Predigt. An der pinkigen Lippe zittert ein Duftstreifen. Stumpf mäandriert in ihrem Gesicht das Alter. «Fräulein, haben Sie etwas Neues?» Ein Blick genügt. Die Frau will vergessen. Ihren Stuck, das elende Gerümpel, dessen Hausdame sie ist. Die Verkäuferin zuckt mit den Schultern und steigt von der Leiter. Unterbreitet der Kundin die Düfte, die zum Abstauben bereit stehen. Hüllt sich und die Dame in eine Duftwolke, die wie Sägemehl ihre Nerven affiziert.

Die Bedienung sei nicht zufriedenstellend, heisst es da. Das junge Fräulein sende negative Signale aus. Die Make-Up-Perfektionistin, gerade mit dem Zerreiben von Creme zwischen ihren marmorierten Fingern beschäftigt, schlurft heran. Um Kummer und Kränkung zu stillen, zerrt sie das Döslein mit blitzenden Fingernägeln entzwei, wie ein Wunderei. Vitaminkapseln kullern auf den Boden hinaus, bedecken ihn wie einen goldenen Teppich. Die Dame begibt sich abseits zum Sonnencreme-Turm, der auslädt wie ein Christbaum. Schon schlüpft sie aus ihrem Mokassin und führt den röslichen Halluxknollen hinein. Ins Wochenhitangebot den Safari-Pantoffel, den «Slipper-pantoufle-leopard».

Laut Skala kann ein Frauenduft warm oder blumig sein und etwas gehoben. Er kann aber auch warm, blumig und frisch, jugendlich frisch, sein. Oder er kann warm, blumig und schwer sein, schlampen-schwer. Oder er kann warm, blumig und frisch-vulgär sein. Oder er kann süss sein, süsslich-frisch-vulgär, wie die Fingerkuppen junger Mädchen. Oder blumig-vulgär. Oder einfach Handtaschchen-blumig-vulgär, wie bei den Mäd-chen, die ein wenig ins Alter gekommen sind. Er kann mit exotischem, ja, orientalischem Einschlag sein oder auch ohne, «sportlich» frisch. Tennissocken-frisch. Golf-sportlich-frisch. Oder herb sportlich, also sportlich bitter. Oder aber auch ausser-beziehungsweise unsportlich; lodernd, geschwärzt. Espressomaschinen-Börsen-moschus-bitter. Kann er dem Körper huldigen.

Die Verkäuferin schlägt sich den feuchten Lappen um die Kutte und verdrückt sich in einen schmalen Gang zwischen den Regalen. Der so genannten Problemzone. Weil sie so schattig ist und gerne von träumerischen Langfingern genutzt wird. Die Verkäuferin duckt
sich und wringt den Lappen aus, plötzlich wird ihre Brust von einem Birkenstock gestreift. Darin brechgelber Nylonstrumpf glänzend wie Lack, Hauteigenes der Chefin lauernd zum Duft vorbringt. Die Verkäuferin spürt Übelkeit, profund in ihrem Innern. Der Mensch, sobald er lebt, muss befriedigt sein. Sie versenkt den Blick im Eimer. Ach, wäre er doch ein Goldfischglas!

Da betritt die Parfumerie der französische Dichter. Bringt sein Antlitz die Blässe von der Ferne, die Seele, wie ein geschliffener Klotz aus Asphalt-Schnee. Bringen die mäusedreckfarbenen Augen Schönheit über das Sonderangebot, Wahrheit dem Sehen. Häubchen zum Glimmen. Der Verkäuferin steigt burgundertiefe Röte ins Gesicht. Er will einen Duft ausprobieren. Ihre Hand tastet sich ans Regal, streift ein rotes Fläschchen. Rosiger Jungmädchenduft, grossmütterlich zitternd tritt sie an ihn heran. An seine Wange, die mit braunen Juwelen bestickt ist. Mit kratziger Stimme fordert sie ihn auf, den Hals
frei zu machen. Wo das Blut pulsiert setzt sie die Pistole an, presst sie den Button, bis es sanft pufft. Bricht dann zusammen.

Er trägt die Ohnmächtige auf Händen zum Wagen, der rot und pfiffig ist. Verschwindet die Apfelverkäuferin beim Wagen in grauen Gasen, er fährt sie über Land. Im Arm einen Flechtkorb mit Aromat und Ostereiern, legt er sie auf eine Decke. Am sanft geschwungenen Waldrand, stumm und friedlich. Setzt er sich neben sie, in der Hand ein rotes Ei. Die andere reicht ihr ein grünes. Ihre Augen rund und klar, seine göttlich wie Feigen. Sanft knirschen die Eier beim Zusammenstoss.

Die Chefin hat sie runter in den Luftschutzbunker zum Tee geschickt. Neonröhren schimmern grünlich, Verkäuferinnen und Etagenleiter sitzen an Plastiktischen, alle
in blauen, sackartigen Kutten. Sie sind mit ihrem Hauptgeschäft, dem Essen beschäftigt. Pouletschenkelchen, Aufschnitt und vom Supermarkt reduzierte Ware. Manche Frauen führen in Tupperware Gegartes mit, Würste, Rosenkohl, Kohlräbli an Saucen. Die Make-Up-Perfektionistin transportiert mit grösster Geschwindigkeit Löffelchen voll Joghurt zum Mund. Ihre Gier ist gross, der Hunger unkontrollierbar. Der Ausdruck eines Maulwurfs trotzt ihrem Gesicht. Die aschgraue Zunge entfernt einen weissen Klecks von den Lippen. An denen ein roter Teppich unverwüstlich haftet.

Die Verkäuferin wartet, bis die abgestandene Flüssigkeit den Becher gefüllt hat. Dann schreitet sie durch die Mitte zweier Tischreihen wie durch eine Kirche und sinkt auf einen Stuhl. Es gibt dicke und dünne Menschen, denkt sie. Beide sind sie sensibel und demonstrieren mit ihrer Leibesfülle das fortwährende Zuviel und Zuwenig in der Welt.

Sie wühlt in der Kuttentasche und zückt abgerissene Kassenzettel. Legt sie vor sich aus, um sie ein wenig zu bekritzeln. Wie sie es früher in den Schulpausen getan hat.

«Wir haben bereits gefressen! sagen autark die Augen und stöhnen und gähnen. Die Nase hat mir alles weggefressen! Knurrt der Bauch und seufzt und gähnt.»

Sie streicht das Geschriebene durch, zerknüllt das Zettelchen und beschreibt ein weiteres.

«Wollen wir uns paaren und heftig miteinander verkehren? fragt der Hintern, eben hat’ ich einen Mittagstraum und er stöhnt und gähnt.» Sie wischt ihn weg und schaut sich um. «Die Beine sagen: Gerade sind wir bequem übereinandergeschlagen.» Sie verrückt den Stuhl und steht auf, rupft sich die blaue Kutte vom Leib, wischt sich eine Träne aus dem Auge.

Dann begibt sie sich in die Hauptverkehrsader, das hat sie mit dem Rad noch nie getan. Vor ihr gehen Ampeltürme auf, Fahrbahnen und Kreuzungen umgeben sie. Sie schaut sich um, steigt zitternd vom Rad und spurtet über die Strasse zum nächsten Gehsteig.

Endlich Kühe, endlich Realität! Sie saust einen Abhang hinunter. Ihre Finger umgreifen die Bremsen. Farbige Äcker fliegen an ihr vorbei. Sie möchte singen, hat Angst, eine saure Spinne zu verschlucken. Hinter einem Hangar sieht sie ein Flugzeug eine Kehrtwendung machen. Aus seinem Entenpo schlagen grelle Blitze. Tosender Lärm wie von Bohrmaschinen greift ihr an die Brust. Der Flieger hebt ab, als wäre er aus Schaumgummi. In den Augen vom Kerosin etwas Tränen. Eine spielerische Schwalbenschar.

Sie dreht ein paar gewagte Schlaufen, richtet sich auf und streckt die Arme zum Himmel. «Kindskopf!», ruft sie laut. Der Radweg führt in einen dichten Wald. Jetzt tritt sie in die Pedale. Ein Ausflügler zerrt seine jungen Bulldoggen vor ihr ins Laub. Sechs weisse Würstchen. Über ihr Lid kriecht ein Salztropfen und schlüpft ihr brennend ins Auge. Vor ihr erstreckt sich eine Allee.

Bäume küssen sich mit ihren Kronen, oben im Himmel. Die Wurzeln mit leuchtenden Flechten und Moos überzogen. Der Schwatz der Vögel ist einem Hauchen gewichen. Es ist still, als würde in ihrem Auge ein Äderchen platzen.

«Kindskopf.» Eine Ängstlichkeit vor dem Bösewicht.
Sie lässt das Rad an einem Baum stehen und geht zu Fuss weiter, folgt dem Rauschen eines Flusses. Unter den Schuhen ein lüsternes Knistern. Das Gesicht im Nacken, sieht sie die dicken, braunen Zapfen in den Tannen. Wolken kutschieren. Trällert sie einen alten Schlager.

Mitten im Wald ein Parkplatz, mit prächtig funkeln-dem Land-Rover. Dahinter anheimelnd ein Gasthof, geschmückt mit Töpfen voller Geranien.

«Guten Tag.» Die Mulattin hebt die schwarzen Käferaugen. Zieht mit einem Waschlappen gleichmässige Kreise über den Tresen. Auf ihrem Gesicht ein meditativer Ausdruck. An der Bar lehnt ein dicker Mann in Militäruniform. Er raucht eine Zigarre und bläst den Rauch ins Gesicht des Schmächtigen, der neben ihm steht. Auf dessen Tropenhemd kreisende Möwen im glühenden Sonnenuntergang. Daneben sitzt einer auf einem Schemel, ein Pausbackiger, mit feinem Silberkettchen um den Hals. Wenn der Militär etwas posaunt und der Schmächtige nickt, hebt der Pausbackige die Bierflasche in die Höhe und auf seinem Gürtel glitzern goldene Kühe.

Abseits an einem Tisch ein Paar. Sie trägt ein Rivella-shirt. Ihre Lippen geben gedämpfte Stosslaute von sich. Vermutlich Kilometerzahlen. Er nickt und schleckt sich die Ovomaltine von der Lippe. Auf seiner Haut klebt ein Fischnetz.

Das Interesse der Verkäuferin gilt dem Titelblatt einer Illustrierten. Auf dem blitzenden Schwergewichtsmotorrad sitzt ein Star. Die blonden Haare von einer Windmaschine in Schwung gebracht. Der Mund leicht geöffnet und schön wie eine reife Tropenfrucht. Zwischen den fluorweissen Schaufelzähnen ein Spältchen. Wodurch der Star sein Weichspüler-Zünglein steckt.

Die Mulattin dreht sich um. Ihr schwarzes Haar ist Schönheit. Wie Schurwolle mit Schneekristallen bespickt. Der Welt zum Trotz Gerechtigkeit. Gedämpfte Radiomusik plätschert aus den Boxen. Die Verkäuferin kriegt eine Gänsehaut. Der Blick des Biertrinkers fasst ihr Gesicht. «Schmeckt’s?»

Sie hat eine Vorstellung vom Menschen. Der Mensch trinkt nicht. Der Mensch verträgt kein Aspirin. Er ist Nichtraucher. Weil er sonst Bewusstlosigkeit riskiert. Kann der Mensch in einem Auto nie mehr als 60-Stundenkilometer fahren. Ist für den Menschen der Arbeitsbeginn vor zehn Uhr morgens eine Unmöglichkeit. Der Mensch verrichtet keine ernsthafte Arbeit. Weil er in gewissen Belangen das Leben nicht ernst genug nehmen kann.

«Danke», sagt sie. Nuschelt in ihrem Rucksack. Legt das Kleingeld auf den Tresen und schiebt die Illustrierte zur Seite. Der Anblick eines Stars hat eine ausgleichende, beruhigende Wirkung auf mich, wobei der Anblick der Make-Up-Perfektionistin mich täglich beunruhigt hat, denkt die Verkäuferin. Woher kommt das?

Sie hat eine Vorstellung vom Menschen. Manchmal geht er ins Kino. Wo auf den Gesichtern der Schauspieler eine millionenbezahlte Göttlichkeit prangt und den Menschen zum Weinen bringt. Es lebt der Mensch in Armut. In Armut, die gross genug nicht sein kann.

«Billette vorweisen!» Sie schreckt zusammen. Sie hat das Rad im Wald stehen lassen, den Zug spontan gerade noch erwischt. Ihre Stimme ist kleinlaut. Der Schaffner trägt eine grosse, viereckige Sonnenbrille. Ein blau-weiss gestreiftes Migräne-Hemd und im Haar einen fettigen Scheitel. «Ausweis? Papiere?» Ihre Nasenspitze wird berührt. Von seinem vorgestülpten Bauch. Der Schaffner kostet sein Vergnügen aus wie einen Wurstteller. «Das kostet Sie achtzig Franken.» – Ihre Gedanken verwandeln sich in eine Geröllhalde. Dieser Mann ist stark, behauptet Mutter Erde. Dieser Mann ist unverbrüchlich. «Wohin fahren Sie» – «Was ist Ihr Bestimmungsort?» Sie dreht das Gesicht weg und starrt in die Zugscheibe. Stösst auf ihre zerzausten Zöpfe, das grün gepinselte Dach über den ofenbraunen Augen, in denen jetzt ein Licht, gleich einem Schwelgen von hochgewachsenem Wiesengras.

«Wissen Sie, was ich gerade denke? Wissen Sie, was ich denke!??» Sein Gesicht verschliesst sich. «Dass ich jetzt nicht mehr Angst hätte, durch den Wald zurückzufahren. Was bedeutet, dass mir das Leben jetzt, nachdem das passiert ist, nur noch achtzig Franken wert ist!» – Die Stimme des Schaffner tönt jetzt unfreundlich. Er blickt auf die Uhr und kritzelt etwas auf den Block. Schweissperlen treten auf seine Stirn. «Ihr Name! Name!»

«Moderne Neurasthenie der fünf Sinne und des sechsten»
Ich gaff’ und gaff’ und sprech’ und sprech’ und verdreh’ für dich mein Herz.
Es soll Schnee fallen auf mein Auge.
Ich klopfe, bin Herrgott noch mal nichts anderes als ein Motor.
Dann setz’ ich plötzlich aus, säusle, und ein wenig später, ach, verliert sich deine Spur.
Es soll Schnee fallen auf mein Herz.
Ich sauf’ und fress’ und küss’ und hauch’ mein Brot nach dir.
Es soll Schnee fallen auf meinen Mund.
Ich hör’ und hör’, Herrgott, hab’ ich verstanden, und konserviere den Klang, den ich dereinst dir zu schmecken gebe, unter der Trockenhaube!
Es soll Schnee fallen auf meine Ohren.
Ich baue, baue, raum’ deinen schönen Körper vom Tisch,
Es soll Schnee fallen in meine Hände.
Ich zerdrück’ deine glatten Falten in meiner Faust.
Dann schwanke ich und verblute die Sitzbank für dich, meinen kommenden Helden.
Es soll Schnee fallen auf meinen Hintern.



Marion Suter 
*1975 in Äsch, ZH; Schule in Oberdiessbach, BE; 1992–95 Handelsmittelschule in Thun; 1997 Studium am Literaturinstitut Leipzig; 1999 Umzug nach Bern, Brotjobs, Literarische Arbeit. Diverse Lesungen seit 2000. Publikationen in diversen Literaturzeitschriften, im Berner Theater Almanach, Band 3; «Swissmade» (Anthologie) Klaus Wagenbach Berlin, 2001; «Natürlich die Schweizer!» (Anthologie) Aufbau Verlag Berlin, 2002

Hans Stalder
*1957 in Bern. Einzelausstellungen: 1985 Galerie Neu Bern; 1992/
1996 Galerie Francesca Pia, Bern. Gruppenausstellungen (Auswahl): 1988 Shedhalle Zürich; 1996/2000 Kunstmuseum Bern; 1999 Kunsthalle Bern; 2001 James Cohan Gallery, New York; 2000 Förderpreis der Kunstkommission der Stadt Bern

Die Veranstaltung von Marion Suter und Hans Stalder im Rahmen von «Paarläufe – zwischen Kunst und Literatur» im Kunstmuseum Thun findet am Mittwoch, 6.11., 20 Uhr statt, diejenige im Literaturhaus Zürich, Limmatquai 62, am Freitag, 22.11., 20 Uhr. Parallel dazu präsentiert das Kunstmuseum Thun eine Auswahl von drei gegenwärtigen Malereipositionen mit Werken des Bulgarischen Künstlers Nedko Solakov (*1957), der äthiopisch-amerikanischen Malerin Julie Mehretu (*1970) und von Hans Stalder.

Künstler/innen
Hans Stalder
Autor/innen
Marion Suter

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