Pridgar und Jurt in der Kunsthalle

Harald Pridgar & Jaqueline Jurt · MIA, 2002, 30 Röcke, Kleiderstangen und Spiegelschrift

Harald Pridgar & Jaqueline Jurt · MIA, 2002, 30 Röcke, Kleiderstangen und Spiegelschrift

Besprechung

Sie leiten Blitze in Galerien ab und lassen Lawinen sich in Kunsträume ergiessen. Im Untergrund bauen sie eine Schnapsbrennerei auf und der Zauber von Kristallhöhlen ist ihnen zig Stunden Arbeit wert. Für St. Gallen liessen sie vor ein paar Wochen eine Hagelabwehrrakete in den Himmel krachen. Die Überreste davon sind in der Kunsthalle zu besichtigen, zusammen mit der neuen Fussballrock-Kollektion MIA.

Pridgar und Jurt in der Kunsthalle

Harald Pridgar (*1968) und Jaqueline Jurt (*1973) interessieren sich für Naturerscheinungen und ihren psychologisierenden Mehrwert. Man kann an den Nutzen von Hagelabwehrrakten glauben oder nicht – Thurgauer Bauern schwören darauf, die ETH Zürich zeigt sich skeptisch, Versicherungen ziehen Vollkaskoprämien einer sicheren Kontrolle vor. Die Arbeiten des in Frankfurt a.M. lebenden Rheintaler Künstlerduos setzen genau an dieser Schnittstelle von wissenschaftlich-ökonomischer Rationalität, übersinnlichem Glauben und individueller Erfahrung an. Im Zentrum ihrer ersten grossen Einzelpräsentation in der Kunsthalle steht ein Anhänger mit Leiter, Fass und Abschussrampe. Die Rakete ist fort. Harald Pridgar und Jacqueline Jurt haben sie an einem Spätnachmittag über St. Gallen in den wolkenbehangenen Himmel geschickt. Ein Videofilm zeugt von der geladenen Aktion. Jetzt lacht die Sonne. Nur: Die Fenster der Kunsthalle sind blick- und lichtdicht verrammt – hier geht es nicht um Natur im Aussenbereich, sondern um die Konstrukte in unseren Köpfen.

Naturgewalten sind vor allem für uns Menschen von bedrohlichem, zerstörendem Charakter. Für die Natur selber sind Lawine und Gewitter selbstverständliche Wege, Spannungen zu lösen. Wegen seinen vielfältigen Abhängigkeiten hält der Mensch an der allmächtigen Mach- und Regulierbarkeit von Welt und Wetter fest.

In monatelanger Arbeit konstruieren Pridgar und Jurt am Computer Naturbilder, indem sie wie bei einer grossen Strickarbeit Masche für Masche miteinander verketten. Diffus und schön sind die jüngsten grossformatigen Ausdrucke. Ausgangslage sind Situationen von Überschwemmungen, Wasserfluten, Erdrutschen, die wir nur zu gut aus jüngsten Zeitungsberichten oder gar eigener Erfahrung kennen. Und die vielleicht mit der Hagelabwehrrakete hätten verhindert werden können?

Hinter den harmlosen und verspielten Oberflächen ihrer Arbeiten öffnen sich Abgründe. Indem Pridgar und Jurt das Unheimliche antippen (und künstlerisch bannen), holen sie sein Ausmass ganz ohne moralischen Anspruch, aber voll fasziniertem Staunen ins Bewusstsein der menschlichen Unzulänglichkeit.

Der St. Galler Ausstellung den Titel gegeben hat Mia. Mia tempesta und mia gonna. Wenn Mia Hamm, amerikanische Fussballerin und Sportlerin des Jahres übers Feld wirbelt, werden die männlichen Kollegen in den Schatten gestellt. Pridgar und Jurt haben als eine
Art Hommage an Frauenpower aus sechzig männerstrotzenden Fussballleibchen dreissig handverlesene Jupes genäht, pflegeleicht und hautfreundlich. Im speziell hergerichteten Showroom der Kunsthalle hängen sie jetzt zur Ansicht, zur Anprobe, zum Ankauf.

Bis 
16.11.2002

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