Zeitgenössische Künstler aus Zentralasien im Centre d''Art Contemporain

Elena & Viktor Vorobyov · Sunrises, sunsets, 2000, Fotoserie (Ausschnitt)

Elena & Viktor Vorobyov · Sunrises, sunsets, 2000, Fotoserie (Ausschnitt)

Besprechung

Kunst aus den jungen Staaten Zentralasiens war im Mai dieses Jahres im Haus der Kulturen der Welt in Berlin zu sehen. Dass nun das Centre d’Art Contemporain als Rahmenveranstaltung der in Genf stattfindenden 4. Konferenz der Minenverbotskonvention ebenfalls Werke von Künstlern aus Kasachstan, Usbekistan, Kirgisistan und Tadschikistan zeigt, ist kein Zufall, denn Krieg, Gewalt und Unterdrückung prägen die Geschichte dieser Länder bis in die heutige Zeit.

Zeitgenössische Künstler aus Zentralasien im Centre d''Art Contemporain

Ein Mann sitzt vor den Toren von Buchara, der einst blühenden Metropole an der Seidenstrasse. Er trägt eine Gasmaske und blättert in einem Buch mit Teppichmustern. Dann wirft er es weg. Ein Vogelschwarm verdunkelt den Himmel. Das kurze Video «Pages of History», 2002, von Smail Bayalyev (*1952) versinnbildlicht eindrücklich die Situation des Künstlers in den ehemaligen Sowjetstaaten Zentralasiens – die Spannung zwischen Tradition und Erneuerung in einem politisch schwierigen Umfeld. Auch die Repressionen unter Stalin, die Gulags mit den Gräbern von Millionen Gefangener, blieben in der Kunst lebendig. Georgyi Thryakin-Bukharovs (*1943) schlichte Installation «A home», 1997, ein
grosses Vogelnest aus Stacheldraht, verweist auf die Schrecken der Vergangenheit – und der Gegenwart. Der erschütternde Film von Vladimir Tulkin und Taras Popov über ein Arbeitslager für straffällige Jugendliche in Kasachstan konnte nur mit versteckter Kamera gedreht werden. Plakativ setzt sich Erbossyn Meldibekov (*1964) mit dem Thema Gewalt auseinander. In der Fotoserie «Pol Pot», 2001, werden Menschen, die in die Erde eingegraben sind, grausam gequält. Ein reich gedeckter Tisch steht in der Mitte seiner farbenfrohen Installation «Oriental hospitality», 2002, doch wehe dem Gast: Waffen zieren nicht nur die Tischdecke, auch Teller und Schüsseln sind mit Gewehren und Dolchen bemalt.

Aber es gibt auch einen harmloseren Alltag, beispielsweise in den etwas altmodischen Fotografien des Kirgisen Shailobek Jeckshenbaev oder bei Elena und Viktor Vorobyov, die in der Serie «Sunrises, sunsets», 2000, das in der oft tristen Architektur ihrer Heimat Kasachstan überall gegenwärtige Motiv der auf- oder niedergehenden Sonne dokumentieren.

Die Ausstellung, die unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Soros Center for Contemporary Art von Almaty (Kasachstan), entstanden ist, zeigt, wie für viele Künstler,
die nach dem Zusammenbruch der alten Sowjetunion mit grossem Enthusiasmus die Ausdrucksformen der westlich-europäischen Avantgarde übernommen haben, die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur und Geschichte nach wie vor wichtig ist. In der Installation «Wandering Dunes», hat Viacheslav Akhunov (*1948) aus Usbekistan kleine Sanddünen aufgeschichtet, in und neben Reisekoffern, die mit alten Fotos und Prospekten beklebt sind. Man denkt an Wüste, Nomaden, Karawanen, an all die Reisenden, deren Wege, vom Westen in den fernen Osten und umgekehrt, sich hier im Herzen Asiens gekreuzt haben.

Bis 
09.11.2002

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