Andrea Fraser im Kunstverein

Andrea Fraser · Exhibition, 2002, Videoinstallation, Foto: Peter Norman

Andrea Fraser · Exhibition, 2002, Videoinstallation, Foto: Peter Norman

Besprechung

Die US-amerikanische Künstlerin Andrea Fraser gilt spätestens seit Ende der achtziger Jahre als profilierte Vertreterin eines Ansatzes, der von «Institutionskritik» über «Kontextkunst» bis zu «Kunst als Dienstleistung» unter verschiedenen Labels firmierte. Mit der Ausstellung «Works: 1984–2003» hat der Hamburger Kunstverein jetzt die bisher umfas-sendste Einzelpräsentation ihres Werks realisiert.

Andrea Fraser im Kunstverein

Die Schau bietet einen retrospektiven Überblick und mündet in der aktuellen Produktion. Dabei werden strategische Verschiebungen in Frasers Arbeitsweise sichtbar: Von prozesshaft-analytischen Projekten über die Performances führt eine Linie bis zu neueren Video-Installationen, bei denen sie teils narrativ und auch mit suggestiven Bildern arbeitet. Die komplexe und stringent arrangierte Ausstellung belegt eindrucksvoll, wie Frasers Arbeit durch alle Entwicklungen hindurch konsequent ästhetische Praxis bleibt. Denn indem sie im Werk primär gesellschaftliche Rahmen- und Geltungsbedingungen von Kunst reflektiert, konstituiert sie es quasi auf dem doppelten Boden von Analyse und exemplarischer Selbstanwendung. Diesen im Kern konzeptuellen Ansatz hat Fraser schon früh und in zunehmendem Masse mit theatralischen und inszenatorisch-fiktionalen Strategien ausgestattet – etwa in ihren performativen «Gallery Talks» – und so über die blosse Kritik hinaus mit Humor und intellektueller Spielfreude in die Offensive getrieben. Dabei bewegt sie sich nicht bloss innerhalb formaler Aspekte, sondern bezieht potenziell alle institutionellen, sozialen, ökonomischen, psychologischen oder sexuellen Kontexte ein, in denen eine künstlerische Arbeit existiert. Eine so fundamentale Kritik schien aber von Anfang an nicht durchs Herstellen von Kunstobjekten «kritischen Inhalts», sondern nur über investigative Praktiken möglich.

Das gilt bereits für die frühesten der ausgestellten Arbeiten, «Woman 1/Madonna and Child 1506–1967» und «Four Posters», beide 1984, in denen Fraser Medien wie Broschüre und Plakat adaptiert, um eine museumstypische Künstler-Repräsentation zu kontern. Es gilt desto mehr auch für ihre theatralische Entlarvung institutioneller Ausschlussmechanismen durch performanceartige Museumsführungen (Gallery Talks, ab 1986). Generell scheint Performance für Fraser an Bedeutung gewonnen zu haben: Ob in Form inszenierter Eröffnungsreden, wie «Official Welcome», 2001, und «Kunst muss hängen», 2001, letztere eine persiflierende Kippenberger-Hommage, oder mit ihren jüngeren Videoauftritten – zu sehen u.a. «Soldadera», 1998/2001, und «Exhibition», 2003, in dem sie sich als Samba-Tänzerin in vollem Ornat exponiert. In «Untitled, 2003, zeigt sie sich beim Sex mit einem Sammler. Ein Auftragswerk, für das der Kunde zahlt und auch selbst agiert. 60 Minuten in Farbe, eine Perspektive, ungeschnitten – so dokumentiert das Band die Performance, mit der Fraser gleich mehrere Klischees von Kunst, Künstler(in) und Markt pointiert. Katalog Euro 35.–.

Bis 
08.11.2003
Autor/innen
Jens Asthoff
Künstler/innen
Andrea Fraser

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