C’est arrivé demain – 7. Biennale in Lyon

Lili van der Stokker · Sorry, one wallpainting, 2003, Foto Blaise Adilon

Lili van der Stokker · Sorry, one wallpainting, 2003, Foto Blaise Adilon

Besprechung

In der Mitte entspringt die Lust: Ausgehend von den Resonanzen zwischen zeitgenössischer Kunst und Kino entdeckt die siebente Lyon-Biennale mit frischen Orten und einem selbstbewussten Kuratoren-Team trotzig die Schaulust neu.

C’est arrivé demain – 7. Biennale in Lyon

Rosa. Zuckersüss und rosa fällt das Sonnenlicht durch schmale hohe Fenster. Ein leichter Wind bewegt in sanften Wellen in rosa Licht getauchte Draperien an den Wänden. Am Kopfende der Halle, in einer Kabine, steht ein riesiger Pumps. Nur einer, auch er: rosa.
Claude Lévêque, derzeit Frankreichs Star, nimmt mit seiner Installation «Valstar Barbie» Bezug auf die einst rosa gestrichene Werkhalle der «Sucrière». Die ehemalige Zuckerfabrik aus den dreissiger Jahren ist das Herzstück der 7. Biennale von Lyon. Für 2,3 Millionen Euro wurden ihre 7000 Quadratmeter zum rustikalen Ausstellungsort im «Port Rambaud» umgebaut, dem altindustriellen Hafengebiet auf der Spitze der Halbinsel zwischen Rhône und Saône. Lévêques Bonbon-Raum nennt ein Kernthema dieser Biennale: Lust.

Lust auf Kunst, Lust auf Bilder und Lust darauf, sich von ihnen einnehmen zu lassen – das ist das Motto dieser Biennale. «Nicht ein Konzept oder die Illustration einer Idee» habe man mit den Inszenierungen geben wollen, so Xavier Douroux, einer der fünf Kuratoren, «sondern vielmehr den Entwurf einer Erzählung, die als vielfältige Erfahrung in der Wahrnehmung des Betrachters entsteht.» Der Ausstellungsbesuch wird zum Bilderfilm, im Kopf der Besucher entsteht ein ganz persönliches Kunstvideo. Dabei wurde mit Videokunst sehr sparsam umgegangen. Die wenigen Flimmerstücke passen sich ein, zwischen den Arbeiten entstehen ästhetische Resonanzen. Neuentdeckungen wie der 26-jährige Hiraki Sawa, dessen Videos sein Londoner Appartment belebt von zahllosen Jumbojets zeigen, klingen zusammen mit der Arbeit Lily van der Stokkers. Sie hat in zwei Etagen beinahe identische Wandgemälde angebracht und erzeugt so im Schaufilm des Besuchers einen ähnlichen Wahrnehmungssprung wie Sawas Videos.

Mit nur 56 ausgestellten Künstlern hebt sich nach Venedig und vor Istanbul das Ereignis im Südosten Frankreichs durch Konzentration hervor. «Inzwischen eröffnet alle vierzehn Tage eine Biennale», sagt Thierry Raspail, künstlerischer Leiter der ersten Stunde und zugleich Direktor des Lyoner Museums für zeitgenössische Kunst: «Wir müssen uns unterscheiden.» Also verzichtet man an den sechs Ausstellungsorten in Lyon auf derzeit modischen Aktionismus. Auch dem Trend zum summarischen Megaspektakel und dem Diktat des Ganznagelneuen ist man abhold. Stattdessen setzt man auf die Reflexionen des Heute im Gestern: Highlight der Biennale ist die Wiederentdeckung des 77-jährigen Gustav Metzger. Die leisen, intensiven Arbeiten des Deutschen, seine projizierten Flüssigkristalle oder die lauthals-stillen 100000 Zeitungen seiner gleichnamigen Installation geben viel Raum für ruhiges Nachdenken.

Mit ihrem expliziten Bezug zum Kino – der Titel «C’est arrivé demain» geht auf René Clairs gleichnamigen Film aus dem Jahr 1944 zurück – ist die Biennale voll im Trend: Nach der grossen Schau «bandes à part» in Strasbourg wird sich das Museum für zeitgenössische Kunst in Bordeaux ab 23. Oktober «Remakes» widmen. In Lyon bildet der Filmemacher Larry Clark ein programmatisches Gravitationszentrum. Berühmt geworden durch seine «Tulsa»-Fotos von 1971, Tagebuch verzweifelter Jugend zwischen Drogen und Neonreklame, analysiert er auch filmisch das Unbehagen sexuell befreiter Teenies. Mit «Punk Picasso» zeigt Lyon erstmals in Frankreich über vier Räume ausgedehnt sein Selbstportrait aus drei Jahrzehnten Fotografie, Dokumentation, Filmschaffen.

Im Institut für zeitgenössische Kunst im Vorort Villeurbanne, einem der kooperierenden Häuser, hat man sich der Montage zugewandt. Hier ergötzen die prismatischen Effekte des «Geodesic Kaleidoscope» von Jim Drain, Ara Peterson und Eamon Brown oder die Schönheit des fade-out von Philippe Parrenos fluoreszierenden Fotos. Wenn man zuletzt in John Armleders spiegelnden Totenköpfen das Ausstellungspublikum als Bilderpuzzel wiederfindet, versteht man: Das verantwortliche dreiköpfige Dijoner Kuratoren-Team «Le consortium» will, unterstützt von der Belgierin Anne Pontégnie und dem Amerikaner Robert Nickas, statt zum Räsonieren über Kunst zum Nachdenken mit Kunst anregen. Zuletzt haben die eigenwilligen Konstellationen von Consortiums-Mitglied Éric Troncy der Avignoner Sammlung Yvon Lambert ganz neue Einsichten abgewonnen. In Lille, der Kulturhauptstadt 2004, wird das Team unter dem Titel «Flower Power» erneut seine Lieblingskünstler präsentieren.

Nicht immer schlagen ihre Assoziations-Angebote zum Besten aus. So wirken neben Betty Tompkins hyperrealistischen Fuck-Paintings die Leinwand-Drapagen Steven Parrinos, vor allem eine Auseinandersetzung mit der Frage des Tafelbildes, wie vertikale, zerwühlte Betten. Steven als Bettys Bühnenbildner – das bleiben Ausrutscher. Im Rahmen betonter Subjektivität, der «inégalité» verpflichtet, wie Douroux provokativ antirepublikanisch betont, sind Irrtümer erlaubt. Sie machen sogar Spass: Was quer steht, regt zum Weiterdenken an und macht Lust auf den zweiten Blick.

Die Biennale überzeugt mit konzeptueller Konsequenz und individuellen Vorlieben, also auch durch Nichtperfektion. Gerade deshalb können sich mit der Kunst auch die Gedanken entfalten. Wer sich durch das etwas unübersichtliche Shuttle- und Wegweiser-Gestrüpp über teils enorme Distanzen durch Lyon gefunden hat, wird in jedem Fall um eine Kunsterfahrung bereichert nach Hause gehen.
Siehe auch französischen Text, S. 46–47. Geöffnet dienstags bis sonntags von 12 bis 19 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Informationen unter +33–472 07 41 45 oder unter http://www.biennale-de-lyon.org.

Bis 
03.01.2004

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