Luc Tuymans im Kunstmuseum

Luc Tuymans · Bird, 1998, Öl auf Leinwand, 68,5 x 68 cm

Luc Tuymans · Bird, 1998, Öl auf Leinwand, 68,5 x 68 cm

Besprechung

Eines der kleinsten Kunstmuseen der Schweiz zeigt einen der bedeutendsten Maler der Gegenwart. Luc Tuymans entwickelt seit Ende der siebziger Jahre ein komplexes Werk, in dem sich Fragen der Malerei und brisante Inhalte unter der Tarnkappe des Harmlosen verbünden.

Luc Tuymans im Kunstmuseum

Es ist nicht das Oberlicht, das hellt, es sind die Bilder selber. Es ist ein milchig getrübtes Licht, das eine beunruhigende und trostlose Stimmung verbreitet. Die Werkgruppe «Slide» von 2002 zeigt entgegen den im Titel geweckten Erwartungen keine Dias. Es ist das leere Licht des Projektionsapparates auf der leeren Wand im Atelier, das der Künstler als Sujet wählt. Damit greift er das klassische Motiv des Atelierbildes auf, zeigt den Blick hinter die Kulissen und gibt einen Hinweis auf die technologischen Hilfsmittel des Malers, der auf bestehendes Bildmaterial zurückgreift. Ansonsten sind die Informationen wegradiert. Der Überinformation stellt Tuymans ein Leck in der Materie entgegen. «Es geht in meinen Bildern um die Mediatisierung der Wahrnehmung, um die Frage, wie mit Bildern umgegangen wird und was sie bewirken», sagt er. «Je mehr Informationen uns zukommen, desto grösser die Desorientierung, und damit der Verlust an Identität.»

Die Bilder von Luc Tuymans umkreisen die Frage nach der Darstellbarkeit von Geschichte, Erinnerung und Vergessen. Immer deutlicher rückt er den Auflösungsprozess, die Täuschung und Manipulierbarkeit von Wahrnehmung und Gedächtnis ins Zentrum seiner Bildinhalte. Nachdem er im Belgischen Pavillon in Venedig 2001 die Frage nach belgischer Verantwortlichkeit im Tod von Kongos Premier Lumumba gestellt hatte, überraschte er an der Dokumenta in Kassel ein Jahr darauf mit scheinbar harmlosen Stilleben und Interieurs. «Kunst ist für mich immer politisch», entgegnet der Künstler. «Die Idylle-Bilder sind Reaktionen auf den 11. September.» Der Schrecken bekommt Form in den Leerstellen, das Banale erhält einen Überzug von Bedrohung und Katastrophe. Tuymans scheut sich nicht, das Symbol des Heiligen Geistes vom Himmel zu holen und als gelben Kanarienvogel humorvoll domestiziert zu malen. «Bilder sind Fälschungen», sagt Tuymans immer deutlicher. Er will nicht die Wiedergeburt der Malerei beweisen. Es geht um die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Bildern jeder Art. Und die Antwort ist negativ. Ein frühes programmatisches Einzelbild hat der St. Galler Ausstellung den Titel gegeben. «The Arena» spielt auf den Schauplatz von Spektakulärem an, auf den Ort, wo Gewalt und andere Dramen ausgetragen werden, jenes der Malerei, mehr noch aber jenes der Menschheit und ihrem Verstummen.

Bis 
15.11.2003
Autor/innen
Ursula Badrutt Schoch
Künstler/innen
Luc Tuymans

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