Thomas Huber im Kunsthaus

Thomas Huber · Zum Schlaf/Joseph, 1993, Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm

Thomas Huber · Zum Schlaf/Joseph, 1993, Öl auf Leinwand, 120 x 150 cm

Besprechung

Mit Thomas Huber stellt das Kunsthaus Aarau einen rhetorisch begabten Enzyklopädisten vor. Der Künstler hat die Einladung zur Retrospektive angenommen und diese zum Thema eines wandfüllenden Gemäldes gemacht. «Das Kabinett der Bilder» heisst das Werk, welches nun den programmatischen und wuchtigen Auftakt einer sorgfältig inszenierten Schau macht.

Thomas Huber im Kunsthaus

Der kleine Bub steht vor einer Falltüre und staunt ins schwarze Kellerloch. Dazu warnt Thomas Huber: «Ich sage Ihnen...einige Malerkollegen sind schon spurlos verschwunden. Die Bildtiefe ist ein Abgrund, ein gefährlicher Abgrund! Man muss ihr mit Mass begegnen.» Doch Mass war noch nie Hubers Markenzeichen. Im Gegenteil, man könnte eher von Verausgabung sprechen, von einer enzyklopädischen Detailfreude, einem unermüdlichen Schaffensdrang und einem akribischen Ordnungstrieb. Seit seinen ersten Auftritten reiht sich Werkkomplex an Werkkomplex - meist vielteilige Gemäldeserien, gelegentlich ergänzt durch Objekte und andere räumliche Elemente.

Wie wissenschaftliche Schautafeln führen die Gemälde die sorgfältig ausstaffierten Seelenbehausungen und die abenteuerlichen Gedankengänge des Künstlers anschaulich vor Augen. Doch lässt man sich auf die fröhliche Buntheit und die akkurat gemalten Szenerien ein, so scheint die bildhafte Klarheit plötzlich kaum mehr zu den labyrinthischen Erzählungen zu passen. Wie sich überlagernde Hypertexte finden die gemalten Elemente und Figuren immer wieder neue Entsprechungen.

«Schauen» bedeutet auch «vertrauen», fordert Huber. Doch dass der mit seiner neunköpfigen Familie in der Nähe von Düsseldorf lebende Maler (*1955 in Zürich) weder dem Bild noch dem Wort als autochtone Geste vertraut, ist augenfällig. Schon seine ersten Auftritte, 1982 in der Kunstakademie Düsseldorf, ein Jahr später bereits in der Kunsthalle Bern, kamen einem veritablen Tabubruch gleich, galt doch Interpretation in unseren Breitengraden meist als Krücke für ein unvollständiges Bild. Hubers These war gegenläufig: Sein damals präsentiertes Bild «Die Sintflut» hatte er als Echoraum einer Rede gemalt. Im Bild fanden die Worte ihre Entsprechung. Und gleichzeitig trat er als Mediator auf, der durch seine Rede das Bild erst sichtbar werden liess. Damit stellte er sich in die alttestamentarische Tradition der Hermeneutiker, der Zeichendeuter und schlug eine gedankliche Schlaufe von der Urkatastrophe, dem Unwetter als «Vorbild grösserer Unmittelbarkeit» zum Urbild, zur Sprache und wieder zurück zum Bild.

Und dies in einer Zeit, in welcher die individuelle künstlerische Positionierung zu einem zentralen Faktor geworden war. Bereits in den siebziger Jahren hatten die Land-Art-Künstler, ihren Körper zur Vermessung einer masslosen Natur eingebracht und anschliessend ihre Erfahrung aus der realen «Site» ins Museum, den abstrakten «Non-Site» transferiert. Hubers Auftritte im Anzug auf dem Rednerpult wirkten in diesem Kontext fast reaktionär. Nicht physischer sondern gedanklicher Raum war gefordert: «Bilder brauchen Geschichten, keine Räume.» Denn «das Bild hat seinen Ort im Bild.» Heute wirkt diese Geste in ihrer wertkonservativen Haltung schon beinahe wieder revolutionär und in ihrer Dialektik zwischen Realität und Imagination überaus anregend.

Am 21.10., 19 Uhr, Lesung von Thomas Huber in der Ausstellung. Lesenswerter und üppig bebildeter Katalog.

Bis 
06.11.2004
Künstler/innen
Thomas Huber
Autor/innen
Claudia Jolles

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