Chantal Hoefs & Christine Schütz, Bessie Nager und Christine Zufferey im Helmhaus

Bessie Nager · Contre-Parade, 2006, Videostill

Bessie Nager · Contre-Parade, 2006, Videostill

Besprechung

Wieder einmal herrscht die grosse Geste im Helmhaus. Mit installativen Arbeiten haben sich vier junge Zürcher Künstlerinnen die Räume erobert und eigene Welten inmitten der täglichen Wirrnis und Orientierungslosigkeit geschaffen.

Chantal Hoefs & Christine Schütz, Bessie Nager und Christine Zufferey im Helmhaus

Empfangen werden wir im Foyer von einer DVD-Arbeit, die den Kinderumzug am Zürcher Sechsläuten im Zeitraffer zeigt. Am Tag der Kinderparade hat Bessie Nager Kinder ins Helmhaus geholt, und sie an diesem Ort der würdevollen Stille sich austoben lassen. Drei DVD-Arbeiten legen von diesem quirrligen, bunten Haufen in bald beschleunigten, bald entschleunigten Bewegungen Zeugnis ab. Doch die Räume des Helmhauses fungieren neuerdings nicht nur als Spielplatz, sondern auch als Tramdepot. Den grossen Saal versperrt ein Zürcher Tram. Bessie Nager hat es in Anlehnung an das Vormodell des Cobra Trams nachbauen lassen. Allerdings wurde es nicht mit der teuren blauen Farbe, sondern in einer braunen Unfarbe bemalt. Sein scheinbar fast vollständig ausgekerntes Inneres ist so wie jeder Ausstellungsraum hell erleuchtet. In den Fensterrahmen sind Lichtkästen eingesetzt. Sie zeigen nächtliche, quasi delierende Stadtansichten. In den multiperspektivischen Bildräumen wogen Menschenmassen, stehen städtische Wahrzeichen Kopf, treffen Situationen und Dinge aufeinander, die nicht zusammengehören, so dass man sich leicht in ihnen verlieren kann. Für jede dieser ansprechenden Collagen hat Bessie Nager mehrere tausend Bilder aus dem Internet heruntergeladen und verknüpft.

Mit diesen Collagen widerspiegelt die Künstlerin unser kollektives Gedächtnis, visualisiert Vorstellungen der globalisierten Metropole und schafft Metaphern für unsere so unübersichtliche, uns oft entfremdete Welt. Demgegenüber haben Chantal Hoefs & Christine Schütz sowie Christine Zufferey Orte der Ruhe und Langsamkeit, rätselhafte Bildwelten und Stimmungsbilder geschaffen. In einer Videoinstallation von Hoefs & Schütz sieht man den Hafen von Genua mit einem auf einer Mole stehenden Seemann, der ein fragmentarisches Stadtmodell von Genua auf dem Kopf trägt. Die Hafenszene ist durch eine Art gedrungenen Arc-de-Triomphe aus Styropor und Modellierton mit einer Platz-Situation verbunden. Erfährt man in diesen Tableaux vivants, wie sich die Zeit verlangsamt, lässt die bühnenartige Installation von Christine Zufferey den Raum komprimieren. Auch gerät er dank ein paar markanten Grössenverschiebungen in Bewegung: Mit einem hochgezogenen Holzboden, der ein riesiges Blow-up eines Holzbrettes ist. Vor einem Holzloch sitzt ein kleines anthropomorphes Wesen mit Rübenkopf, sinnierend, und gibt uns Rätsel auf. Ansonsten bewohnen Tiere die Installationen dieser drei Künstlerinnen; so liegt eine riesige Hundsrobbe aus Styroporfüllmaterial unter einem Lazarett aus orangefarbenem Storenstoff, dann wiedergibt eine Zeichnung ein walfischähnliches Wesen, das mehr tot als lebendig zu sein scheint, und von stilisierten Wellen angeschwemmt wird. In der DVD Arbeit «Vor der Katastrophe» huschen Hunde nervös und getrieben über eine Freiluftbühne. Die Kreaturen wirken krank, sind vielleicht tot; jedenfalls wenden sie sich an uns, da sie dringend der Rettung bedürfen. In diesem Appell liegt ein bezwingendes Gleichnis der heutigen Welt.

Bis 
18.11.2006

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