Choosing my Religion im Kunstmuseum

Mark Wallinger · Passport Control, 1988, 6-teilige Serie, Fotografien auf Aluminium, 132 x 102 cm, Courtesy Ferens Art Gallery, Kingston upon Hull

Mark Wallinger · Passport Control, 1988, 6-teilige Serie, Fotografien auf Aluminium, 132 x 102 cm, Courtesy Ferens Art Gallery, Kingston upon Hull

Besprechung

Konzis und doch facettenreich zeigt sich die sehr gelungene Thuner Ausstellung zum zeitgenössischen Religionsverständnis zwischen Toleranz und Tradition.

Choosing my Religion im Kunstmuseum

Aus den Seiten einer Bibel schneidet der britische Künstler James Hopkins (*1976) einen Revolver. Eindeutig ist der Verweis auf die enge Verbundenheit von Gewalt und Religion. Doch auch der Gedanke an zahllose Western- und Krimifilme, in denen die Heilige Schrift als Versteck für scharfe Waffen und harte Drinks genutzt wird, liegt nahe. Der unbekümmerte Umgang mit dem Religiösen ist im aufgeklärten Christentum geläufig. Auch Kirchgänger können über Don Camillo lachen. Einige Jugendliche, etwa in der amerikanischen Hip-Hop-Szene, nutzen religiöse Symbole gar als Schmuck, losgelöst von allen Glaubensinhalten. Adel Abdessemed (Algerien *1971) und Sislej Xhafa (Kosovo *1970) thematisieren dies, indem sie Kettchen mit Kreuzen, Davidsternen und der Hand Fatimas gleich einem Goldregen von der Decke rieseln lassen. So viel Freiheit im Umgang mit Religiösem herrscht nicht überall. Nicht nur diverse Glaubensrichtungen, auch verschiedene Glaubensintensitäten stehen sich gegenüber. Wael Shawky (Ägypten *1971) rezitiert in einem niederländischen Supermarkt eine Sure des Koran und schlendert dabei in der leicht wichtigtuerischen Manier eines Fernseh-Moderators durch eine Verkaufslandschaft voll verbotener Genüsse. Diskrepanzen lauern überall. Eine Privatsache ist der Glaube vor allem dort, wo er an Kraft verloren hat. Der innige Glaube kennt kein Sowohl-als-auch und keine ironische Distanz. Gleiches gilt für die Abwehr fremder, unwillkommener Glaubensbekenntnisse. Die sehr kompakte, facettenreiche Ausstellung betrachtet die diffizile Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Religion in wechselndem Licht. Mark Wallingers (Grossbritannien *1959) Arbeit «Passport Control» von 1988 spielt mit der Hysterie, die aus religiösen Vorurteilen erwachsen kann. Indem er vergrösserte Passfotos mit Turbanen, Brillen, Bärten bekritzelt, verwandelt er sich in einen Moslem, einen Sikh, einen orthodoxen Juden: Ein paar Filzstiftlinien nur und schon wird aus einem liberalen Europäer einer, der ein Eiferer sein könnte, ein Fundamentalist, eine Bedrohung. Glauben hat, bei aller Gottgerichtetheit, eine starke diesseitige Dimension. Glaubensgemeinschaften leben, wie auch politische Gruppierungen, im Spannungsfeld zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung. Lidwien van de Ven (Niederlande *1963) widmet sich in ihrer Arbeit dem religiösen Gemeinschaftserlebnis. Sie fotografierte bei einer Amsterdamer Veranstaltung Billy Grahams. Der US-Erweckungsprediger füllt seit Jahrzehnten Fussballstadien mit begeisterten Anhängern. Roland Barthes beschrieb ihn in seinen «Mythologies» bereits 1957 als Verführer der Massen, dessen Methodik der des Marktschreiers gleiche. Wärmend wirkt auch die gläubigste Gruppe nur, wenn man sie von Innen her betrachtet.

Bis 
18.11.2006

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