Ein grosser Konzern hat auch eine kulturelle Verpflichtung

Magdalena Plüss, Foto: Michael Schmid

Magdalena Plüss, Foto: Michael Schmid

Silvie Defraoui · La fontaine du désir II, 2002, Glas, Stahl, Intarsien in Marmor, LCD, Masse: 65 cm hoch, 100 cm Durchmesser, Fotograf: Gaston Wicky

Silvie Defraoui · La fontaine du désir II, 2002, Glas, Stahl, Intarsien in Marmor, LCD, Masse: 65 cm hoch, 100 cm Durchmesser, Fotograf: Gaston Wicky

Fokus

Ein grosser Konzern hat auch eine kulturelle Verpflichtung Ehemalige Familienunternehmen wie die Banken Bär, Sarasin, Ehinger & Armand
von Ernst oder Gotthard verfügen über Sammlungen, die von engagierten Einzeltätern nach eigenem Gusto über Jahrzehnte aufgebaut wurden. Nicht so bei den zwei Schweizer Grossbanken, der UBS und der Credit Suisse, die ihre Aktivitäten im Bereich der zeitgenössischen Kunst breit abgestützt und zunehmend professionalisiert haben. Doch während sich die UBS in erster Linie für internationale Kunst engagiert und mit dem Wolfsberg ein Kultur- und Konferenzzentrum betreibt, das eine breitere Öffentlichkeit anspricht, verfolgt die Credit Suisse einen zurückhaltenderen Weg. Magdalena Plüss, Leiterin der Fachstelle Kunst der Credit Suisse, gewährt uns im Folgenden einen Einblick in ihre Tätigkeit.

Ein grosser Konzern hat auch eine kulturelle Verpflichtung

Claudia Jolles Das Kulturengagement der Credit Suisse basiert auf drei verschiedenen Säulen. Sie leiten einen dieser drei Bereiche, die Fachstelle Kunst. Wie ist diese organisiert?

Magdalena Plüss Die Fachstelle wird durch einen Ausschuss, der permanenten Kunstkommission der Credit Suisse, geleitet. Ihr gehören Mitglieder der Geschäftsleitung sowie ein externer Berater, Matthias Frehner, an. Wir sind für die Sammlung junger Schweizer Kunst sowie Kunst-am-Bau-Projekte zuständig.

CJ Welches sind Ihre Qualitätskriterien bei der Auswahl?

MP Innovationsgehalt und Zeitbezug gehören zu unseren wichtigsten Qualitätsmerkmalen. So hat beispielsweise die Künstlerin Silvie Defraoui für den Lichthof - die Ladenpassage am Paradeplatz in Zürich - einen Brunnen entworfen. Brunnen kennen wir seit der Antike. Silvie Defraoui hat jedoch bewusst zeitgenössische Materialien wie geätztes Glas und Neonschriften verwendet, um uns Wünsche vor Augen zu führen, die mit Geld nicht
zu erfüllen sind, wie zum Beispiel: «Die Sprache der Vögel sprechen können, unter Wasser atmen können?»

CJ Verfolgen Sie eine bestimmte Sammlungsstrategie?

MP Wir stützen uns auf eine interne Rating-Liste mit Künstlernamen. Darauf figurieren Kunstschaffende wie Beat Zoderer, Cécile Wick, Silvie Defraoui, aber auch weniger bekannte wie Vincent Chablais, Gilles Porretbis oder eine Newcomerin wie Nadine Rüfenacht. Wir aktualisieren die Liste regelmässig und haben in diesem Jahr sechs Künstlerinnen und Künstler neu aufgenommen und einige von einem Rating ins nächste gerückt. Mit einer marktorientierten Liste hat unsere Aufstellung jedoch nichts zu tun. Nicht kurzfristige Publizität, sondern eine langfristige Konsequenz eines Kunstschaffens ist für uns relevant.

CJ Wie sind diese Listen strukturiert?

MP Wir unterscheiden zwischen regionalen, nationalen und internationalen Kunstschaffenden. International bekannte Künstler werden meist nur bei besonderen Anlässen oder bei Kunst-und-Bau-Projekten berücksichtigt. Wir können unserer Sammlung nur ein Gesicht geben, wenn wir Werkgruppen von guten Künstlerinnen und Künstlern besitzen, die nicht bereits in zahlreichen andern Firmensammlungen vertreten sind.

CJ Wo werden die Werke gezeigt?

MP Vorwiegend in Kundenzonen, Sitzungszimmern und Empfangshallen. Deshalb hat die Vermittlung oberste Priorität.

CJ Welchen Umfang umfasst die Sammlung der CS?

MP Gesamthaft gehören der Credit Suisse etwa 12000 Werke, zum festen Bestand der Sammlung zählen wir zirka 5000 Arbeiten. Wir kaufen pro Jahr etwa hundert Werke an und sind auch für Restaurierung und Dokumentation zuständig.

CJ Wie bewirtschaften Sie diese Sammlung?

MP Alle zwei Jahre sichten wir den Bestand und scheiden Werke aus, die nicht sammlungskonform sind. Es handelt sich dabei nicht um schlechte Werke, sondern um Arbeiten, die nicht in unser Konzept passen. Des Weiteren führen wir ein Depot, aus welchem bestimmte Mitarbeitergruppen selbst Kunstwerke für ihre Büros aussuchen können, und in einer dritten Triage werden Werke für einen internen Verkauf aussortiert.

CJ Wie unterscheidet sich ihre Kunstsammlung von derjenigen der UBS?

MP Die Credit Suisse verzichtet bewusst auf Artbanking. Dies aus der Überzeugung, dass bei Kunstsammlungen der Liebhaberwert sehr wichtig ist. Dieser entzieht sich meist einer rationalen Begründung. Es ist wie in einer Beziehung: Man lässt einen Partner nicht einfach fallen, weil es ihm schlecht geht, der emotionale Wert ist entscheidend.

CJ Wieso unterstützt die CS die bildende Kunst?

MP Ein grosser Konzern wie die Credit Suisse hat nebst dem Kerngeschäft auch eine kulturelle Verpflichtung gegenüber dem Land und dem Kulturkreis, in dem er entstanden ist und wachsen konnte.

CJ Wird der Stellenwert der Kunstkommission in der Geschäftsleitung generell akzeptiert oder werden karitative und kulturelle Verpflichtungen gegeneinander aufgewogen?

MP Die grundsätzliche Akzeptanz des Kunstengagements ist unumstritten. Diskutiert wird eher die Art der zu unterstützenden Kunst. Der Zugang zu junger zeitgenössischer Kunst bedarf manchmal Aufklärungsarbeit. Ein Beispiel: Für die meisten ist es heute selbstverständlich, dass Bankgeschäfte nicht mehr nur am Schalter, sondern auch übers Internet abgewickelt werden können. Dass das Internet auch ein Ausdrucksmittel für Kunstschaffende sein kann, ist hingegen für viele noch ungewohnt.

CJ Wie steht es mit Ihren Aktivitäten im Ausland?

MP Vorläufig ist die Fachstelle Kunst mit ihrer Sammlertätigkeit schweizweit aktiv. Im Ausland suchen wir die Zusammenarbeit mit regionalen Galerien oder Museen, allerdings werden nur Wechselausstellungen organisiert und keine Ankäufe getätigt. Anders das Kultursponsoring, das sich auch international engagiert, beispielsweise im Shanghai Museum.

SponsoringDie Credit Suisse engagiert sich im Kultursponsoring in den Bereichen klassische Musik, Jazz und bildende Kunst. Das 1856 gegründete Unternehmen konzentriert sich vor allem auf die institutionelle Förderung. Als Unterstützung der Schweizer Museenlandschaft werden langjährige Partnerschaften angestrebt. Diese bestehen zum Kunsthaus Zürich (seit 1991), Museo d´Arte Moderna, Lugano (seit 1992), Kunstmuseum Basel (seit 1994), Kunstmuseum Winterthur (seit 1995), Fondation Pierre Gianadda, Martigny (seit 1996), Fondation de l´Hermitage, Lausanne (seit 2000), Kunstmuseum Bern (seit 2005).

JubiläumsstiftungFür Einzel- und Projektförderung im mäzenatischen Sinn ist die Jubiläumsstiftung der Credit Suisse zuständig. Bedingungen für Gesuche und nähere Informationen: www.credit-suisse.com/foundation

Fachstelle KunstIm Auftrag der Kunstkommission tätigt die Fachstelle Kunst regelmässig Ankäufe von Schweizer Kunstschaffenden für die Geschäftsräumlichkeiten und begleitet Kunst-am-Bau-Projekte. Sie verfolgt dabei drei zentrale Absichten: Schaffung einer anregenden Atmosphäre durch Kunst / Förderung des Schweizer Kunstschaffens / Sehhilfen bieten, um das Verständnis für bildende Kunst bei MitarbeiterInnen und KundInnen zu wecken.

Autor/innen
Claudia Jolles

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