Michael Günzburger und Petra Ronner im Museum Langmatt

Michael Günzburger · durch, 2006, Goldkordel, Rauminstallation, Foto: Andrés Morya

Michael Günzburger · durch, 2006, Goldkordel, Rauminstallation, Foto: Andrés Morya

Besprechung

Die beiden Sommergäste, Michael Günzburger und Petra Ronner, haben die Fenster im Museum Langmatt weit aufgestossen. Das Wohnmuseum, welches dem Erbe der Sammler Sidney und Jenny Brown verpflichtet ist, wird durch die Eingriffe der beiden Geladenen von überraschendem Leben durchdrungen. Das Porzellan in den Vitrinen ist erwacht und musikalisches Vogelgezwitscher lässt die Mauern zwischen den Impressionisten und dem umliegenden Park bröckeln.

Michael Günzburger und Petra Ronner im Museum Langmatt

Summend fallen einem beim Durchschreiten des Parks die Bilder zur soeben gehörten Melodie ein. Der Ohrwurm stammt aus dem Film «The Third Man» von Hitchcock. Doch was hat die hier anklingende Kriminalistik mit der Villa Langmatt zu tun?

Während mehreren Monaten waren die Zürcher Komponistin Petra Ronner (*1963) und der Künstler Michael Günzburger (*1974) im Museum zu Gast. Dabei haben die beiden die Stiftung in subtil-radikaler Geste befragt und kolonialisiert. Der Ort der achtsamen Kunstpflege ist zum Schauplatz schöpferischer Kreation mutiert. Aus Harmonie wurde Reibungsfläche und im Garten klafft ein Loch.

Als Leitmotiv legten die beiden Gäste die Farbe Gold frei. Und erst jetzt fallen die Goldrahmen auf, welche die luftigen Impressionisten umfassen: Offenbar aus historischen Gründen, denn diese Rahmen waren die Zulassungsbedingung für die Pariser Salons. Michael Günzburger hat das Thema aufgegriffen und mit dicken Goldkordeln Türen umschlängelt, Gemälde umwoben und Kriechspuren ausgelegt. Gleichzeitig schickte er eine Armee von fingergrossen Porzellanfiguren aus, die Vitrinen, Tische, Böden bevölkern und Verborgenes auskundschaften. Und auch wir beginnen zu forschen: Wo kommt das Bett her, das mit Schnipseln von ABB-Akten (vormals BBC) zu einem weichen Nest transformiert wurde? War dies das Zimmer von John Brown, dem letzten Bewohner der Villa und Sohn des BBC-Direktors Sidney Brown? Und wie lebte es sich damals, als das zwischenzeitlich zugeschüttete Schwimmbad im Garten noch benutzt wurde?

Für eine kongeniale akustische Durchdringung der musealisierten Stätte sorgte Petra Ronner. So hat sie die Anfangs- und Schlusssequenzen der im Haus vorgefundenen Schallplatten von Harry Brown - Musikliebhaber und Bruder von John Brown - im Wintergarten zu einem subtilen Klangteppich verwoben. Musikalisch getragen, träumt man sich durch die Fensterfront in den Park hinaus. Bis man erkennt, dass die Parklandschaft als Umrisszeichnung auf den welligen Gläsern festgehalten ist - zwei Realitäten, die sich nie ganz zur Deckung bringen lassen. Genau so wenig, wie die vertraut-unvertrauten Klänge bestimmten Stücken zuzuordnen sind. Jede Assoziation verflüchtigt sich, kaum hat sie Gestalt angenommen. Diese Friktion zwischen historischer Realität, traditionellem Kunstverständnis und zeitgenössischem Lebensgefühl macht die kreative Sprengkraft der künstlerischen Eingriffe aus.

Rudolf Velhagen, der hiermit als Kurator eine erste Visitenkarte abgegeben hat, wird wohl auch zukünftig nicht nur auf die hauseigenen Energiequellen setzen. Die Ausstellung zeigt jedenfalls, dass die Reibungswärme aktueller Kunst die Heizkraft des vorhandenen Marmorcheminées wirkungsvoll ergänzen kann.

Bis 
25.11.2006

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