Zoë Mendelson in der Galerie Schleicher+Lange

Zoë Mendelson · Wunderkammer, 2006, Ausschnitt, Galerie Schleicher + Lange, Paris

Zoë Mendelson · Wunderkammer, 2006, Ausschnitt, Galerie Schleicher + Lange, Paris

Besprechung

Einen Sommer lang hat die britische Künstlerin auf den Wänden einer Galerie gearbeitet, die im Marais seit zwei Jahren die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mendelson inszeniert im imaginären Raum der Zeichnung seelische Abgründe und ein Begehren der Linie.

Zoë Mendelson in der Galerie Schleicher+Lange

«You can just see a little peep of the passage in Looking-glass House, if you leave the door of our drawing-room wide open», sagt Alice zu ihrem kleinen Kätzchen und fährt fort: «Only you know it may be quite different on beyond.» Lewis Carrolls «Alice hinter den Spiegeln» ist keine zufällige Assoziation, wenn man in der Arbeit von Zoë Mendelson steht. Sie hat die Galerie im wörtlichen Sinn in einen «drawing-room», einen Raum der Zeichnung und in einen Salon verwandelt, in dem sich eine phantasmagorische Welt spiegelt. Es ist, als könne man in die Wände steigen. «Für mich ist der architektonische Raum wie der Raum in meinem Kopf», sagt die 30-Jährige, die am Londoner Royal College of Art vor sechs Jahren ihren Abschluss erhielt, «ich kann darin umhergehen, mich aber auch darin verlieren». Und sie erzählt, wie sie nach Tagen ununterbrochener Arbeit in den Galerieräumen bei den Galeristen anrief - voller Angst, nicht mehr zurückzufinden. Der Schrecken des Abgründigen überträgt sich auf den Betrachter, wenn er sich auf die Bildgeschichten einlässt, die ihn, wie Alice hinter den Spiegeln, immer tiefer in die Phantasiewelt Zoë Mendelsons führen. Die Zeichnungen, die sie neben Gemälden und Möbel-Objekten erstellt, zeigen organische Formen, die ineinanderfliessen mit kleinen Szenen des Alltags, mit Bildern aus der Werbewelt, mit Gruppierungen kleiner Nymphen in obszöner Verschlingung. Unter dem deutschen Titel «Wunderkammer» zitiert die Ausstellung existierende Bilder Mendelsons und stellt sie in einen anspielungsreichen Illusionsraum. Sie will verblüffen, ja faszinieren. Doch der kühle, sich im Weiss der Wände verlierende Bleistiftstrich erzeugt eine andere Anziehung als die mit Kuriosem vollgestopften Kabinette des Barock. Steht man nah vor der Wand, wird ein Begehren der Linie erfahrbar. Ein Begehren, sich Raum zu schaffen, die weisse Fläche zu teilen, zu öffnen, vorzudringen in die Möglichkeit von Dimension. «Ich träume von einer Zeichnung wie ein Parfum», sagt die in London arbeitende Künstlerin: «Über jede einzelne Komponente des Dufts gelangt man nacheinander zu einem komplexen sinnlichen Erlebnis. Mir geht es um den Weg dorthin.» Es ist die drängende Linie selbst, die sich zu Szenen der Lust ausformuliert ? und zu Szenen des Schreckens führen kann. Zwischen Mendelsons arabeske Vexierbilder kann man noch bis am 25.11. treten - danach wird die Wandzeichnung für immer verschwinden.

Bis 
24.11.2006
Künstler/innen
Zoë Mendelson
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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