Mark Dion im Seedamm Kulturzentrum

Mark Dion · Grasshopper Monologue, 1997, Text und Collage auf Papier

Mark Dion · Grasshopper Monologue, 1997, Text und Collage auf Papier

Besprechung

Als Forscher getarnt inspiziert der amerikanische Künstler naturhistorische und archäologische Sammlungen. Aus den Relikten seiner Expeditionen baut er humorvoll-bissige Kuriositätenkabinette, die unser Verhältnis zur Natur beleuchten und ganz nebenbei Wissenschaftskritik üben.

Mark Dion im Seedamm Kulturzentrum

In einer grossen, antiquiert wirkenden Vitrine ist das Skelett eines Bären ausgestellt, am Boden liegt Zivilisationsmüll, unter anderem ein Kompass und ein Rad. Doch wir befinden uns nicht in einem Naturhistorischen Museum, wie es diese Eingangssituation vermuten liesse, sondern in einer Ausstellung des amerikanische Künstler Mark Dion im Seedamm Kulturzentrum in Pfäffikon.
«The Natural History of the Museum/Die Naturgeschichte des Museums», heisst die Schau doppelbödig und führt doch ganz direkt ins Zentrum seiner künstlerischen Strategie. Immer wieder greift Dion auf Methoden der Naturwissenschaften und Archäologie zurück und inszeniert sich selbst in der Rolle des Forschers. Eine feine Ironie begleitet diese Übertragung, deren Zweck es ganz offensichtlich ist, wissenschaftliche Methoden zu hinterfragen, zu offenbaren, wie Systeme des Wissens aufgebaut sind und funktionieren.
Geradezu didaktisch führt dies Dions «Theatrum Mundi», 2001, vor Augen: Auf zwei Regalen sind Objekte aus ganz unterschiedlichen Kontexten - Bücher, ausgestopfte Tiere, Nippes - nach ziemlich eigenwilligen Klassifikationskriterien hierarchisch übereinander geschichtet. Dazwischen befindet sich ein menschliches Skelett, das dieses hilflose Bemühen um eine Ordnung der Dinge längst hinter sich gelassen hat.
Andere Arbeiten präzisieren diesen allgemeinen Ansatz und entwickeln dadurch eine vertiefte politische Dimension, so zum Beispiel «Ursus Maritimus», 1992-2002. Auf einer Transportkiste, adressiert an das Ruhrlandmuseum in Essen, sitzt ein ausgestopfter Eisbär in einer kleinen Wanne aus Blech, in seiner Schnauze hängt ein Kassettenrekorder. Nicht in der freien Natur hat Mark Dion der gefährdeten Spezies nachgespürt, sondern in verschiedenen naturhistorischen Museen weltweit. Die Fotos, die während dieser musealen Expedition enstanden sind und die Installation begleiten, erzählen von unserem romantisierenden Verhältnis zum Bären (das beim kleinen Knut geradezu groteske Ausmasse angenommen hat) und gewähren gleichzeitig einen erhellenden Einblick in die Geschichte der Museologie. Noch erschreckender ist die Geschichte hinter dem «Monument to the Birds of Guam», einem schwarzen, vertrockneten Baum, an dessen Ästen Schlangen hängen: Auf die Insel Guam im westpazifischen Ozean hatte das amerikanische Militär (ungewollt) eine Schlange eingeführt, die sich explosiv verbreitete und die gesamte Vogelwelt ausrottete.
Es ist ein Art Retrospektive, die Mark Dion mit «The Natural History of the Museum» inszeniert - und eigentlich erstaunlich, dass der international bekannte Künstler sich dafür das private Kulturzentrum am oberen Zürichsee ausgesucht hat. Doch gerade die bei Künstlern nicht unbedingt beliebten Räumlichkeiten mit zahlreichen architektonischen Einbauten und Gliederungen erweisen sich für die Präsentation von Dions Kuriositätenkabinette als ideal.

Bis 
10.11.2007
Künstler/innen
Mark Dion
Autor/innen
Edith Krebs Nduakasa

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