Editorial

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Kinder sind unzimperliche Erbauer und Zerstörer. Von dieser Dynamik können wir Erwachsenen nur träumen. Fast wehmütig schaut man die Aufnahme von «The Great Game to Come» an und stellt sich vor, wie schwungvoll die Jugendlichen im Schaumstoff herumtollen. Die Aktion geht auf ein Projekt von 1968 des dänischen Künstlers Palle Nielsen im Moderna Museet in Stockholm zurück, der damals das Modell einer Qualitäts-Gesellschaft, «The Model for a Qualitative Society», erproben wollte. Das aktuelle Revival verdanken wir einer Gruppe von jungen Kunststudierenden, die das Projekt im Frankfurter Kunstverein neu inszeniert haben. Wenn Hanswalter Graf mit Kindern aus nicht mehr benötigten Dingen ein «Kunsthaus» baut, so ist auch dies ein gesellschaftliches Statement. Kunsthäuser sind - wie die Kunstwerke, die sie beherbergen - Erfahrungsräume. Es geht nicht nur um die darin gezeigten Objekte, um die wertschöpfende Differenz zwischen Aussenraum und schützendem Archiv - wie sie Boris Groys so einleuchtend beschrieben hatte -, sondern ebenso um Freiräume, die man in Besitz nehmen, bespielen und temporär bewohnen kann. Dass durchlässige Kunsthäuser ein Gewinn sind, zeigt auch das aktuelle Projekt «Blicke sammeln» im Kunstmuseum Thun. Die in Zusammenarbeit mit dem See Club kuratierte Ausstellung brachte beispielsweise ganz überraschende Werke aus dem Sammlungsfundus ans Tageslicht. Da hing ein silbergrau flimmerndes geometrisches Gemälde von Peter Somm vor einem sanft schwingenden Spiegelpendel von Werner Witschi. Hier waren offenbar Naturfreunde am Werk, die in der Kunst das Glitzern des Sees und den Rhythmus des Ruderns wiederfanden. Und während sich uns etwas über die kollektive Psyche der See-Club-Mitglieder erschliesst, haben diese sicher etwas über die ästhetische Umsetzung von Wahrnehmungsphänomenen gelernt. Claudia Jolles

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