Erziehung zur Kunst

The Great Game to Come, Installationsansicht mit Solarluftobjekt, Frankfurter Kunstverein, Mai 2008. Foto: Norbert Miguletz 2008

The Great Game to Come, Installationsansicht mit Solarluftobjekt, Frankfurter Kunstverein, Mai 2008. Foto: Norbert Miguletz 2008

Takashi Murakami · Chaos, 1996, Installation in der Canal City Hakata, Fukuoka, Japan. Vinylchlorid und Helium, 500 cm Durchmesser ©1996 Takashi Murakami/Kaikai Kiki Co., Ltd.

Takashi Murakami · Chaos, 1996, Installation in der Canal City Hakata, Fukuoka, Japan. Vinylchlorid und Helium, 500 cm Durchmesser ©1996 Takashi Murakami/Kaikai Kiki Co., Ltd.

Fokus

Kunstvermittlung und ästhetische Bildung erfahren in jüngerer Zeit in der zeitgenössischen Kunst und ihren Institutionen eine deutliche Aufwertung. Dabei bleibt gleichwohl die Frage, um welche Vorstellungen von Kreativität und Kunst es in den Ausbildungsprogrammen und auf den «Spielfeldern» des heutigen Kunstbetriebs geht.

Erziehung zur Kunst

Etwa nur ein Kinderspiel?

«Erziehung zur Kunst»: Das tönt nach erhobenem Zeigefinger - und auch die Umkehr der Worte zum Begriff «Kunsterziehung» scheint die Sache erst einmal nicht besser zu machen. Dabei geht die Grundidee der modernen Kunsterziehung als einer Hinführung von Menschen zur Auseinandersetzung mit Kunst nicht zuletzt auf einen namhaften Museumsmann zurück - den Hamburger Alfred Lichtwark, der als Direktor der Hamburger Kunsthalle und unermüdlicher Förderer der zeitgenössischen Künstler auch das Credo vertrat, dass die Museen selbst einen aktiven Beitrag zu einer entsprechenden Kunstvermittlung zu leisten hätten.
Nun gilt es zwar längst als Selbstverständlichkeit, dass Kunstinstitutionen mit Vermittlungsprogrammen aufwarten, die nicht nur eine Ergänzung zu schulischen Angeboten darstellen, sondern unterschiedlichsten Besuchergruppen Zugänge zu dem erschliessen sollen, was man in Sammlung und Sonderausstellungen präsentiert. In jüngerer Zeit hat dieses Feld jedoch insbesondere im Bereich der zeitgenössischen Kunst eine deutliche Aufwertung erfahren. Wo man vor wenigen Jahren noch einander mit den unterschiedlichsten «Events» zu übertrumpfen suchte und eher darauf hoffte, insbesondere ein jüngeres Publikum über für Kunstnächte engagierte DJs und einen Import des Club-Prinzips für sich gewinnen zu können, wird jetzt «Vermittlung» als Zauberwort (wieder-)entdeckt. Dabei fällt auf, dass zunehmend auch die KünstlerInnen selbst als VermittlerInnen gefragt sind, um aus ihrer Profession heraus und mit ihren Mitteln neue Ansätze für diesen Bereich zu entwickeln.
Ästhetische Bildung und Vermittlung - neue Aufgaben, neue Konzepte?
Nachdem im vergangenen Jahr die documenta 12 mit einem breit angelegten und prominent in das Gesamtkonzept der Grossausstellung integrierten Vermittlungskonzept Furore gemacht hatte, kündigte in Deutschland diesen Sommer das Land Nordrhein-Westfalen unter dem Titel «COLLABORATION.Vermittlung.Kunst.Verein» ein gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Kunstvereine (ADKV) initiiertes Modellprojekt zur Kunstvermittlung an Kunstvereinen an, in dessen Rahmen innovative Konzepte für Projekte gefördert werden sollen, die in Zusammenarbeit von KünstlerInnen, KuratorInnen, VermittlerInnen und BesucherInnen umgesetzt werden; in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (ngbk) Berlin - in der sich freilich nicht erst seit gestern interdisziplinäre Arbeitsgruppen für die Entwicklung entsprechender Programme engagieren - arbeitet die Künstlerin Mona Jas als Stipendiatin für Kunstvermittlung. Und auch die Kunsthochschulen warten neuerdings verstärkt mit einschlägigen Ausbildungsangeboten auf. So hat denn auch die Zürcher Hochschule der Künste im Zuge ihrer Umstrukturierung ein «Institut für ästhetische Bildung und Vermittlung» (Institute for Art Education IAE) eingerichtet. Als Leiterin wurde die Künstlerin Carmen Mörsch bestellt, die sich bereits seit Mitte der Neunzigerjahre auf diesem Feld engagiert und auch für das Vermittlungskonzept der documenta 12 hauptverantwortlich zeichnete.

Abenteuerspielplatz Kunstverein - alte Konzepte neu entdeckt?
Dass sich Künstlerinnen und Künstler in der Vermittlung engagieren, ist an sich natürlich kein neues Phänomen. Spätestens seit Ende der Sechzigerjahre hat es immer wieder aus der Kunst heraus Impulse gegeben, alternative Formen und Formate zu entwickeln - getragen von dem Bewusstsein nicht nur kultureller, sondern gesamtgesellschaftlicher Relevanz einer aktiven und engagierten Hinführung zur Kunst. Und so werden wohl kaum zufällig im Zuge der beschriebenen Entwicklung insbesondere auch jene historischen Konzepte und Projekte wieder entdeckt und aufgearbeitet. So verwandelte sich im Mai dieses Jahres der Frankfurter Kunstverein für eine Woche lang in ein offenes Experimentierfeld, für dessen Konzeption zwei dieser Projekte als Paten aufgerufen waren: Zum einen jener grosse Abenteuerspielplatz, in den der dänische Künstler Palle Nielsen 1968 im Zuge seines Projekts «Model for a Qualitative Society» das Moderna Museet in Stockholm verwandelt hatte, und zum anderen der «Kinderplanet», den der Künstler Thomas Bayrle 1972 gemeinsam mit Mitarbeitern und Studierenden der Hochschule für Gestaltung Offenbach auf dem Gelände der Frankfurter Messe installierte. Beide Projekte hatten ihrerzeit die Frage nach den gesellschaftlichen Freiräumen und Gestaltungsmöglichkeiten gestellt, die mit künstlerischen Mitteln zu schaffen sind - und die Beantwortung dieser Fragen gleichsam in Kinderhand gelegt.
Für den Kunstverein waren es nun Studierende der Frankfurter Städelschule und der Kunstakademie Kopenhagen, die betreut von ihren Professoren Tobias Rehberger und Nils Norman in Auseinandersetzung mit den legendären Vorläufern die Aktionswoche «The Great Game to Come» entwarfen, um vor Ort gemeinsam mit Kindern, Jugendlichen und Besuchern neue Zugänge zu Kreativität und Kunst zu erkunden. Als Ausgangspunkte wurden auf den drei Raumebenen des Hauses verschiedene Installationen entwickelt, die in der Aktionswoche selbst unterschiedlich bespielt sowie weiter ausgestaltet und transformiert werden konnten.
Während der Titel des Projekts an den gleichnamigen Beitrag über die Bedeutung situationistischer Strategien für einen kreativen Urbanismus anspielte, den Constant 1957 für das damalige Zentralorgan der Bewegung, die Zeitschrift «Potlatch» verfasst hatte, ging es den Frankfurter ProjektteilnehmerInnen keineswegs allein um eine enthusiastische Wiederaufnahme der historischen Ideen. Zwar waren es während der Aktionswoche vor allem alte und neue «Abenteurspielplatz-Klassiker», die sich bei den Kindern des grössten Zuspruchs erfreuten - neben Bastel- und Malangeboten allem voran die grossflächige Labyrinth-Architektur, die eine Gruppe von Kopenhagener Studierenden gezimmert und zur Bespielung freigegeben hatte sowie die Werkstatt des Umwelt-Exploratoriums (UX e.V.), in der man den Bau von Solarluftobjekten erlernen konnte. Gleichwohl fand sich unter den Installationen auch Ryan Siegan-Smiths «Kinder-Arbeitsagentur»: Ein ziemlich zynischer, aber durchaus treffender Kommentar auf eine Zeit, in der manche Eltern, den Schrecken von PISA im Nacken und die Sorgen einer ungesicherten Zukunft auf dem Arbeitsmarkt vor Augen, ihre Sprösslinge allzu ehrgeizig mit Bildungsmassnahmen eindecken und in der - dem kreativen Imperativ sei Dank - auch jenseits künstlerischer Karrieren ästhetische Bildung und kreative Entfaltung zunehmend im Zeichen des Leistungsprinzips stehen.

Designer-Spielzeug oder die Erziehung zum zeitgemässen Kunstkonsum
Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf eine zeitgenössische Kunstszene, in der dieses Leistungsprinzip vor allem in die hohe Kunst universaler Selbstvermarktung investiert wird, könnte man allerdings fast meinen, das «bessere» Bildungsprogramm finde nun nur wenige Monate später in der Nachbarschaft des Frankfurter Kunstvereins statt: Im Museum für Moderne Kunst, wo mit «©MURAKAMI» die Warenförmigkeit der Kunst in Reinkultur zelebriert wird. Eine Ausstellung, die sich unverblümt als Produktschau präsentiert und die Räume des Museums in Displays transformiert, wie man sie aus Designer-Shops kennt. Von Malerei über Skulptur, (Musik-)Video und Werbeclip, vom «Urban Vibyl»-Sammlerobjekt über die Baseballkappe und das Kuschel-Cutie bis zum Button für ein paar Euro ist für jeden Geldbeutel etwas dabei. Und natürlich leuchten angesichts all der kulleräugigen Blumen und Bärchen, der bunten Farben, der phantasievollen Transformationen von Räumen und Figuren die Augen kleiner wie grosser Kinder - zumal für letztere, ganz nach Manga-Tradition, auch hinreichend «Sex'n'Crime» mit im Angebot ist. Und jene, die sich auch nach mehr als vierzig Jahren Crossover zwischen Hochkunst und Popkultur für Letztere noch immer nicht wirklich erwärmen können, werden von vermittelnden Beipackzetteln mit Verweisen auf klassische Bezüge von Hokusai bis Jackson Pollock versorgt, um in einer stilisierten Sperma-Fontaine nicht allein den CUM-Shot zu sehen.

Unternehmer in eigener Sache
Hier ist die Kreativität, von besagter Deutungsakrobatik einmal abgesehen, natürlich nur auf einer Seite angesiedelt: Auf derjenigen des Universalkünstlers, der industriell produziert und, jede denkbare Nische nutzend, den Bedarf nicht nur zu decken, sondern vorab erst einmal herzustellen versteht. Für sein Publikum ist dementsprechend weit weniger Spiel- und Handlungsraum vorgesehen: Wie in zeitgenössischen Computerspielen darf es allenfalls reagieren, es darf - durchaus genüsslich und mit allen Sinnen - konsumieren und vielleicht am Ende im Designer- bzw. Künstlershop etwas für daheim erstehen.
Auch das ist, so gesehen, «Erziehung zur Kunst» - und angesichts der Erfolge, die Künstler wie Murakami feiern, mag sie für Momente ungleich zeitgemässer scheinen als das fröhliche Kinderspiel, zu dem der Kunstverein lud. Wenn man sich jedoch klar macht, dass «©MURAKAMI» - ähnlich wie das, was Damien Hirst oder Jeff Koons auf ihre Weise praktizieren - nichts anderes als eine Wiederauflage des Hofkünstlers als Unternehmer in eigener Sache unter den Vorzeichen globaler Marktwirtschaft ist, dann könnte es eben doch lohnen, auf dem Abenteuerspielplatz nach neuen Konzepten für die Vermittlung jener Werte zu suchen, die in den Grundimpulsen kreati­ver Gestaltung liegen. Hierfür Freiräume zu schaffen ist in der Tat eine Zukunftsaufgabe - auch für die Kunst.

Bis 
20.05.2009

Verena Kuni, Kunst-, Medien und Kulturwissenschaftlerin, lehrt Visuelle Kultur am Institut für Kunstpäda- gogik der Goethe-Universität Frankfurt/M. verena@kuni.org
Lektüretipp: Anna Harding, «Magic Moments. Collaborations Between Artists and Young People», Black Dog Publishing, 2005

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Frankfurter Kunstverein Deutschland Frankfurt/M
MUSEUM MMK FÜR MODERNE KUNST Deutschland Frankfurt/M
Autor/innen
Verena Kuni

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