huber.huber

Small Bodies, 2006/2007, Installation mit 80 Fotocollagen, Klebeband und Tusche auf Foto, max. 10 x 15 m.?Alle Werkaufnahmen: Nadia Neuhaus

Small Bodies, 2006/2007, Installation mit 80 Fotocollagen, Klebeband und Tusche auf Foto, max. 10 x 15 m.?Alle Werkaufnahmen: Nadia Neuhaus

Leichter als 21 Gramm (Ornithoptera priamus poseidon), 2008, grüner Schmetterling, Totenköpfe gelasert, Insektenkasten, ca. 10 x 15 cm

Leichter als 21 Gramm (Ornithoptera priamus poseidon), 2008, grüner Schmetterling, Totenköpfe gelasert, Insektenkasten, ca. 10 x 15 cm

Fokus

Es sind vermeintlich wilde Schlagzeilen, welche die Zwillingsbrüder Reto und Markus Huber alias huber.huber mit ihren Arbeiten bebildern: Neben tätowierten Schmetterlingen kommen darin hypnotisierte Uhus und Riesenhaarbüschel in Ruderbooten vor. Was man sonst nur aus Film und Fernsehen kennt, bringen die beiden mit ihrer ersten institutionellen Einzelschau «Vor der Vergangenheit» ins Kunsthaus Glarus. Mit dem Unterschied, dass huber.huber mit menschlichen Ängsten und Sehnsüchten differenzierter umgehen und dadurch ein rasches Weiterzappen verhindern.

huber.huber

Meteorit fiel auf Mauerblümchen

Mittendrin statt nur dabei! Ein Versprechen, welches das Fernsehen auch auf wandfüllenden Bildschirmen nie einlösen wird, das Kunst aber spätestens seit Erfindung der Installation regelmässig erfüllt. Etwa dann, wenn die Zwillingsbrüder Markus und Reto Huber die Räume im Kunsthaus Glarus buchstäblich bespielen: Ihr Auge ist an Spielfilmen und Fernsehserien geschult. Dies wird schon vor dem Eintreten in die von der neuen Leiterin des Hauses, Sabine Rusterholz, betreuten Ausstellung «Vor der Vergangenheit» offensichtlich. Zu Untergangsklängen aus der «Titanic» dümpelt im Teich vor dem Kunsthaus ein gekentertes Boot. Klar, man müsste sich anstrengen, hier einen vernünftigen Badeunfall hinzubekommen, und doch ist der Claim von huber.huber sofort abgesteckt: Wie in vielen ihrer Werke ist eine Situation buchstäblich gekippt - ein Wort, das die beiden oft verwenden - und spielt, wie die schleimige Musik, gekonnt auf der Klaviatur unserer Ängste und Sehnsüchte. Ungleich gekonnter und subtiler, als Film und TV dies tun.

Orbit Treppenhaus
«Wir stören oft eine Idylle», geben huber.huber vor der Werkgruppe «small bodies», 2007/08, zu, und das gilt für ihr gesamtes ?uvre. Mit Klebeband und Tusche montiere sie Meteoriten kurz vor dem Aufprall in Fotos hinein: Das im Türrahmen posierende Mauerblümchen wird zum Star im Filmstill einer unerwarteten Tragödie. Gleiches geschieht den Besuchern in Glarus beim «Meteorite Recon # C-081 (NWA)»: Hier macht ein echter 700 ? Meteorit das Treppenhaus zu einem Miniaturfilmset. Durch einen Motor wird er, so die Brüder, «erneut in eine Umlaufbahn gebracht» und zur filmreifen Bedrohung für die Betrachtenden, die plötzlich merken, dass sie genau darunter stehen. Daneben stehen bleibt man besser beim Werk «Lethe», einem permanent aufgescheuchten Fliegenschwarm aus circa Tausend an Fäden aufgehängten Insekten. Das Erstarren dieser sonst nervig herumschwirrenden Tiere gibt einem das Gefühl, selbst in einem Filmstill umherzugehen. Offen bleibt dabei, ob die Fliegen von der verwesenden Leiche eines Krimis oder vom Hundekot auf den Strassen aufsteigen. Insekten haben bereits ihre eigene Geschichte im Werk der Zwillinge: «In «Lebensraum Atelier» haben wir 2005/06 in unserem Studio tot aufgefundene Insekten in Tuschzeichnungen verewigt.» Hier werden sie zu neuem filmischem Leben erweckt.
Auch New York, wo die beiden 2005 mit einem Zürcher Atelierstipendium ein Jahr verbracht haben, ist eine Konstante im Werk von huber.huber. In «Souvenir (ground 0)», 2007, haben sie nun dem World Trade Center schlicht die Türme abgesägt. «In New York ist etwas geschehen, das man sich nicht vorstellen konnte, aber doch schon in Filmen gesehen hatte.» Das berühmte «durch die Realität eingeholt werden» in ein kleines, vielleicht nicht sehr einfallsreich modifiziertes Erinnerungsstück gepackt. Im Gegenzug haben huber.huber in New York ihre Spuren hinterlassen: In Form von Vogelhäuschen aus Abfallmaterial. Vor dem Kunsthaus sind zwei Glarner Varianten zu sehen, deren Urheberschaft auf Internetforen heiss diskutiert wird. Zitat: «No idea who makes them. My guess is someone with mental problems or an artist making a statement on homelessness. I am tending towards the former.» Obwohl der Blogger eine falsche Vermutung hegte, ist diese doch nicht grundverkehrt. Oft sind die Werkgruppen der Hubers nämlich Skripts für Filme, in denen crazy Wissenschafter eine Hauptrolle spielen würden. So etwa die «Handhabungen», Kohlezeichnungen, in die oft eine menschliche - oder unmenschliche - Hand hineingreift und die skurrile Experimente mit hypnotisierten Vögeln oder kopfüber wachsenden Pflanzen zeigen.

Kummit, Kummit, Kummit

Die Werkgruppe «dark grounds» erinnert dann an frühere Bildverschnitte von huber.huber, in denen unterschiedliche Welten so hart aufeinanderprallten, dass sie zu Realitäten verschmolzen, wie sie nur die Collage erlaubt. Auf diesen schwarz-weis­sen Untergründen wuchern seltsame Bildgemenge mit gesichtslosen Haarprachten und riesigen Haarbüscheln in Booten. Auch hier sind Tiere häufig anzutreffen, meist solche, die wir aus der Werbung lieben - das Marlboro-Pferd - oder aus Gruselfilmen fürchten gelernt haben. Die Zwillinge haben dabei die mit einzelnen Tieren assoziierten Ängste genau hinterfragt. Markus Huber erklärt, dass etwa der Kauz durch sein Vorkommen an permanent beleuchteten Spitälern und seinen speziellen Ruf - «Kummit, Kummit, Kummit» ergänzt Reto Huber - als Todesbote galt. Nicht nur hier fällt auf, dass die beiden beim Gespräch eine klare Rollenverteilung haben. Markus erklärt den Hintergrund eines Werks, Reto liefert Pointe dazu. Ein anderer Fall: Ersterer beschreibt, wie sie auf der Suche nach Meteoriten auf seltene, viel zu teure Exemplare stiessen. «Sie waren überqualifiziert», ergänzt Letzterer. huber.huber bestreiten, dass beim Erarbeiten ihrer Werke die Rollen ähnlich klar verteilt sind: «In einzelnen Arbeiten von Werkgruppen ist die Handschrift des einen oder anderen erkennbar. Wir erarbeiten aber zusammen ein Grundgerüst und führen dann beide alles aus.» 2002, bei einem gemeinsamen Projekt an der ZHdK, wo sie bis 2005 eingeschrieben waren, haben sie auch ihre künstlerische Verwandtschaft entdeckt und mit dem Label huber.huber besiegelt. Worauf die beiden demonstrativ verzichten, ist eine performative Vermarktung ihres Zwillingsstatus. Was auch nicht nötig ist, übernehmen doch ihre Werke die filmreife Performance.
Das Zeug zum Star haben dabei die Hauptdarsteller der Werkgruppe «Leichter als 21 Gramm». Mit Hilfe eines Lasers haben die Hubers hierfür Schmetterlingen - in einigen Kulturen ein Symbol für die Seele, die gemäss gewissen wissenschaftlichen Experimenten 21 Gramm wiegt - Totenköpfe in die Flügel geschnitten. Die brachialen Eingriffe lassen an die tätowierten Schweine von Wim Delvoye oder die diamantbeladene Vereinnahmung des Totenkopfs durch Damien Hirst denken. Und doch wird hier eine ungleich vielschichtigere Begriffsverwirrung angestossen, angefangen bei der Verletzlichkeit, für die Schmetterlingsflügel eines der schönsten Bilder sind, bis zur Flüchtigkeit der Seele, die den Tieren quasi aus den Flügeln gestanzt wurde.

Kunst-Einschaltquote

Nicht zuletzt wäre diesen Schmetterlingen auch in Gruselfilmen eine hohe Einschaltquote sicher. Ein sarkastisches Interesse für die eigene Einschaltquote manifestieren huber.huber mit der Arbeit «Artfacts», einer LCD-Anzeige, in die live ihr momentaner Rang im Ranking von www.artfacts.net eingespeist wird. Die Relativität solcher beliebt-gefürchteter Ranglisten wird hier auf einen sich alle sechs Stunden ändernden Punkt gebracht.
Trotz nur ironischem Ermitteln der Einschaltquote bleibt die Kunst von huber.huber in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Film und Fernsehen, den mitunter verpöntesten, aber auch erfolgreichsten Medien der Gegenwart. Ob man das gutheissen darf? Natürlich, wenn die Kunst derart gekonnt den Mehrwert ergänzt, der sie von der TV-Serie unterscheidet: Indem sie zwar dieselben Rezeptoren trifft, diese aber unvergleichlich länger beschäftigt. Obwohl man etwa beim Meteoriten auf Anhieb dahinter sieht, kommt man nicht so bald hinter den gefühls- und angstbetonten Unterbau des Werks. Die Special Effects der Hubers entlarven sich selbst und erinnern an die Zeit, als Raumschiffe noch mit Wunderkerzenantrieb an Fäden über den Bildschirm gezogen wurden. Eine Zeit auch, in der man seinen Ängsten noch selber auf die Sprünge helfen musste und sie dabei besser kennenlernen konnte. Obwohl auch im Kunsthaus Glarus die Bilderflut gross ist, zappt man nicht sofort weiter. Denn huber.huber bieten keine Unterhaltung pur, vielmehr fordern sie dem Betrachter einiges an Mit-Gefühl und Mit-Angst ab und treffen mitunter empfindlich die Flügel des Schmetterlings Seele. Mittenrein statt nur daran vorbei sogar.

Bis 
22.11.2008

Daniel Morgenthaler (*1978), freischaffender Kunstjournalist, lebt in Zürich. dani_moergi@hotmail.com

Künstler/innen
huber.huber
Autor/innen
Daniel Morgenthaler

Werbung