Andrea Geyer und Sharon Hayes - So tun als ob

Sharon Hayes · Revolutionary Love, 2008. Revolutionary Love 1 & 2: I Am Your Worst Fear, I Am Your Best Fantasy, 2008, Mehrkanal-Videoinstallation, PA-Lautsprecher, Sound. Courtesy Galerie Tanya Leighton, Berlin. Die Installation dokumentiert zwei öffentliche Performances, die Sharon Hayes im Vorfeld der Präsi­- dentschaftswahlen in den USA an den Versammlungen der demokratischen bzw. republikanischen Par­tei aufführte. Die Beteiligten rezitieren dabei einen Text, der um das Verhältnis zwischen privaten und öffentlich-politischen Sehnsüchten kreist. Die Performances nehmen Bezug auf die Geschichte der Schwulenbewegung und die aktuellen politischen Ereignisse in den USA, in denen Krieg als we­sent­liches Argument einer präsidialen Wahlkampagne diente. Dabei stellt die Künstlerin den simplifi­zier­ten Gegensatz von Liebe und Krieg in Frage, wie er sich in traditionellen Slogans wie «Make love not war» oder «All you need is love» manifestiert, indem sie sich stattdessen auf den Geist der Schwulen- und Lesbenbefreiungsbewegung mit ihrem Slogan «An Army of Lovers Cannot Lose» bezieht.

Sharon Hayes · Revolutionary Love, 2008. Revolutionary Love 1 & 2: I Am Your Worst Fear, I Am Your Best Fantasy, 2008, Mehrkanal-Videoinstallation, PA-Lautsprecher, Sound. Courtesy Galerie Tanya Leighton, Berlin. Die Installation dokumentiert zwei öffentliche Performances, die Sharon Hayes im Vorfeld der Präsi­- dentschaftswahlen in den USA an den Versammlungen der demokratischen bzw. republikanischen Par­tei aufführte. Die Beteiligten rezitieren dabei einen Text, der um das Verhältnis zwischen privaten und öffentlich-politischen Sehnsüchten kreist. Die Performances nehmen Bezug auf die Geschichte der Schwulenbewegung und die aktuellen politischen Ereignisse in den USA, in denen Krieg als we­sent­liches Argument einer präsidialen Wahlkampagne diente. Dabei stellt die Künstlerin den simplifi­zier­ten Gegensatz von Liebe und Krieg in Frage, wie er sich in traditionellen Slogans wie «Make love not war» oder «All you need is love» manifestiert, indem sie sich stattdessen auf den Geist der Schwulen- und Lesbenbefreiungsbewegung mit ihrem Slogan «An Army of Lovers Cannot Lose» bezieht.

Andrea Geyer · Aus der Serie: Intaglio (The Audrey Munson Project), 2008, Digitaler Archivabzug, graviertes Glas mit weissem Rahmen, 42 x 52 cm bzw. 52 x 42 cm, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln. Das Projekt zeichnet das Leben eines der berühmtesten Künstlermodelle New Yorks nach: Audrey Munson (1891-1996). Ihr skulpturales Ebenbild findet sich vielerorts im öffentlichen Raum von Manhattan und repräsentiert unter anderem Freiheit, Friede oder Wahrheit. Audrey Munson selbst verfasste über zwanzig Artikel über ihr Leben, legte dabei die Machtstrukturen in Künstlerateliers offen und forderte die Anerkennung der Modelle ein. Intaglio erfasst fotografisch die heute noch in New York zu findenden Skulpturen nach Audrey Munson und überlagert diese mit Darstellungen von Frauenrechtlerinnen aus der damaligen Zeit.

Andrea Geyer · Aus der Serie: Intaglio (The Audrey Munson Project), 2008, Digitaler Archivabzug, graviertes Glas mit weissem Rahmen, 42 x 52 cm bzw. 52 x 42 cm, Courtesy Galerie Thomas Zander, Köln. Das Projekt zeichnet das Leben eines der berühmtesten Künstlermodelle New Yorks nach: Audrey Munson (1891-1996). Ihr skulpturales Ebenbild findet sich vielerorts im öffentlichen Raum von Manhattan und repräsentiert unter anderem Freiheit, Friede oder Wahrheit. Audrey Munson selbst verfasste über zwanzig Artikel über ihr Leben, legte dabei die Machtstrukturen in Künstlerateliers offen und forderte die Anerkennung der Modelle ein. Intaglio erfasst fotografisch die heute noch in New York zu findenden Skulpturen nach Audrey Munson und überlagert diese mit Darstellungen von Frauenrechtlerinnen aus der damaligen Zeit.

Fokus

Alle Arbeiten in der aktuellen Ausstellung «Andrea Geyer/Sharon Hayes» im Kunstmuseum St.Gallen markieren Momente der Vermittlung zwischen Einzelstimme und Öffentlichkeit. Als Besucher werden wir direkt in die Vorgänge einbezogen, stülpen uns Kopfhörer über, lesen Zeitungen oder finden uns mitten in Videoprojektionen, die alle im Modus der Ansprache formuliert sind. Innerhalb dieser Grundkonstellation - und in deren vielfältiger Artikulation - verwischen sich herkömmliche Begriffe von Autor, Protagonist, selbst Lokalität und Zeit.

Andrea Geyer und Sharon Hayes - So tun als ob

Gleichzeitig mit der wachsenden Konsolidierung des Kunstmarkts, einer blühenden alternativen Kulturszene (teils verankert in Lehrinstitutionen) und konkreten Verbindungen mit der Szene in Los Angeles, hat sich in New York in den letzten zehn Jahren eine Vielfalt neuer kollektiver Arbeitsformen entwickelt. Seit jener Zeit haben sich auch die Wege von Andrea Geyer und Sharon Hayes - beide Teilnehmerinnen der Documenta 12, 2008 - immer wieder gekreuzt: Beide erforschen, hin und wieder gemeinsam, die politische Dimension künstlerischer und kultureller Aussagen. Das kollektive Vorgehen wird dabei formgebend und oft Methode, es ist gelebte Theorie, Erforschung des Objekts genauso wie praktische Anwendung.
Der Reichtum dieses Ansatzes offenbart sich in einer breiten Palette von Arbeiten, die aus Klanginstallationen bestehen wie Sharon Hayes' Installation «I March in the Parade of Liberty But As Long As I Love You I'm Not Free», 2007/2008, aus fotografischen Textarbeiten wie Andrea Geyers «Spiral Lands» oder der sinnigerweise über zwei Galerien aufgebrochenen Videoinstallation beider Künstlerinnen, «Cambio de Lugar - Change of Place - Ortswechsel», 2000-2002.

Öffentliche Bekenntnisse
Diese Medienvielfalt versucht, den Ort und den Moment auszuloten, wenn der Einzelne sich als Teil einer politischen Bewegung oder Gemeinschaft erweist, sei es bewusst oder unbewusst. Dieser Moment definiert sich dadurch als Vermittlung, als Übersetzung von Erkenntnissen aus einer Situation in eine andere dank medialer Prozesse, die ihr Aequivalent im künstlerischen Prozess durch Fotografien, Texte, Videos oder dokumentierte Performances finden. Dass unsere Aussagen und Handlungen durch Umfeld, Geschichte und Gesellschaft geprägt sind, ist ein Allgemeinplatz. Die Stimme des Einzelnen aber in ihrer Struktur und ihrer Wirkung und Wirksamkeit als Produkt dieser Einflüsse zu verstehen, ist spannend und irritierend.
Oben beim Treppenaufgang des St. Galler Kunsthauses empfängt den Besucher die entkörperlichte Stimme von Sharon Hayes aus «I March in the Parade of Liberty». Dünn und gleichzeitig tapfer schallt sie durch den (New Yorker) Strassenlärm. Das Liebesbekenntnis verhallt im Leeren, die Geliebte hat sich entzogen, weil die Strassen so voll sind, hat politische Verantwortung wörtlich genommen und das leichtsinnige, vergessliche, schnelllebige Land verlassen. Die Sinnlosigkeit des Bekenntnisses bekräftigt, dass diese Liebe nicht vollzogen werden kann und als nicht endender Sehnsuchtzustand festgefahren bleibt. Dass es trotzdem zum öffentlichen Bekenntnis kommt, ist albern, doch als Geste würdig und mutig.

Kollektive Aussage

Am andern Ende der Ausstellung findet sich Andrea Geyers «Spiral Lands», 2007-2009. Auch hier kommt die Einzelstimme zu Wort. Sie gibt Originaltexte verschiedener Textsorten wieder - Tagebuch, wissenschaftliche Analyse, Pressebericht -, die sich in unser Verständnis der menschenleeren, heroischen Landschaft des amerikanischen Südwestens eingeschrieben haben. Die dazugehörigen wunderschönen Fotografien der Künstlerin belegen diese Narration, aber auch sie entsprechen überlieferten ästhetischen Schlüsseln. Das Werk offenbart die Rolle, die Geschichtsschreibung und Fotografie in der Aneignung dieser Landschaft durch Nichtindianer gespielt haben. Im Werk «Spiral Lands/Chapter 3» wird die Abhängigkeit und Relativität aller vermittelten Aussagen nicht durch textliche Widersprüchlichkeit oder visuelle Konventionen, sondern durch Immaterialität angedeutet: Die poetischen Texte von Simon Ortiz sind ins Glas des Rahmens eingeäzt worden und zeigen sich bloss als Schatten auf dem Fotopapier.
Bei Geyer und bei Hayes spielt der Körper eine entscheidende Rolle als Zeuge und Autor oder als Gefäss und Behälter. Andrea Geyer spricht von der Einzelfigur, dem «nicht biographischen Körper», der durch sein Umfeld beschrieben und geschrieben wird und in seiner physischen Geschlossenheit doch handlungsfähig ist. Besonders eindrücklich ist ihr neues Werk «Criminal Case 40/61: Reverb», 2009, eine 6-Kanal-Videoinstallation, in der eine Figur die Rollen von Angeklagtem, Verteidiger, Richter, Ankläger, Reporter und Zuschauer des Prozesses von Adolf Eichmann von 1961 in Jerusalem spielt. Diese synthetische Figur der kollektiven Aussage hat weder Geschlecht noch Alter und keinerlei Attribut, ein entindividualisiertes Neutrum, das den Ausstellungsbesucher im Zentrum der sechs Videoprojektionen unmittelbar anspricht und doch zutiefst verunsichert.

Liebesbekenntnis einer Minderheit

Sharon Hayes führt uns den kollektiven Körper einer ganz spezifischen Gruppe vor, in der Videoinstallation «Revolutionary Love 1 & 2: I am Your Worst Fear, I am Your Best Fantasy», 2008. Die Arbeit entwickelte sich aus zwei Performances während den amerikanischen Wahlkongressen der zwei Regierungsparteien in Denver, beziehungsweise in Minneapolis-St. Paul im Herbst 2008. Hayes versammelte eine Gruppe von Leuten, die auf ihr Inserat, gesucht sind «flamboyantly gays» geantwortet hatten, und liess sie nun gemeinsam ein Liebesbekenntnis zitieren, das aus dem Mund einer unterdrückten Minderheit unweigerlich zum politischen Akt wird. In ihrer überschäumenden Unmittelbarkeit sind die schillernden Leute alles andere als unauthentisch. Umgekehrt bestätigen sie in ihren extravaganten Kostümen und ihrem Benehmen medial vervielfachte Klischeevorstellungen, erfüllen stereotype Erwartungen. Der Körper ist hier zwar konkret, bleibt aber ganz und gar formalen Kriterien verhaftet und damit trotz dem historisch spezifischen Moment ebenso unfassbar wie Geyers nicht-biographische, synthetische Figur.

Ein Hauch Maskenball

Trotz der zahlreichen Überschneidungen und Anknüpfungen an verwandte Themen und ähnliche Medien schälen sich doch zwei klare Einzelpositionen heraus. Hayes setzt auf die Geste und ihre politische Wirkung, eine Position, die sie wohl ihrer Herkunft aus der Performance-Kunst schuldet und die dem Anlass, dem Impuls allein schon Wert und Gültigkeit beimisst, vor allem weil sie als Konstrukt verschiedener historischer Narrative definiert werden. Geyer inszeniert eine Formensprache aus markanter, vertrauter Schönheit gekoppelt mit normativen Meisternarrativen, deren Inhalt und vermeintliche Aussage sie dann aber vielschichtig unterwandert. Was als Köder lockt, entpuppt sich als Floskel, die aber trotzdem gerade durch den Moment der übermittlung Bedeutung hat.
Die Gemeinschaftsarbeit «Cambio de Lugar - Change of Place - Ortswechsel» nimmt eine Schlüsselposition ein, weil sie die Übersetzung schlechthin thematisiert, die zeitliche Flüchtigkeit von Bedeutung und das Fehlen der eigentlich Sprechenden. Bei allen klaren und strengen Sprachformen, bei allem kritischen Geist ist die Ausstellung aber doch von unerwarteter Schönheit und da und dort von einem Hauch Maskenball durchweht - so tun als ob mag ein tauglicher Leitfaden durch die Ausstellung sein und weist auf Lust, Feier und Sehnsucht hin.

Zur Ausstellung erscheint im Kehrer Verlag eine reich bebilderte Publikation mit Gesprächen der Künstlerinnen mit Mary Kelly und Wu Ingrid Tsang, Yvonne Rainer und Taisha Pagett, Renate Lorenz und Pauline Boudry, Ashley Hunt und Sally Gutiérrez.

Bis 
21.11.2009

Andrea Geyer (*1971, Freiburg/B), lebt in New York
Einzelausstellungen (Auswahl seit 2003)
2008 Performance für «Modern Mondays», MoMA, New York; Galerie Thomas Zander, Köln
2005 «Citizenship: Changing Conditions», IASPIS, Stockholm; «Parallax», Kunstverein St. Gallen in Katharinen, St.Gallen
2003 «Parallax», Secession Wien

Sharon Hayes (*1970, Baltimore), lebt in New York
Einzelausstellungen (Auswahl seit 2003)
2008 «In the Near Future», Tanya Leighton Gallery, Berlin und Warsaw Museum of Modern Art, Poland
2007 «I March in the Parade of Liberty, But As Long As I Love You I'm Not Free», The New Museum for Contemporary Art, New York
2006 o.T.Raum für aktuelle Kunst, Luzern
2005 Art in General, New York, NY; Room Gallery, University of California, Irvine; VideoIn, Vancouver, B.C., Canada

Gemeinsame Ausstellungen (seit 2007)
2008 «9 Scripts from a Nation at War», Gemeinschaftsarbeit mit S. Hayes, A. Hunt, K. Sander, D. Thorne, Tate Modern L2 Gallery, London
2007 «documenta 12», Kassel

Künstler/innen
Andrea Geyer
Sharon Hayes
Autor/innen
Carin Kuoni

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