Teresa Hubbard und Alexander Birchler - Loops zwischen Amnesie und Wiederholung

Grand Paris Texas 2008, Hochaufgelöstes Video mit Ton, 54', Aspect ratio 16:9, Stereo, Sammlung Modern Art Museum Forth Worth, USA

Grand Paris Texas 2008, Hochaufgelöstes Video mit Ton, 54', Aspect ratio 16:9, Stereo, Sammlung Modern Art Museum Forth Worth, USA

House with Pool, 2004, Hochaufgelöstes Video mit Ton, 20', 39', Aspect Ratio 16:9, 2-Kanal Stereo- Installation, Dimension variabel

House with Pool, 2004, Hochaufgelöstes Video mit Ton, 20', 39', Aspect Ratio 16:9, 2-Kanal Stereo- Installation, Dimension variabel

Fokus

Tere­sa Hubbard und Alexander Birchler verdichten alltägliche Situationen zu bildmächtigen Erzählungen mit zahlreichen Bezügen zur Literatur- oder Filmgeschichte. Ihre surrealen, mehrdeutigen Videofilme und Fotografien lassen sich nicht in ein raumzeitliches Kontinuum einordnen und die Grenzen von Innen- und Aussenräumen bleiben oft unbestimmt. Eine umfassende Überblicksschau im Aargauer Kunsthaus bietet nun Gelegenheit, ein Werk kennen zu lernen, das auf brilliante Weise mit filmischen Erzählformen bricht und sie erweitert.

Teresa Hubbard und Alexander Birchler - Loops zwischen Amnesie und Wiederholung

Da verlässt eine junge Frau mit einer Reisetasche unter dem Arm wütend und weinend ihr Heim und steigt in einen Pick-up-Truck. Doch anstatt davonzufahren, rast sie unvermittelt mit dem Wagen ins Haus, sie robbt sich anschliessend aus dem Wagen, geht durch das Haus, schaut sich ihre Platzwunde an der Stirn an - und schon beginnt der Loop wieder von vorne. Für den Film «Single Wide», 2002, wurde von dem gleichnamigen US-amerikanischen Typus einer mobilen Wohneinheit eine Wand entfernt, so dass man wie in ein Puppenhaus gucken kann. Formal interessierte hier das in Austin, Texas, lebende Künstlerduo Teresa Hubbard und Alexander Birchler das Verhältnis zwischen einem Roadmovie und der Architektur eines Trailer Homes, das genau die Strassenbreite von amerikanischen Highways einnimmt. Jeder der hintereinander gereihten Räume steht in Relation zu einem Bildrahmen eines Filmstreifens und ist gekoppelt mit unterschiedlichen Vorstellungen von Zeit. Langsam fährt die Kamera durch die Räume, als ob man die Lebensstationen der Protagonistin Revue passieren liesse. Für den Betrachter wird es zunehmend unerträglich, dass die Frau immer wieder zurückkehrt. Auch erinnert die während des ganzen Loops sichtbare Wunde an ihrer Stirn an ein Kainszeichen.
Thematisiert das Duo hier einen Wiederholungszwang? Teresa Hubbard antwortet darauf, dass sie kürzlich Franz Kafkas Blue Octavo Notebooks wiedergelesen habe. Besonders aufgemerkt habe sie beim dritten Notebook, in dem Kafka das Verhältnis von Zeit und Wiederholung im Mythos von Prometheus untersucht: «Kafka bietet Prometheus andere Auswege aus seiner ewigen Verdammnis, beispielsweise in Form einer ausgedehnten Form der Vergesslichkeit. Es ist interessant über die Vergesslichkeit nachzudenken, über Amnesie in Bezug auf unsere Protagonisten in der Trilogie «Single Wide», «Eight» und «Detached Building». Die Idee der Amnesie eröffnet unseren Protagonisten neue erzählerische Möglichkeiten.» Und Alexander Birchler erläutert: «Was mich an der Wiederholung oder an der Struktur des Loops in unseren Videoinstallationen interessiert, sind die Möglichkeiten der Darstellung von Entfremdung und Trauma. Der Loop präsentiert und impliziert Problematiken der Selbstvergessenheit, des unendlichen Rückzugs, aber er präsentiert und impliziert analog dazu Möglichkeiten zur Selbsterkenntnis, Innenschau, des Selbstzweifels, des Rückblicks. Der Loop ist gleichzeitig ein offenes wie geschlossenes System.» So sind Lücken im Zeitkontinuum, für die Charaktere von enormer Bedeutung und Alexander Birchler ergänzt: «Die Zeit hat sich in diversen Zeitschlaufen zu bewegen», wodurch die lineare in zyklische Zeit überführt wird, in der weder ein Vorher und Nachher noch Kausalitäten existieren. Mit diesen Strategien unterwandern die beiden Künstler genüsslich die filmischen Konventionen.

Ausgefeilte Lichtregie - intensive Atmosphäre
Die Frau in «Single Wide» scheint sich in einem geschlossenen Kreis zu bewegen; selbst Telefonanrufe nimmt sie nicht an. Eine einsam herumgeisternde weibliche Figur trifft man bei Hubbard/Birchler häufig an. Ihre Darstellung wird durch die sie umgebenden Raumstrukturen bedingt. Das Künstlerpaar spricht diesbezüglich von «architektonischen Eingriffen» und postuliert damit eine grosse gegenseitige Abhängigkeit von Architektur und Erzählung sowie von psychischem und physischem Raum mit gleitenden Übergängen zwischen Vergangenheit und Gegenwart und/oder innen und aussen. Die Architekturen sind im Gegensatz zu den konstruierten und inszenierten Plots von ihrer alltäglichen Umwelt inspiriert.
Die Mehrzahl der Filme spielt nachts und mitunter baut sich eine Spannung à la Hitchcock auf: So lebt etwa die Videoinstallation «House with Pool», 2004, die eine potentielle Erzählung nahe legt, von einer zeitweise fast unerträglichen Spannung, obwohl sich - ausser dem Fund des toten Rehkitzes im Swimming Pool - kaum eine dramatische Zuspitzung ereignet. Denn die spannungsvolle Ungewissheit wird vor allem durch Aussparungen erzielt. Viele Szenen bleiben unerklärlich und es liegt am Betrachter, sich darauf einen Reim zu machen. Dagegen ist die Melancholie der Protagonistinnen stark fühlbar. Hier wie in den Fotoserien «Stripping», 1998, und «Arsenal», 2000, erinnern die gefilmten Frauen in ihrer Attitüde an Figuren aus Edward Hoppers Gemälden. Dies ist kein Zufall, wie Teresa Hubbard erläutert: «Mich zieht die Lichtführung in den Gemälden von Hopper an. Hier herrscht ein starkes Gefühl von Projektion - ein Spiel zwischen der Lichtprojektion auf seine gemalten Interieurs und der Projektion des Betrachters auf seine Figuren.»

Zentrale Metaphorik
Die Verwendung von Licht als Mittel, um auf etwas zu verweisen, das sich ausserhalb des Raums befindet, ist auch ein zentraler Aspekt in Hubbard/Birchlers neuester Videoinstallation «Grand Paris Texas». Durch die Löcher im Dach des Gebäudes dringen Lichtstrahlen ein und fallen im Innern auf die Rückseite einer Leinwand. Als Protagonist fungiert ein seit Jahren leer stehendes Kino in Paris, Texas, jener Kleinstadt im Osten des amerikanischen Bundesstaats, die Wim Wenders mit seinem gleichnamigen Film von 1984 berühmt machte, obwohl sie darin gar nicht auftaucht. Mit der Filmcrew, die in die verwahrlosten Räumlichkeiten des Kinos «The Grand» vordringt und den Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern von Paris, Texas über ihre Beziehung zum Kino und ihre Gedanken zu Wim Wenders Film bedient sich das Duo des Genres des Dokumentarfilms. Trotzdem sprengt es diese Gattung. Die von Hubbard/Birchler gefilmte Filmcrew filmt den Zerfall ihres Mediums und damit ihren eigenen. Veranschaulicht wird er mit den im Gebäude lebenden, sterbenden, aber auch wieder neu ausschlüpfenden Tauben. «Mir gefällt die Idee des Erkundens eines Innern, eines heruntergekommenen, leeren, Kinogebäudes», wirft Alexander Birchler ein, «und sich inmitten dieser Ruine die Frage zu stellen, ob es anhand der Spuren möglich ist, Aussagen zu machen, was Kino eigentlich ist. Was das Wesen der Projektion und die emotionale Macht des Kinos sein können.»
Gerade darin liegt für Hubbard/Birchler die zentrale Metaphorik ihrer Fragen nach der Essenz und der Entwicklung des Films. Mit Vorliebe rekurrieren sie auf Themen, die ein Bewohner von Paris Texas, ein ehemaliger Kindsdarsteller des berühmten Hollywoodfilms, Tender Mercies, folgendermassen auf den Punkt bringt: «There's something that we're trying to reach and just don't know what it is and just can't seem to find it. And maybe we have something that reminds us of that, but there's the sense that we're trying to get there, but almost don't even know how to.» Indem das Künstlerpaar diese ihnen ureigene Thematik mit dem Dokumentarischen als einem komplementären Medium verbinden, resultiert mit «Grand Paris Texas» eine Synthese ihres bisherigen Schaffens, das gleichzeitig den Keim von Neuem trägt.

Die Ausstellungsreihe wurde durch das Modern Art Museum of Fort Worth initiiert und anschliessend in einer veränderten Form im Frühjahr im Württembergischen Kunstverein Stuttgart gezeigt.

Bis 
07.11.2009

Teresa Hubbard (*1965 in Dublin)
1985-1988 Kunststudium an der University of Texas in Austin
Alexander Birchler (*1962 in Baden)
1983-1987 Schule für Gestaltung in Basel.
1990-1992 gemeinsames Masterprogramm am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax, seither gemeinsame Arbeiten. Seit 2000 leben und arbeiten sie in Austin, Texas

Einzelausstellungen (Auswahl seit 2005)
2009 Galerie Barbara Thumm, Berlin; Aargauer Kunsthaus, Aarau; Württembergischer Kunstverein Stuttgart
2008 Modern Art Museum, Forth Worth; K21 Kunstsammlung Nordrheim-Westfalen, Düsseldorf
2006 Galerie Barbara Thumm, Berlin; Miami Art Museum, Miami
2005 Museum Sammlung Goetz, München; Centro Galego de Arte Contemporánea, Santiago de Compos- tela; Galerie Bob van Orsouw, Zürich; Kemper Museum of Contemporary Art, Kansas City; Kaiser Wilhelm Museum Krefeld; Pinakothek der Moderne, München; Herzliya Museum of Contemporary Art, Israel

Werbung