X. Lyon-Biennale - Dekoration statt Aktion

Un Nous, Sketches, Project for the Biennale de Lyon, 2009, Ausstellungsansicht X. Lyon-Biennale 2009.

Un Nous, Sketches, Project for the Biennale de Lyon, 2009, Ausstellungsansicht X. Lyon-Biennale 2009.

Yang Jiechang · Underground Flowers 1989-2000, Ausstellungsansicht X. Lyon-Biennale 2009.

Yang Jiechang · Underground Flowers 1989-2000, Ausstellungsansicht X. Lyon-Biennale 2009.

Fokus

Mit Dekoration und Versprechen setzt der Kurator Hou Hanru auf ästhetischen Widerstand. Doch Zauber der Dinge und Lob situationistischen Driftens versprechen nicht jedem eine andere Welt und ein besseres Zusammenleben. Frankreichs Kunstbetrieb ist gespalten: die einen freut die Poesie des Widerstands, die andern finden sie zu zahm.

X. Lyon-Biennale - Dekoration statt Aktion

Würden sie ein Buch stehlen? Auch nicht, wenn auf dem Buch steht: «Klau dieses Buch»? Sie würden, denn es liegt als Haufen im zweiten Stock des Herzstücks der Lyon Biennale, der «Sucrière», ist also Kunst. Sie riskieren nicht viel. Dora Garcias offene Performance «Steal this book» bringt die zehnte Ausgabe der Lyon-Biennale auf den Punkt. Wie die 44-jährige Spanierin, deren Arbeit man gerade in der Kunsthalle Bern als Teil von «Conspiracy» sehen konnte, zum situationistischen Akt unter Laborbedingungen einlädt, so schafft die ganze Biennale zwar Denkanstösse, aber keine politischen Erdbeben. Die Zeitung Le Monde bejubelte sie als «beste, kohärenteste und visuell überzeugendste», viele Akteure der französischen Kunstszene finden sie «enttäuschend», «naiv», «ohne Biss». Die polarisierten Reaktionen auf die Biennale zeigen einen Hunger nach aufrechter Politik, in der man etwas aufs Spiel setzt. Man will endlich Klarheit im Seifenschaum der Kulturindustrie, Sand im Getriebe. Doch die zehnte Ausgabe der Biennale bringt überwiegend Dekoration und Versprechen statt Aktion und Verbrechen.
Schon die Eingangshalle der Sucrière wirkt mit ihren blauen, floralen Mustern, die sich über Boden, Wände, Decke ziehen, wie das Futteral einer Biedermeier-Spieluhr. Dass es Worte wie «godpisses», «godshit» und ähnliche Blasphemien sind, die der 33-jährige Chinese Tsang Kinwah durch die Blume schreibt, dürfte wohl nur religiöse Fanatiker schocken. Aber die kommen eh nicht zur Biennale nach Lyon.
Hatte Hou Hanru das gemeint, als er im Mai im Interview sagte, dass die Jubiläums-Biennale unter dem Titel «Spektakel des Alltags» einem allgegenwärtigen «ästhetischen Voyeurismus» begegnen und «die Ausstellung als Widerstands-Raum» nutzen solle? So naiv ist der 48-jährige Kunst-Macher aus der Hans-Ulrich-Obrist-Generation, selbst als Rädchen im kulturindustriellen Global-Getriebe zwischen Paris und dem Art Institute von San Francisco unterwegs, nicht. Er weiss, dass Kunst nur den erreicht, der ihren Ruf auch hören will. An dieses neugierige und denkfreudige Publikum wendet er sich, wenn er «Ausstellungen als Diskurs» konzipiert, als «eine Art Statement in Bezug auf aktuelle kulturelle, künstlerische, soziale und - ja, warum nicht - auch politische Fragen. Dafür muss man Künstler finden, die, immer verschieden, immer kontextbezogen, am kohärentesten auf die Fragen der Gesellschaft antworten.»

Kunst des Handelns?
Für diese schwierige Aufgabe, die vor allem vermeiden muss, Künstler zur Illustration kuratorischer Konzepte zu finden, blieben Hou nur sechs Monate, denn er sprang ein, nachdem Catherine David hingeworfen hatte. Das Ergebnis ist durchaus kohärent: Die Werke passen zu den von ihm gewählten Themen, ein klares Orientierungssystem führt durch Ausstellung und Katalog zu «Zauber der Dinge», «Lob des Driftens», «Eine andere Welt ist möglich» und «Zusammenleben». «Ausstellungen sind kein Selbstzweck», sagt Hou Hanru, «sondern Plattformen, welche die Verbindung zwischen künstlerischer Arbeit und sozialem Kontext (wieder)herstellen». Das gelingt mit Adel Abdessemeds Video «Hot Blood», ein Mann mit Clownsnase, in dessen irrem Lachen man ab und an «I am a terrorist» identifizieren kann. Es gelingt mit Fikret Atays Video «Theorists», in dem Leute scheinbar bedrohlich aus dem Koran singen. Sie formen ästhetisch, was politisch ängstigt, weisen hin auf Macht und Täuschung der Bilder. Auch die Schädel und Knochen aus feinstem China-Porzellan, blau und delikat verziert, die Yang Jiechang im dritten Stockwerk unter dem Titel «underground Flowers» mit Verweis auf Chinas Menschenrechtsverletzungen aufgeschichtet hat, rufen auf poetische Weise eine politische Realität ins Gedächtnis. Die subversive Poesie des Alltags machen Ian Kiaers «Bruegel Project», ein Raum mit armen, verlorenen und gerade darin schönen Objekten oder George Brechts «Chair events» aus den Siebzigern erfahrbar, führen zur eigentlichen Frage der Biennale: Ist in der Kulturindustrie eine andere Kunst möglich?

Spektakel des Alltags
Doch manchmal verläuft sich der Kurator, fängt beim Nachspüren weltverändernder Ästhetiken im Zeichen von Guy Debords «dérive» und Michel de Certeaus «Kunst des Handelns» die Poesie im Spektakel des Alltags ein und übersieht dabei bisweilen deren Propaganda. Überflüssig wirkt Pedro Cabrita Reis' Neonröhren-Dekoration der als Industrieruine selbst schon aussagestarken Lagerhalle in der rue Bichat; verfehlt scheint Laura Genz' Dokumentation der Besetzung der Pariser Börse durch «Sans Papiers», 2008, die in der Fondation Bullukian eher belächelt wurde, als zum politischen Einsatz anzustacheln. Statements wie diese rennen offene Türen der political correctness ein, sind zu schwach, um aus Hübschem Handlung zu machen. Auch Agnès Varda oder Sarkis, denen unnachvollziehbar viel Raum gegeben wurde, wirken hier wie blosse Ornamente des Widerstands.
Kunst an ihrem Engagement zu messen, aktuell viel diskutiertes Thema im französischen Kunstbetrieb, verfehlt bisweilen das eine wie das andere. Unvergessen, wie mit Jérôme Sans' Ausstellung «Hardcore» im Palais de Tokyo jeder wirkliche Aktivismus im institutionellen Rahmen erstarrte. Kunst kann eben, das ist ihre Stärke, immer nur vermittelt handeln, durch ästhetische Formen, wie die Ironie, mit der das Kollektiv UN NOUS den Aufruf «Artistes encore un effort» - «Künstler, strengt euch noch mal an» als Plakat an die Wand hängt. Ohne Ausrufungszeichen.

Bis 
02.01.2010

Lyon Biennale, Gründung 1991, Gesamtleitung Thierry Raspail, Direktor Musée d'art contemporain. In jeder Ausgabe sind Gastkuratoren involviert, darunter Harald Szeemann oder Hans Ulrich Obrist und Stéphanie Moisdon. Inzwischen zum wichtigsten nicht-kommerziellen Kunstereignis Frankreichs avanciert zeigt die aktuelle Biennale 70 Künstler (35 Neuproduktionen) an vier Spielorten und als urbane Interventionen (von der Privatwohnung bis zum Restaurant). Auch Vororte wie das Institut d'art contemporain in Villeurbanne werden einbezogen.

Künstler/innen
Fikret Atay
Yang Jiechang
Autor/innen
J. Emil Sennewald

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