Carmen Perrin - Bohrungen in Film- und Familiengeschichte

Carmen Perrin · Forages, Les Cahiers d'Alberto, (cahiers du cinéma 1960), 2012, 103x89x2 cm

Carmen Perrin · Forages, Les Cahiers d'Alberto, (cahiers du cinéma 1960), 2012, 103x89x2 cm

Besprechung

Die Genfer Plastikerin hat in den letzten Jahren viele Werke im öffentlichen Raum realisiert und oft Galerien bespielt. In der ersten institutionellen Schau seit 1996 ist nun endlich wieder einmal vor Werken aus verschiedenen Epochen ihres Schaffens zu erleben, wie beherzt, sinnlich und komplex dieses ist.

Carmen Perrin - Bohrungen in Film- und Familiengeschichte

Nach wiederholten Schikanen duch die bolivianischen Behörden bringt Alberto Perrin sich und seine fünfköpfige Familie in der Heimat seiner Vorfahren in Sicherheit. Noch im gleichen Jahr löst er ein Abonnement der Cahiers du Cinéma, das erst nach seinem Tod 1988 gekündigt wird. Die jüngste Tochter, Carmen, übernimmt den Stapel. Zwanzig Jahre später bereitet sie ihn nun chronologisch zu drei monumentalen Tafeln auf - schwarz und weiss die Sechziger-, gelb die Siebziger-, bunt die Achtzigerjahre - und beginnt, diese in Reih und Glied konisch zu durchlöchern, bis sie eine Mimik oder eine Geste auf einer Abbildung im Innern der Hefte aufhält.
In ‹Forages, Les cahiers d'Alberto›, 2012, sind Praktiken und Themen Perrins miteinander vereint, die in anderen Arbeiten gesondert auftauchen. Da ist das Multiplizieren von Stratifikationen und Perforationen, mit der die Künstlerin die Materie als etwas begreift, das sich in einer ständigen Bewegung zwischen Fülle und Leere befindet, zusammenkommt und auseinanderstrebt, aber grundsätzlich nie alles von aussen enthüllt, sondern ein oft unerwartetes Innenleben besitzt. Da ist die Akzentuierung materieller Spuren, in welchen sich individuelle und kollektive Erinnerungen konzentrieren. So gedenkt sie in ‹Forages› nicht nur ihres geliebten Vaters, der - vielleicht gerade weil er im Exil nicht mehr selbst als Intellektueller und Kreativer aktiv sein konnte - alles getan hat, um Perrin und ihren Schwestern den Geschmack an den geistigen und künstlerischen Abenteuern des 20. Jahrhunderts zu vermitteln. Mit dem Mosaik von hunderten von Standbildern aus Filmen von 1960 bis 1990 vergegenwärtigt sie zugleich die grosse Zeit des Kinos, das den fundamentalen gesellschaftlichen Wandel in diesen Jahrzehnten ebenso dokumentierte wie konstruierte.
Das in einem alten Wohnhaus eingerichtete Musée d'art de Pully bietet mit seinen zwischen privatem und publikem Klima oszillierenden Räumen einen wunderbaren Rahmen für eine Vertiefung in das Schaffen Perrins, das trotz unverkennbarer Züge erstaunlich vielgestaltig ist und vor allem Spiel und Ernst umfasst, oft in ein und derselben Plastik oder Installation. In einer der neuesten wird das Pessoa-Zitat «Au bord de moi-même, je m'arrête, je me penche...» aus Windlichtern flackernd an die Wand geworfen. Nun, wenn man regelmässig bei sich einkehrt, kann man in der Welt draussen so manche Freiheit auskosten.

Bis 
23.11.2013

ohne Katalog, aber mit hervorragenden zusammen mit der Künstlerin erarbeiteten pädagogischen Saalblättern

Ausstellungen/Newsticker Datumaufsteigend sortieren Typ Ort Land
Carmen Perrin 12.09.201324.11.2013 Ausstellung Pully
Schweiz
CH
Autor/innen
Katharina Holderegger Rossier
Künstler/innen
Carmen Perrin

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